Tagesberichte – vom Maloja Pass bis Airolo – 22.07.19 – 31.07.19

Tag 78: 31.07.2019, Mittwoch

Von Aquacalda am Lukmanierpass nach Airolo am Gotthard. Strecke 25, 00 km. Gehzeit 6.15 h. Aufstieg 1350 m. Abstieg 1930 m. Zunächst Regen, ab Mittag bewölkt und trocken mit angenehmer Wandertemperatur.

Wir starten gemütlich um 08.45 Uhr in Richtung Airolo.  Airolo ist für uns ein Meilenstein auf unserer Alpentraverse. Hier werden wir die dritte mehrtägige Erholungspause einlegen. Das Erreichen unseres finalen Zieles am Mittelmeer ist nun ein grosses Stück wahrscheinlicher geworden. Zunächst geht es aber von Acquacalda am Lukmanierpass hoch zum Passo del Sole auf 2376 m. Der Pass macht seinem Namen heute aber keine Ehre, da sich die Sonne nicht blicken läßt. Er sollte eher Passo della Pioggia heißen, weil es bald ziemlich heftig zu regnen beginnt. Wir ziehen unsere Ganzkörperkondome aus Goretex an. Die werden bald – um bei der anzüglichen Terminologie zu bleiben – aussen wie innen feucht. Die zugesicherten Eigenschaften von Goretex gelten offensichtlich nur unter Laborbedingungen. In der täglichen Praxis ist der Autor dieser Zeilen zu Fuß, auf dem Fahrrad und auf dem Motorrad in Goretexkleidung verschiedener Hersteller mehr als einmal nass geworden. Beim Bergschuh mit Goretex Membran läuft neuerdings das Wasser leicht hinein, dann aber nicht mehr hinaus. Vice versa wäre besser. Nun nach Überschreiten des Passes wird das Wetter im schönen Val Piora aber bald besser. Wir haben nun gute Sicht auf eine der grössten und stillsten Hochebenen der Schweizer Alpen. Das Val Piora mit seinen 28 Bergseen gilt als eine der schönsten Regionen des Tessins und ist bekannt für seinen Pflanzen- und Tierreichtum. Stetig abwärts geht es nun zur modernen und gut geführten Capanna Cadagno auf 1987m. Dort machen wir Mittagspause bei Pasta, Merlot und einem guten Kaffee. Anschließend wandern wir locker zum Ritomsee, dem größten Stausee des Tessins. Über abwechslungsreiche und bestens beschilderte Wege und Steige marschieren wir hinunter nach Airolo, wo wir gegen 17.00 Uhr ankommen. Die fast 2000 Höhenmeter im Abstieg merken wir natürlich in den Knien. Daher sind die nun anstehenden Erholungstage sehr willkommen. Ab jetzt wird sich der Charakter der Tour allerdings etwas verändern. Nun folgen wir über die noch ausstehenden etwa 52 Etappen weitgehend der gut beschriebenen Grand Traversata Alpi (GTA) und die letzten 2 Wochen dem französischen GR 5. Das bedeutet weniger eigene Anstrengung bei der Routenplanung.  Die Übernachtungen werden wir nun auch nicht mehr mehrere Tage im voraus reservieren. Das bedeutet einerseits mehr Spontanität bei den Gehzeiten, der Wahl der Übernachtungsorte, der Reaktion auf Schlechtwettertage, andererseits aber auch mehr Risiko, das ein oder andere Mal biwaken zu müssen. Darauf haben wir uns beide mit einer Erweiterung der Ausrüstung eingestellt. Biwakzelt, Isomatte und Daunenschlafsack sind nun immer dabei. Es bleibt spannend. Wir verabschieden uns nun bis Mittwoch, dem 07.08.2019. Dann geht es mit der Tagesberichterstattung weiter. Bis dahin allen Lesern schöne Sommertage.

Am Passo del Sole (2376m)……ohne Sonne
Blick auf Airolo (rechts der Gotthard)

Tag 77: 30.07.2019, Dienstag

Von der Scaletta Hütte nach Aquacalda. Strecke 22,3 km. Gehzeit 6.15 h. Aufstieg 1210 m. Abstieg 1700 m. Sonne und Wolken, leichte Brise, bestes Wanderwetter.

Nach einer alles andere als entspannten Nacht im Massenlager der Scaletta-Hütte (2200m) starten wir nach einem hektischen Frühstück schon um 7.45h. Die Hütte war mit ca. 50 Personen belegt, für die es genau 1 Toilette gab. Es ist also eher eine frühe Flucht als ein entspannter Start. Ein sehr kalter und starker Wind von der Greina lässt uns dick angezogen losgehen. Wir nehmen den Talweg nach Blenio und da bald die Sonne scheint, wird es schnell wärmer. Nach 9 km und 1000 Höhenmeter im Anstieg sind wir kurz vor 11h im einzigen Cafe von Blenio und trinken etwas, essen dazu auch ein Sandwich. Das tut uns gut, denn jetzt ist die Scaletta-Hütte Vergangenheit. Gestärkt geht es dann richtig steil hoch auf den Passo Cantonil (1937m), was wir nicht in 2, sondern in 1,5 Stunden schaffen. Dafür sind nicht nur unsere T-Shirts verschwitzt. Deshalb machen wir dort eine Pause von 30 Minuten und geniessen die fast lieblichen Berge und Täler mit ihren Wiesen und Wäldern. Alles grün, Schmetterlinge sitzen auf unseren Rucksäcken vor allem an den Stellen, wo wir geschwitzt haben. Keine Mücken oder Bremsen, weil es keine Rinder/Kühe gibt. Die restlichen 3 Stunden sind dann ein permanentes Auf und Ab über verschiedenste Wege, bis wir endlich über das Croce Portera 1958m auf einem schönen Weg in Aquacalda um 16.00 Uhr ankommen. Eine Dusche im Zimmer kann der Himmel sein. Es war heute dennoch eine lange Wanderung mit vielen Höhenmetern bei sehr angenehmen Temperaturen. Zum Abschluss des Tages sehen wir nach einem kräftigen Gewitterregen einen wunderschönen, vollkommen geschlossenen Regenbogen.

Blick von der Scaletta-Hütte auf das Tal von Campo Blenio

Tag 76: 29. 07.2019, Montag

Von Vrin über den Passo Diesrut und die Greinaebene zur Scaletta Hütte. Strecke 18,1 km. Gehzeit 5.35 h. Aufstieg 1480 m. Abstieg 720 m. Sonne und Wolken, leichte Brise, bestes Wanderwetter.

Der Morgen beginnt mit einem guten schweizer Frühstück. Ein Müsli mit frischen Früchten ist auch dabei. Draußen ist es noch neblig, gutes Wetter aber angesagt. Etwas Überwindung kostet es, die vom Vortag noch feuchten Schuhe anzuziehen. Der Wirt hatte kein Zeitungspapier zum Ausstopfem der Schuhe, weil er die Nachrichten digital liest. Ein weiterer, bislang wenig bekannter Nachteil der Digitalisierung: morgens feuchte Bergschuhe. Start unserer Tour ist um 08.15 Uhr. Zu Beginn geht es ca. 3 km der Strasse entlang in Richtung der Weiler Cons und Sogn Giusep (ladinisch – deutsch St. Josef). Jeder Weiler hat nur ein paar Häuser aber immer sein eigenes Kirchlein. Auf dem Weg zum Pass Diesrut (2428 m) lockert das Wetter immer mehr auf. Steilere Abschnitte wechseln sich mit langgezogenen Anstiegen ab.  Wir wandern nun vom rätoromanischen/ Walser in den italienischen Sprachraum. Man nimmt an, dass der Pass schon in der Bronzezeit als Übergang genutzt wurde und seit dem Mittelalter ein Saumweg vorhanden ist. Kurz nach der Passhöhe öffnet sich der Blick auf die weite Ebene der Greina. Die Greinaebene ist eine herausragende Naturschönheit. Der Weg senkt sich sanft in die von Flussarmen durchzogene Ebene ab. Die Greinaebene hat zahlreiche Sümpfe, ausgedehnten Weiden und  imposanten Bergkulissen. Wir bewegen uns heute fast immer deutlich über 2000 m Seehöhe. Im Bereich des Passo della Greina (2357 m) stehen die gelblichweissen Rauhwacketürme und man sieht plötzlich an den Farben  die geologischen Gegensätze: im Norden die kristallinen Gesteine des Gotthardmassiv, angrenzend die hellen Dolomite und südlich die schwarzen Tonschiefer.  Vom Pass aus sind es dann nur noch wenige Minuten bis zur Capanna Scaletta auf 2205 m, die wir um 15.00 Uhr erreichen. Zum Schluß noch eine allgemeine Reflexion zum Wetter. Der Bergsteiger steckt in einem Dilemma. Meist ist das Wetter entweder zu warm oder zu kalt, zu feucht oder zu trocken. Nach dem miesen Tag gestern, haben wir heute mal Idealverhältnisse. Sonne und Wolken, mittlere, angenehme Temperatur, kein Niederschlag, abwechslungsreiche, schöne Landschaft. Ein rundum gelungener Wandertag, Alpenspaziergang!

Abschließend ein paar Worte zur Erstellung der Tagesberichte: Das Tippen mit einem Finger auf der Handytastatur zumal nach einer langen Wanderung ist mühsam und fehleranfällig. Dazu kommt die teilweise lästige Autokorrektur. Da wird dann beispielsweise aus einem  bitteren Wermutstropfen ein „Wehmutstropfen“. Wir bitten den geneigten Leser deshalb um Nachsicht für die ein oder andere Stilblüte oder  Fehler im Satzbau oder Rechtschreibung.

Blick vom Passo Disrut zum Piz Palas
Das Greina-Hochtal

Tag 75: 28.07.2019, Sonntag

Von Vals nach Vrin. Strecke 18,8 km. Gehzeit 7.15 h. Aufstieg 1620 m. Abstieg 1400 m. Bewölkt und kühl. Häufig Nieselregen bzw. Feuchtigkeit von Wolken oder Nebel.

Der heutige Tag fällt sicherlich nicht unter die Kategorie „Alpenspaziergang“. Wir gehen seit einigen Tagen und bis Airolo konsequent von Ost nach West, nur dummerweise verlaufen die Täler jetzt von Süd nach Nord. Heisst: Vom Tal hoch über den Berg und wieder runter ins Tal. Bis Airolo (Mittwoch) sind wir dann 22 Tage am Stück gewandert und machen dann ein paar Tage Pause. Trotz des Wetters müssen wir also über den Berg. Nur einmal vorher hatten wir an einem Tag mehr als 3000 Höhenmeter im Auf- und Abstieg zu bewältigen. Die heutige Strecke gliedert sich in 3 Abschnitte. Von Vals (1300m) in 4 Stunden (10km) steil hoch zum Fuorcula da Patnaul (2772m), dann innerhalb von 3km sehr steil runter um 1000m auf 1640m, dann gut 5km im leichten Auf und Ab bis Vrin. Eigentlich schon keine leichte Tour. Allerdings regnete es gestern und in der Nacht und jede Wettervorhersage für die beiden Täler (und natürlich den Gipfel) sagte Regen voraus. Wir kommen erst um 8.45h los, weil es das Frühstück erst um 8.00h geben soll. Wir ziehen neben den kurzen Hosen gleich die Regenhosen an, Rudi erstmals auch mit langärmigen TShirt. Es ist kühl, der Himmel vollständig wolkenbehangen. Ab Vals gehts gleich steil hoch durch nasse, rutschige Wiesen, dann weiter über einige Fahrstrassen und durch Wald. Die grösste Gefahr ist erstmal, nicht auf den vielen (Nackt-)Schnecken auszurutschen. Es fängt bald zu nieseln an und wir ziehen unsere Regenjacken an. Trotz der kühlen Temperaturen kommen wir ins Schwitzen. Der Weg ist gut markiert und wir steigen schnell auf. Wir kommen durch ein Waldstück mit einem angenehmen „Ave Maria Weg“ (die Walser hier im Tal sind stets katholisch geblieben) und kehren auch nicht auf der Leisalm (2100m) ein, sondern ziehen in Richtung Schwarte. Ab hier sind wir auch über der Waldgrenze, es wird feuchter, windiger und vor allem kälter. Es zieht sich, bis wir die fast 2800m auf der Fuorcola Patnaul erreichen, halten uns um 11h dort so bei 5-6 Grad, peitschenden Wind und Feuchtigkeit von oben gar lang nicht auf. Wir waren in 4.15h oben, die Angabe der Tafeln war 5.30h. Die Hoffnung, dass wir das Schlimmste überstanden haben, verflüchtigt sich aber schnell. Für ca. 45 Minuten geht es bei böigen, kalten Wind sehr steil ab über nasse, rutschige Stein- und Geröllfelder sowie sandigem Boden, was kräftig auf die Knie geht. Anschliessend noch 30 Minuten steil über holprige Gras-/Steinflächen, mit Murmeltierlöchern, die ebenfalls sehr rutschig waren. Allerdings war kein besonderer Regen festzustellen und es wurde langsam wärmer. Daher machen wir neben dem Camp eines Schäfers unsere fast einzige Pause und essen auch einen Teil unserer gestern eingekauften Brote. Weil es so feucht war, haben wir fast nichts getrunken. Dann noch eine lange und steile Passage mit hohen Gräsern am Steig, der voller Schaf- und Kuhscheisse war. Der Weg abwärts war viel schlimmer als der Aufstieg.
Es tat gut, unten angekommen zu sein und wieder „normal“ über Forststrassen hoch und runter nach Vrin gehen zu können. Eine Viertelstunde vor Vrin kam der Regen zurück (darauf hätten wir gern verzichtet) und wir kamen nass, müde und erleichtert in unserer Unterkunft an. Eigentlich unverständlich, dass eine heisse Dusche so angenehm sein kann, obwohl wir heute genügend Feuchtigkeit bekommen hatten.

Walserhäuser beim Aufstieg zum Patnaulpass
Blick auf die Kirche in Vrin bei Dauerregen

Tag 74: 27.07.2019, Samstag

Vom Turrahus im Safiental über den Tomülpass ins Valsertal zum Ort Vals. Strecke 13,5 km. Gehzeit 3.45 h. Aufstieg 710 m. Abstieg 1130 m. Bewölkt, morgens Gewitter mit Regen, dann bewölkt und trocken, angenehme Wandertemperatur.

Das Safiental ist im Sommer als Wander- und im Winter als Skitourendestination interessant. Alex war mit Hans Wecker vor 6 Jahren zu dessem 60. Geburtstag einige Tage zum Skitourengehen hier unterwegs. Unsere Tagestour beginnt um 08.00 Uhr vom Turrahus auf 1700 m und geht Richtung Tomülpass. Es ist zunächst stark bewölkt, dann fängt es leicht an zu nieseln. Wir ziehen die Regenjacken an. Der Regen wird stärker und stärker, Donner und Blitz gesellen sich dazu. Wir beschleunigen unsere Schritte und suchen Schutz. Gerade noch rechtzeitig am Wegesrand entdecken wir einen Kaser. Die Tür lässt sich öffnen und wir können hinein und im Trockenen das Ende des Gewitter und der nun starken Regenfälle abwarten. Dann folgen wir dem sogenannten Polenweg über den Tomülpass (2412 m)  nach Vals im gleichnamigen Tal.  Der Polenweg heißt so, weil  internierte polnische Soldaten maßgeblich am Bau beteiligt waren. Sie leisteten während des 2. Weltkriegs Arbeitseinsätze für die Landesverteidigung im Strassen- und Brückenbau sowie in der Landwirtschaft. Während des Zweiten Weltkrieges nahm die Schweiz ab Juni 1940 ausländische Militärpersonen als Internierte auf und brachte sie in Lagern in verschiedenen Landesteilen unter. Unser heutiges Ziel Vals ist eine walserdeutsche Sprachinsel im rätoromanischen Val Lumnezia. Die Walser sind Nachkommen von Oberwallisern, die vor rund 700 Jahren einwanderten und die höchsten Täler Graubündens besiedelten. Die beiden Walsersiedlungen Vals und Safien waren in früheren Jahrhunderten mit der Aussenwelt nur über hohe Pässe verbunden, weil in Richtung Vorderrhein beide Täler durch unbegehbare Schluchten isoliert waren. Die Etappe verläuft nach dem Gewitter ruhig bei angenehmen Temperaturen. Nach dem Regen kommen viele Alpensalamander (Rudi hat 33 gezählt) aus ihren Verstecken. Die Alpe Tomül ist noch bewirtschaftet. Viele Rinder stehen auf den Almen bis in Höhe von über 2000. Ab Pradätsch (1953 m) sehen wir tief unter uns Vals auf ca 1300 m liegen. In einer knappen Stunde, steil bergab, erreichen wir den Ort gegen 13.15 Uhr. Wir gehen für die anspruchsvolle Tour morgen Proviant einkaufen, betreiben Körperpflege und gönnen unserer Funktionsunterbekeidung eine Handwäsche.

Einer der 33 schwarzen Alpensalamandern, etwa 15-20 cm lang
Zwischen Regen und Sonne auf dem Tomülpass (2412m)
Walserdorf Vals mit typischen Dächern aus Granitplatten

Tag 73: 26.07.2019 Freitag

Vom Ort Splügen nach Turrahus/Safiental. Strecke 14,5 km. Gehzeit 4.30 h. Aufstieg 1030 m. Abstieg 800 m. Heiss am Anfang, ab Mittag angenehm kühler Wind und teilweise bewölkt.

Das gute Frühstück, das es erst ab 7.30h gab, war der Grund, dass wir erst um 8.45h unterwegs waren. Vom Ort Splügen (1470m) hoch auf den Safienberg (2482m), dann runter zum Turrahus/Safiental (1700m). Klang einfach bei angenehmen Temperaturen. Allerdings geht es gleich ab Splügen konsequent steil – richtig steil – für 45 Minuten in die Höhe und ohne Schatten brennt die Sonne uns direkt auf Kopf und Rücken. Das Gute ist, dass wir schnell Höhe machen. Das Schlechte ist, dass wir nach 5 Minuten schwitzen und uns nach 10 Minuten fragen, warum wir eigentlich unsere Kleidung am Vortag gewaschen haben. Jetzt war sie wieder nass. Irgendwann wird es etwas flacher, kälter wird es nicht. Ein einziger Bauernhof mit neugierigen Kälbern, einigen Ziegen und vielen Schafen am gegenüberliegenden Berghang ist das einzige Zeichen von Leben im immer enger werdenden Tal. Das Blöken der Schafe in einer Höhe von 2000-2400m Höhe begleitet unseren Aufstieg eine ganze Weile. Um 12.00h sind wir auf dem Sattel mit einem alten Militärhaus, wo wir eine längere Trinkpause machen und uns von dem kräftigen und kühlen Wind abkühlen lassen. Gut 2 Stunden geht es dann bergab, erst noch auf schmalen Pfaden mit vielen Steinen und Geröll, dann mehr auf angenehmeren Graswegen. Es ist nun bewölkt und angenehmes Wanderwetter. Ein roter Hubschrauber landet an einem Berghof und verlässt ihn wieder Richtung Tal mit einer Bergziege, Gemse oder Kalb am ca. 10m langen Seil, das an den Hinterfüssen aufgehängt ist (lebend oder tot). An einem See schon fast im Tal kommen wir bei einem schweizer Ehepaar vorbei, das uns anspricht (woher, wohin…). Die Frau sagt zum Schluss, dass wir für sie Helden seien für unser Vorhaben. Das hat uns gefreut. Wir waren schnell und dann bald bei unserer Unterkunft, einem ca. 400 Jahre alten Walserhof (inzwischen natürlich renoviert). Im Garten ein Kübel Bier (0,5 l) und was zu essen. Da kommt das schweizer Paar und wir unterhalten uns eine Weile. Überrascht sind wir, dass sie unser Bier bezahlen. Vielleicht werden sie im nächsten Jahr eine vergleichbare Route versuchen. Der Himmel verdunkelt sich und ein kräftiges Gewitter mit schweren Tropfen donnerte herunter. Und es kühlt kräftig ab. Wir sind froh, dass wir rechtzeitig vorher angekommen sind.

Der einzige Hof zwischen Splügen und Pass, die Stutzalp 2019m
Kaputte Brücke auf dem Weg zum Safierbergpass
Oberes Safiental

Tag 72: 25.07.2019, Donnerstag

Von Montespluga/Italien zum Ort Splügen/Schweiz. Strecke 9,3 km. Gehzeit 2.30 h. Aufstieg 200 m. Abstieg 730 m. Sonnig, leichter Wind, sehr angenehmes Wanderwetter.

Wir sind inzwischen zu Jochgeiern mutiert.  Als junge Bergsteiger, die immer nur die Gipfel als lohnende Ziele sahen, haben wir die Bergwanderer, die vornehmlich über Pässe marschiert sind, despektierlich als „Jochgeier“ bezeichnet. Im Gegenzug frotzelte es „Felsenkasper“ zurück. Tatsächlich wandern wir bei der Transversale nur auf wenige Gipfel, dafür aber über zahlreiche Übergängen. Also von Joch zu Joch, von Forcola zu Forcola, von Passo zu Passo, von Col zu Col. Das ist landschaftlich oft sehr schön, historisch interessant und körperlich für uns ältere Semester durchaus herausfordernd. Abgesehen davon, dass uns gar nichts anderes übrig  bleibt, sind wir somit gerne Jochgeier. Gestern Passo di Niemet, heute Splügenpass, morgen Pass Safierberg, übermorgen Tomülpass etc. Während der langen Abende im Advent werden wir in einer Tabelle alle Übergänge während der Tour in einer Liste zusammenstellen. Jetzt ist aber nicht Advent, sondern Hochsommer. Deutschland stöhnt gerade unter der Hitze und erwartet heute die Jahresspitzenwerte. Wir aber haben in der Höhe eher angenehme Temperaturen. In Montespluga starten wir um 09.30 Uhr zum nächsten Pass, dem Splügen. Ein gemütlicher Wandertag steht an. Bis ins 19. Jahrhundert diente der heute noch in weiten Teilen erhaltene Saumweg als einzige Transitroute. Im Winter muss darauf Hochbetrieb geherrscht haben, weil auf den Schlitten mehr transportiert werden konnte als auf Saumpferden. Teilweise erreicht der gepflasterte Weg eine Breite von über drei Metern. Über den Splügenpass nimmt er die Form eines Hang- und Hohlweges an. Mitte der 1990er-Jahre konnte der Saumweg mit Geldern des Schweizer Heimatschutzes saniert werden. Erst nach 1817 wurde der Saumweg durch die moderne Passtraße ersetzt. Das Österreichische Kaiserreich unterstützte den Bau finanziell. Es hatte nach dem Zusammenbruch des Napoleonischen Reiches in der Lombardei und Venetien kurzfristig das Machtvakuum gefüllt. Mit Bau des Gotthard und des Bernardinopasses verlor der Splügenpass nach kurzer Blüte dann rasch an Bedeutung. Bei unserer heutigen Tour erreichen wir nach kurzer Zeit die Passhöhe, dann geht es abwärts bis in den Ort Splügen. Der Splügenpass liegt auf einer Höhe von 2114 m, verbindet Splügen im schweizerischen Rheinwald im Kanton Graubünden (Nordseite) mit Chiavenna in der italienischen Provinz Sondrio sowie dem Comer See (Südseite). Er liegt auf der Trennlinie zwischen Westalpen und Ostalpen. Über den Pass verläuft die Wasserscheide zwischen dem Rhein und dem Po, die hier der Grenze zwischen der Schweiz und Italien entspricht. Im Ort Splügen kommen wir um 12.15 Uhr an. Wir machen uns einen gemütlichen Nachmittag im Schatten des Hotelrestaurant mit kühlen Getränken und leichter Brotzeit. Nun heißt es in den kommenden Tagen weiter  „go west“. Schon am Ende des Monats werden wir Airolo erreichen.

Italienisches Flair: Unsere Unterkunft in Montespluga
Saumstrasse Splügen kurz vor der Passhöhe
Saumpfad kurz vor dem Ort Splügen

Tag 71: 24.07.2019, Mittwoch

Von Innerferrera/Schweiz nach Montespluga/Italien. Strecke 16,5 km. Gehzeit 4.30 h. Aufstieg 850 m. Abstieg 430 m. Sonnig bei 20-22 Grad, bei bewölktem Himmel sehr angenehmes Wanderwetter.

Nach einem etwas späteren Frühstück gehen wir um 8.30h in Innerferrara (1470m) los. Auf die eine Seite des Tales scheint die Sonne hin und auf dieser Seite gehen wir einen gut beschilderten Wirtschaftsweg steil nach oben. Wir tun dies in gemächlichem Tempo, denn er führt uns in drei Stunden auf den Passo di Niemet (knapp 2300m), der auch wieder die Staatsgrenze zwischen Italien und der Schweiz ist. Und allzusehr schwitzen wollen wir auch nicht. Wir folgen hier den Spuren von Dietmar, der uns gestern Nachmittag leider uns verlassen musste. Im Wald bzw. im Schatten lässt es sich angenehm gehen. Der befahrbare Weg hört an einem Hof mit Pferden, Ziegen (waren gerade irgendwo unterwegs) und wenigen Rindern auf. Dort erfrischen wir uns am ziemlich kalten Wasser. Mit einem markierten Trampelpfad geht es in einem anfangs sehr breiten, später enger werdende Hochtal bis zum Sattel weiter. Um 12.00h sind wir fort und sehen schon das exponiert liegende Rifuggio Giovanni Bertacchi, davor der grosse dunkle Lago Emet mit einigen Anglern. Überraschenderweise mussten wir gleich anfangs noch ein Schneefeld überqueren. Anschliessend war der Weg einfach. Erstaunlich viele italienische Tageswanderer waren zu sehen. Wir essen Nudeln, dazu Wasser und ein Viertel Wein, was wir uns in Italien im Vergleich zur Schweiz auch leisten können. Das war angenehm. So gestärkt gehts dann auf einem sehr gut gepflegten Weg (viele flache Steinplatten) am Hang für 1,5 Stunden runter zum Stausee bei Montespluga (1900m) und unserer Unterkunft. Kurz nach unserer Ankunft regnet es leicht.

Das Pony war neugierig
Der Lago Emet, oberhalb das Rifugio Giovanni Bertacchi

Tag 70: 23.07.2019, Dienstag

Von Juf nach Innerferrera. Strecke 18,5 km. Gehzeit 4.15 h. Aufstieg 680 m. Abstieg 1320 m. Wolkenloser Himmel, warm mit teilweise angenehmem Wind.

Wir starten um 08.15 Uhr in Juf. Der Ort liegt auf 2126 m und damit oberhalb der Baumgrenze. Alex hat hier im Frühjahr schon mal eine Woche Skitouren gemacht. Heute ist eine einfache Etappe angesagt. Auf beiden Seiten des Averser Rheins steigen wir in Richtung Innerferrera ab. Am Wegesrand können wir aus nächster Nähe eine Murmeltierfamilie beobachten. Während uns die Alten aufmerksam mustern, üben sich die Jungen in Raufspielen. Ein schönes und seltenes Tiererlebnis. Unterwegs machen wir beim Ort Cresta einen Halt an der Edelweißkirche. Sie ist die älteste, einheitlich romanische Talkirche aus dem ausgehenden 13. Jahrhundert und erfüllte jahrhundertelang die Funktion als Haupt- und Taufkirche. Der auffallend breite Kirchturm mit zweigeschossigem Glockenturm stammt aus dem 18. Jahrhundert und beherbergt drei Glocken noch aus vorreformatorischer Zeit von 1513. Auf schattigen Steigen, zum Schluß bequem auf der restaurierten alten Averser Straße steigen wir zur bemerkenswerten Valle di Lei Brücke ab. Nachdem wir den Wasserfall aus dem Val Starlerla passiert haben, sind wir bald an unserem Ziel in Innerferrera. Gegenüber den letzten Etappen war das heute eine Erholungstour. Einen großen Wermutstropfen gibt es allerdings an diesem Nachmittag. Wir wollten uns heute Abend von Dietmar angemessen mit einem guten Essen und ein paar Gläschen Rotwein verabschieden. In der Alpenrose, dem einzigen Beherbergungsbetrieb in Innerferrera, gibt es kein Zimmer mehr für ihn. So verabschieden wir uns am frühen Nachmittag etwas wehmütig zwischen Tür und Angel und Dietmar zieht alleine weiter. Immerhin sind wir ein Stück eines langen Weges gemeinsam gegangen und haben uns gut verstanden. Deshalb verabreden wir, dass wir elektronisch in Kontakt bleiben und uns auch wiedet einmal  persönlich treffen wollen. Dir alles erdenklich Gute Dietmar und ein herzliches Dankeschön für die gemeinsame Zeit!

Edelweisskirchlein in Cresta zwischen Juf und Innerferrara
Valle di Lei Brücke

Tag 69: 22.07.2019, Montag

Von Maloja nach Juf. Strecke 15,6 km. Gehzeit 5.15 h. Aufstieg 1210 m. Abstieg 990 m. Morgens kurz bewölkt, dann sonnig und warm bei 20 Grad.

Da es keinen durchgehenden Wanderweg von Wien nach Nizza gibt, haben wir uns unsere Etappen selbst zusammengestellt. Dabei allerdings schon bestehende Fernwanderwegen berücksichtigt. Der Streckenabschnitt von Meran bis zum Maloja-Pass ist nun bewältigt. Wir werden weitere 10 Tage in der Schweiz sein und in Airolo ein paar Tage Pause machen. Aktuell haben wir rd. 1.100 km und fast 50.000 Höhenmeter im Aufstieg bewältigt. Die Streckenabschnitte sind unter der Tabelle (von Tag zu Tag) beschrieben. Jetzt aber zum heutigen Tag:
Nach einem guten schweizer Frühstück sind wir um 8.15h bei noch bewölktem Himmel unterwegs und um 8.30 h zieht Dietmar von dannen. Die Wolken verziehen sich und es wird sonnig und heiss. Der Weg bis Juf ist  sehr einfach: Erst mal gut 2 Stunden steil hoch von Maloja (1815m) zum Pass Lunghin (2645m), dann runter in 45 Minuten zum Septimerpass (2313m), dann wieder eine Stunde steil hoch zur Forcellina (2672m), je eine Viertelstunde runter und wieder hoch auf 2650m, und dann 45 Minuten steil einen knietestenden Geröllweg runter auf 2117m, und schon ist man angekommen. Unterwegs sind auch ein gutes Dutzend harmloser Schneefelder zu überqueren. Wegen der Höhe, der Sonne und den Höhenmeter ist es doch ziemlich anstrengend. Sehr schön sind die Ausblicke. Beim Aufstieg von Maloja sieht man über dem Pass im Forno Tal die Cima Rosso mit ihrer immer noch eisgepanzerten Nordwand. Im Süden richtet sich der Blick auf die imposanten Granitberge des Bergell. Besonders auffallend der Piz Badile mit der Nordostwand und der Nordkante. Das Kabinettstück von Herrmann Buhl kommt in den Sinn. Von der Forcellina zeigt sich ganz im Osten erstmals die Bernina ohne Wolken. Der Biancograt ist deutlich erkennbar. Auch die Querung des Septimerpasses ist interessant. Er diente lange als relativ gut gangbarer Saumpfad und Handelsweg vom Comersee über Bivio zur Bischhofsstadt Chur. Zum Schluß erblicken wir noch von hoch oben Juf. Es liegt in einem weiten Tal wie in  der Mongolei und besteht aus kaum mehr als einem Dutzend Häuser. Wir kommen um 14.45h dort an und treffen Dietmar. Die Orientierung war leicht und anders als bisher – waren viele (Tages-)Wanderer in beiden Richtungen unterwegs. Am Pass Lunghin ist übrigens die einzige Wasserscheide in Europa, wo Flüsse in drei Richtungen/Meere fliessen. Nämlich die Julia zur Nordsee, die Maira nach Süden ins Mittelmeer und der Inn nach Osten zum Schwarzen Meer. Juf mit seinen 31 Einwohnern soll die höchstgelegene, ständig bewohnte Gemeinde der Schweiz und evtl. in Europa sein.

Schilderbaum auf dem Pass Lunghin, eine Wasserscheide in drei Meere
Unsere Unterkunft in Juf
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Ein Kommentar zu „Tagesberichte – vom Maloja Pass bis Airolo – 22.07.19 – 31.07.19

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