Von Susa nach Nizza – vom 06.09.19 bis zum 23.09.19

Tag 132: 23.09.2019, Montag – Finale

Von Levens nach Nizza. Strecke 22,3 km. Gehzeit 5.45 h. Aufstieg 480 m. Abstieg 1020 m. Morgens bis 09.30 bewölkt, dann Sonne mit Wolken, angenehme und milde mediterrane Temperaturen.

Das ist der letzte Tagesbericht, den wir in unseren Internetblog „Alpenspazierganges 2019“ einstellen. Wir haben uns während der ganzen Tour mit der Formulierung der Berichte täglich abgewechselt. Bevor wir den Blog nun endgültig schließen, werden wir beide, jeder aus seiner Sicht, aber noch ein  persönliches Schlusswort schreiben. Das wird in den kommenden Tagen nach einer Reflektionsphase formuliert und eingestellt. Nun zur heutigen Schlussetappe: Wir starten beschwingt um 08.45 Uhr. Eigentlich gibt es heute über die Wanderung selbst nicht viel zu berichten. Wir gehen Richtung Süden. Im ständigen Auf und Ab geht es in den ersten Stunden durch ursprüngliche, jetzt schon mediterrane Landschaft bis Aspremont. Das ist ein malerisches Dorf auf einem Hügel im Hinterland von Nizza. Wir marschieren hoch zur Kirche, durch die Gassen und dann wieder zurück auf unseren GR5. Nun kommt ein allerletzter steiler Anstieg von 200 Höhenmeter, bevor es dann kontinuierlich knappe zehn Kilometer hinunter nach Nizza geht. Genau um 10.56 sehen wir zum ersten Mal ganz entfernt das Meer. In Anbetracht der Umstände wandern wir sehr locker und gut gelaunt. Gegen 14.00 Uhr, wir haben die Macchia gerade verlassen und die ersten Häuser erreicht, sehen wir am Wegesrand ein Restaurant. Die Pause vor dem Toren der Stadt lassen wir uns nicht entgehen. Das Tagesmenu mit Salade Nicoise, Daube aux Carottes (bayerisch: Böflamotte) und Salade de Peches Vervein (deutsch: Pfirsichkompott). Dazu ein Rosé und ein Kir. Wir genießen das Essen und Trinken und die Vorfreude auf unser Ankommen. Bald sind wir schon am Stadtrand von Nizza. Dann geht es schnell: um 16.30 Uhr sind wir an der Fontaine Du Soleil (Bild), um 16.45 Uhr zünden wir eine Kerze in der Kathedrale an (Bild) und um 17.00 Uhr erreichen wir die Wasserlinie des Meeres (Bild). Der langer Weg hatte auch einen spirituellen Aspekt. Wir sind an vielen christlichen Symbolen vorbei gewandert. Der Mittelpunkt der besuchten Orte war stets die Kirche. Ob man nach Santiago pilgert oder nach Nizza wandert, man hat unterwegs viel Zeit, über das Leben zu reflektieren. Memento mori. Unsere Gemütslage von heute ist von Nachdenklichkeit, Dankbarkeit und Freude geprägt. Alle Wege im Leben eines Menschen haben ein Anfang und ein Ende. Wir haben unseren Weg am 15. Mai 2019 um 15.00 Uhr am Portal des Stephansdom in Wien begonnen und in Nizza an der Wasserlinie des Mittelmeers am 23. September 2019 um 17.00 Uhr beendet. Wir sind angekommen.

Am Fontaine du Soleil in Nizza
Wir zünden eine Kerze in der Kathedrale von Nizza an
Am Strand von Nizza – Ziel- und Endpunkt

Tag 131: 22.09.2019, Sonntag

Von Utelle nach Levens. Strecke 13,2 km. Gehzeit 4.00 h. Aufstieg 460 m. Abstieg 730 m. Bewölkt, dann leichter Regen, für eine halbe Stunde stärkerer Regen, dann wieder bewölkt.

Tiefer gehts nur noch morgen, wenn wir in Nizza auf Meereshöhe ankommen. Heute gehts strikt nach Süden von Utelle aus (800 m) runter auf 180 m (Pont du Cros über den Fluss La Vesubie) und dann wieder hoch nach Levens (550 m). Die Wetterprognosen lautete auf Dauerregen. Tatsächlich hört der Regen gegen 7.30h auf und es bleibt erst mal trocken. Teilweise ist sogar blauer Himmel erkennbar. Wir kommen aber erst um 9.30h los, weil es Frühstück erst ab 8.30h gibt. Da ist es bewölkt, aber trocken. Rein ins nette Zentrum von Utelle (800 Einwohner), dann weiter auf einem alten Maultierpfad direkt am Hang in Richtung Süden. Gute 6 km gehen wir am Hang im leichten Auf- und Ab angenehm auf diesem Weg, am Ende im leichten Nieselregen. Erst als es richtig heftig zu regnen anfängt, ziehen wir unsere Regenkleidung an. Dann gehts noch eine halbe Stunde steil abwärts runter zum Fluss, zum Glück hört dann der Regen auf. Der Regen macht die Steine und Felsen nass, was beim Abwärtsgehen nicht so angenehm ist. Unsere Regenbekleidung behalten wir zur Sicherheit aber an. Der Weg ist heute gut begehbar und prima ausgeschildert. Über die Brücke wechseln wir auf die andere Flussseite und weiter in angenehmer Steigung hoch bis Levens. Hier sehen die Häuser und die Vegetation schon sehr südlich und nach Mittelmeer aus, kein Wunder, ist Nizza doch nur noch 20 km entfernt. Kurz vor unserer Unterkunft betreten wir eine Boulangerie und kaufen belegte Panini für den Fall, dass wir im Hotel nichts mehr zu essen bekommen würden. Um 14h sind wir dort, essen unsere Brote und gehen erst anschliessend auf unser Zimmer. Die lange und für uns sehr anstregende gestrige Etappe sowie unsere heutige Etappe nach Levens schaffte unserer „Vorgänger“ oder besser unser „Vorläufer“ Dietmar vor 3 Wochen an nur einem Tag. Erstaunliche und fast unglaubliche 40,4 km ging Dietmar mit 2432 m im Aufstieg und 1701 m im Abstieg in weniger als 10 Stunden bei deutlich heisserem Wetter und natürlich mit Rucksack! Nachdem wir diese Route jetzt kennen, zollen wir Dietmar für diese Leistung nun unseren allergrössten Respekt. Kein Wunder, dass er dann vor uns in Nizza ankam. Aber auch wir müssen jetzt nur noch einmal schlafen, um morgen Nachmittag unsere Füsse im Mittelmeer abzukühlen.

Blick zurück auf Utelle
Es braut sich ein feuchtes Wetter zusammen
Einsames Kirchlein am Wanderweg

Tag 130: 21.09.2019, Samstag

Von Saint Dalmas nach Utelle. Strecke 25,7 km. Gehzeit 7.50 h. Aufstieg 1160 m. Abstieg 1650 m. Den ganzen Tag hohe Bewölkung, ab 16.30 Uhr leichter Regen.

Heute steht nochmal eine anstrengende, aber auch schöne Tour an. Sie führt fast pfeilgerade nach Süden Richtung Mittelmeer. Wir starten um 08.15 Uhr. Der Weg führt uns ein letztes Mal über die Zweitausendmetergrenze und dann über mehrere niedrigere Colles. Es geht aussichtsreich über den Kamm zwischen dem Tal der Tinee und der Vesubie. Wir erreichen heute gleich zwei Meilensteine: Seit Wien haben wir bei den Höhenmeter sowohl im Aufstieg als auch im Abstieg die Marke von 100.000 überschritten. Gleichzeitig sind wir mit dem heutigen Tag über 2000 Kilometern marschiert. Eine ähnliche Leistung hat Alex zuletzt als 28jähriger Heeresbergführeraspirant im Jahr 1981 erreicht. Wir beide werden in diesem Leben das nun nicht mehr toppen können oder wollen. Nun zum Verlauf unserer heutigen Etappe: Die ist wieder recht lang und abwechslungsreich. Beim Aufstieg auf den Col des Deux Caires (1920 m) kommen uns auf einem schmalen Steig im Wald urplötzlich zwei stattliche Pastore Schutzhunde entgegen. Wir bleiben stehen, die Hunde bleiben stehen, nehmen Witterung auf und passieren uns dann ganz friedlich. Niemand weiß, woher sie kommen und wohin sie gehen. Wenn sie nicht bei ihrer Herde sind, sind ihnen fremde Menschen wohl egal. Eine halbe Stunde nach der Begegnung mit den Schutzhunden warnt uns ein Schild, dass gerade eine größere Jagd im Gange sei. Wie sollen wir uns da verhalten? Tatsächlich sehen wir mehrere Jäger mit ihren Büchsen, teilweise im Unterholz, teilweise auf Lichtungen sitzen. Einer kommt uns auf dem Steig entgegen. Ganz wohl ist uns bei der Situation nicht. Gott sei Dank (Achtung Kalauer) tragen wir wir keine Wanderschuhe der Marke Reebok. Der Weg führt uns schließlich in freies Gelände auf einen Grat über 2000 Meter. Lange gehen wir über mehrere Kilometer oben, teilweise in schwierigem Gelände. Unsere ganze Konzentration ist nochmal gefordert. Nach dem Übergang am Bec d’Utelle geht es dann endlich abwärts in Richtung Utelle. Leider fängt es eine Stunde vor unserem Ziel zu regnen an, so dass wir unsere Regenkleidung anlegen müssen. Nach einem langen Tag kommen wir erst um 17.50 Uhr in unserer Unterkunft in Utelle an. Das Hotelrestaurant ist geschlossen, im ganzen Ort gibt es sonst keine Einkehrmöglichkeit (an einem Samstag!). Aber die Wirtin unseres Hotels hat ein Einsehen und serviert uns aufs Zimmer eine gescheite Brotzeit incl. einem Salade Nicoise (Bild) und Getränken. Da ist der Abend gerettet. Wir beantworten die Frage, wie lange es nun noch bis Nizza dauert genauso wie man Kindern antwortet, die im Advent fragen, wann endlich Weihnachten ist. Noch zweimal schlafen, dann sind wir dort.

Blick vom Col des Deux Caires (1920m)
Utelle
Unser Abendessen (bevor wir losgelegt haben)

Tag 129: 20.09.2019, Freitag

Von St. Sauveur sur Tinee nach Saint Dalmas. Strecke 13,8 km. Gehzeit 3.45 h. Aufstieg 930 m. Abstieg 120 m. Sonnig, trocken, leicht kühlender Wind, angenehmes Herbstwetter.

Im Vergleich zu gestern ist die heutige Etappe eher als Erholung zu sehen. Vom 500m tiefen Saint Sauveur sur Tinee hoch über Rimlas (1000m) und im Auf und Ab nach Osten rüber nach Saint Delmas (1300m). Nach Osten? Wir wollen doch nach Süden und sind heute Abend weiter weg von Nizza als gestern Abend. Der GR5 führt uns allerdings so. Morgen gehts dann aber 25km direkt nach Süden. Dann einen Tag nach Südwesten und am letzten Tag genau nach Süden runter nach Nizza. Anders als gestern bleibt es trocken, es ist sonnig und warm mit einem kühlenden Wind. Also sehr angenehm. Nach einem französischen Frühstück (Kaffee, Baguette, Butter, Marmelade) auf der Serviette (keine Teller) starten wir um 9h. Gleich gehts hoch, später dann über eine breite Militärstrasse mit schönen Ausblicken hoch nach Rimplas (Foto), das sehr schön auf dem Kamm zwischen dem Tinee- und Valdeboretal liegt. Um 11h sind wir dort, den Blick aufs Mittelmeer haben wir (noch) nicht. Dann ziehen wir am Hang rüber nach La Bolline, eine der Valdeboregemeinden, wo wir um 12h ankommen. Durch angenehmen Wald brauchen wir noch eine gute Stunde bis Saint Dalmas, wo wir das erste Restaurant aufsuchen und einen leckeren Salat Nicoise (sind wir doch in der Nähe), ein Bier und einen Espresso zu uns nehmen. Eine prima mittägliche Wandererkost. Um 14.45h kommen wir an unserer Unterkunft an und können uns vor unserer morgigen Etappe etwas ausruhen. Seit Susa sind wir 15 Tage lang gewandert, haben dabei viele Kilometer und Höhenmeter im Auf- und Abstieg bewältigt und wir spüren eine leichte Ermüdung und Beanspruchung unser Beinmuskulatur und der Knie. Keine Sorge: Die restlichen drei Tage bis Nizza schaffen wir aber schon noch.

Der Ort Rimplas zwischen Tinee- und Valdeboretal

Tag 128: 19.09.2019, Donnerstag

Von St. Etienne de Tinee nach St. Sauveur sur Tinee. Strecke 29,5 km. Gehzeit 6.00 h. Aufstieg 170 m. Abstieg 830 m. Bewölkt, Gewitterzellen, wolkig, gelegentlich leichtes Tröpfeln.

Start ist um 07.15 Uhr. Rudi war um 6.30h in der Boulangerie und hat ein grosses Baguette für 1,20€ geholt, das wir mit Camembert und Salami essen. Für heute sind ab Mittag Gewitter vorhergesagt. Die letzte Zeit sind wir täglich meist bis auf über 2500 m hoch gestiegen. Das wollen wir heute bei Gewitterneigung nicht riskieren. Also planen wir um. Das Wetter macht nun mal die Vorgaben, dennoch bedauern wir nicht, dass wir die ursprüngliche vorgesehenen Etappen des GR5 nicht machen können. Er führt hier über französische Retortenskiorte, die im Sommer und Herbst wenig attraktiv sind. Statt über die Berge zu gehen, planen wir zunächst zwei 15 km Etappen von St. Etienne nach Isola und von Isola nach St. Sauveur in Talnähe. Schließlich entscheiden wir uns aber, die rund 30 km nach St. Sauveur in einem Rutsch durchzugehen. Wir schaffen das in 6 Stunden, also mit einer Geschwindigkeit von ca. 5 km/h. Auf der Straße hätten wir von hier bis Nizza nur noch 58 relativ flache Kilometer zu gehen. Wir wollen zwar jetzt schnell ankommen, den alpinen Charakter unserer Unternehmung aber bis zum Schluss beibehalten. Deshalb werden wir, falls das Wetter mitspielt, den GR 5 weitergehen. Bis Nizza sind das noch 4 Etappen mit mehr Kilometerleistung wie auf der Straße, aber zusätzlich noch über 3000 Meter im Aufstieg und entsprechend auch im Abstieg. Heute geht es aber abwärts immer an der Tinee entlang. Tatsächlich wird unsere Entscheidung im Tal zu laufen, bestätigt. Schon um 10.00 Uhr bauen sich vor uns bedrohliche Gewitterwolken auf (Bild). In der Höhe rumpelt es gewaltig, wir bleiben aber dank unserer Entscheidung verschont. Um 14.00 Uhr kommen wir in St. Sauveur an. Handwäsche der Bekleidung steht an. Am kommenden Montag werden wir Nizza erreichen. Dort werden wir dann am Dienstag einen Tag bleiben und am Mittwoch in der Früh (mit Flixbus) heimreisen. Die entsprechenden Buchungen werden noch heute über das Internet getätigt.

Die Gewitterwolken oberhalb des Tinnee-Tals
Hier hat schon der Herbst Einzug gehalten

Tag 127: 18.09.2019, Mittwoch

Von Bousieyas nach St. Etienne de Tinee. Strecke 17,4 km. Gehzeit 4.45 h. Aufstieg 630 m. Abstieg 1340 m. Sonnig, wolkenlos, warm bis 15h, dann leichter Regen.

Wir hatten gestern einen tollen Abend bei Michel, mit dem wir heute noch schnell ein Foto machten. Wir waren 9 Gäste um den Tisch, im Kamin brannte das Feuer, ein Schweizer und zwei Franzosen, die nach Menton wandern und zwei Ehepaare. Essen war natürlich prima und es gab zuerst Suppe (Foto), dann Reis, Gemüse und Fleisch und als Nachtisch zwei selbst gemachte Tarte (Apfel und Birne). Die Überraschung war aber einer der Franzosen, der mit Münze und Karten wie ein Profi zauberte. Es war unglaublich und für uns nicht nachvollziehbar, was vor unseren Augen ablief. Es war ein kurzweiliger und lustiger Abend. Am kommenden Wochenende schliesst auch Michel seine Herberge für dieses Jahr, wie auch viele andere, auf Wanderer eingestellte Unterkünfte. Es wird also Zeit, nach Nizza zu kommen. Heute Morgen um 7h gab es ein gutes Frühstück, dann Start um 8.15h bei gutem Wetter (wolkenlos, warm in der Sonne). Und dann gleich das erste Mal ein Hinweisschild nach Nizza (Foto). Nur noch 98 km und da wir nach St. Etienne de Tinnee wandern, sind es heute Abend 12 km weniger, also nur noch 86 km. In Anbetracht der bisherigen Strecke ein Klacks! Beschwingt durch dieses Hinweisschild zogen wir gemütlich hoch auf den Col de Colombiere (2237 m) und vorbei an zwei Schafherden. Mit einem der Hirten unterhielten wir uns. Er hat weit über 1000 Schafe und Ziegen, auch ein Esel ist dabei, und mit 12 Hunden bleiben er und seine Kollegin noch bis Ende Oktober auf den hoch liegenden Weiden. Es ist ein trockenes Gebiet, viel gelbes Gras und mit einer schon vom Mittelmeer beeinflussten Trockenvegetation. Lange führt uns der Weg in weiten Bögen, aber halt auch etwas knieschonend, am Hang abwärts und um 12.30h sind wir in Saint-Dalmas-le-Salvage, wo wir zu Mittag essen. Um 13.45h gehts weiter, hoch zum Col d’Anelle (1739 m) und durch Wald weiter in Richtung St. Etienne de Tinnee, das wir tief unten im Tal liegen sehen. Die Sonne scheint, direkt über uns keine Wolke, aber dennoch spüren wir plötzlich ein paar Tropfen. Wir gehen schneller, es geht steil runter und langsam werden die Tropfen dicker und dichter. Wir können nicht mehr entkommen. Ziehen die Regenjacke an und die Regenhülle beim Rucksack auf. So schnell als möglich gehts runter ins Tal, aber dennoch werden wir aussen nass und innen vom Schweiss feucht. Um 16h beziehen wir unsere Unterkunft, kurz danach prasseln kurzeitig richtig dicke Tropfen vom Himmel. Aber da sind wir schon angekommen.

Suppenausgabe durch Michel gestern Abend
mit Michel, unserem Gastgeber
Das erste Hinweisschild nach Nizza

Tag 126: 17.09.2019, Dienstag

Von Larche im Ubayetal nach Bousieyas im Tal der Tinee. Strecke 22,2 km. Gehzeit 6.30 h. Aufstieg 1250 m. Abstieg 1040 m. Stabiles Herbsthoch, bestes Wanderwetter, sonnig, wolkenlos.

Von Larche starten wir um 08.00 Uhr. Heute wandern wir vom Ubayetal ins Tal der Tinee. Während die Flüsse der zurückliegenden Täler im Piemont alle in die Poebene fließen, entwässert die Tinee direkt über den Var ins Mittelmeer bei Nizza. Unser heutiges Tagesziel liegt an der Südseite des Col de la Bonette. Über den Bonette führt die höchste mit Autos befahrbar offizielle Pass Straße der Alpen. Alex kennt den Pass und die Region aus einigen Urlauben. Mit Sieglinde hat er ihn mit dem Fahrrad von Jausiers bei Schneetreiben erklommen. Mit dem Auto, dem Motorroller und dem Motorrad  hat er ihn auch schon überquert. Unsere Etappe heute folgt wieder den bekannten Regeln. Von Norden steil hinauf, nach Süden steil hinunter. Konkret geht es von Larche auf 1680 m ein paar Kilometer Richtung Passhöhe. Die Franzosen nennen die Höhe Col de Larche, die Italiener Colle della Maddalena. Kurz vor der Passhöhe biegen wir ab nach Süden in das Lauzanier Tal. Lange wandern wir ins Tal hinein, am Lac de Lauzanier vorbei auf den Paß de la Cavale (2671 m) hoch. Zwei Schafherde mit den zugehörigen Pastore Schutzhunden passieren wir unbehelligt, weil auch die Schäfer gerade bei der Herde sind. Wir sind nun im Nationalpark Mercantour. Die Franzosen haben für ihre Nationalparks strengere Regeln. Hunde, selbst an der Leine, sind nicht erlaubt. Ein Verstoß kostet 420 Euro. Vom Pass de la Cavale geht es zunächst steil, dann angenehm hinunter bis zu einem Gegenanstieg auf den Col des Fourches (2261 m). Dort sind noch starke militärische Befestigumgsanlage zu sehen. In einer knappen Stunde wandern wir dann in den Weiler Bousieyas hinunter. Die Gite Etappe ist voll. Wir finden im Nachbarhaus eine Bleibe. Von außen wirkt das Haus uralt und denkbar einfach, es könnte einem grausen (Bild). Innen ist es allerdings liebevoll und top renoviert. Die Sanitär Anlagen sind ganz modern und es gibt sogar WLAN. Man kann sich richtig wohlfühlen. Der Patron schürt nach Sonnenuntergang den Kamin an und kocht uns ein gutes Abendessen. Nach Wochen in Italien müssen wir nun unsere Französischkenntnisse ausgraben. Zumindest Alex geht das etwas leichter von der Zunge.

Vor Alex fällt es 800 m steil ab
Alex auf dem Col de la Canale (2671 m)
Rudi auf der Suche nach dem besten Abstieg
Bunker auf dem Col de Fourches (2261 m)
Unsere Unterkunft in Bousieyas

Tag 125: 16.09.2019, Montag

Von Campo Base/Italien nach Larche/Frankreich. Strecke 14,7 km. Gehzeit 4.45 h. Aufstieg 1090 m. Abstieg 1040 m. Stabiles Herbsthoch, sonnig, wolkenlos und später sehr warm.

Unser Tagesprogramm wiederholt sich: Von Campo Base (1600m) über den Pass (Col de Sautron, 2678m) rüber ins nächste Tal (Larche, 1670m). Und doch ist es heute anders. Wir verlassen nämlich Italien und kommen nach Österreich, Slowenien, Schweiz und Italien nun nach Frankreich, unserem fünften und letzten Alpenstaat. Aber alles schön in der Reihenfolge. Wir frühstücken um 7h (mit einem für Italien sehr schlechten Kaffee) und sind ab 7.45h unterwegs. So lange die Sonne noch nicht ins Mairatal scheint, ist es kühl. Wir gehen erst mal ca. 2 km talabwärts und dann geht es ansatzlos und steil hoch zur Bergkette, die Italien von Frankreich trennt. Die Beschilderung ist sehr gut. Sobald uns die Sonne trifft, reichen T-Shirt und kurze Hose. Der Himmel ist blau und wolkenlos. Wir steigen hoch konstant erst durch Wald, dann über eine Militärstrasse und kürzen hier immer mehr ab. Relativ schnell sind wir auf 2000m. Hier finden wir schon den zweiten Hinweis auf die Pastores, die Hüterhunde aus den Abruzzen, die mit den Schafherden leben und diese auch konsequent verteidigen. Wir sehen eine alte Kaserne, zu der ein hoch angelegter Fahrweg führt. Und etwas unterhalb gelbe und weisse Flecken, durch die der Wanderweg mitten durchführt. Eine Schafherde mit Hunden, die wir weiträumig umgehen wollen. Und hoffentlich ziehen sie nicht noch höher. Wir also rüber zur Militärstrasse, dann steil den Hang – ohne Weg – hinauf zur obersten Militärstrasse. War schon mühselig, und die Sonne brennt runter. Wir erwarten das Hundegebell. Überrascht stellen wir fest, dass die Schafherde mit den Hunden verschwunden ist. Eine Fata Morgana? Vielleicht haben wir eine Ansammlung gelber und weissen Steine/Felsen für Schafe gehalten. Oder wir haben schon Halluziationen, so dass es Zeit wird, dass wir nach Nizza kommen, bevor es noch schlechter wird. Unbehelligt schieben wir uns weiter hoch, gut 2 Stunden ständiger Aufstieg im Sonnenschein, was schon sehr anstregend ist, und der Übergang nach Frankreich scheint nicht näher zu kommen. Es ist ein hartes Stück über viel Stein und Geröll, als wir endlich um 11.30h auf dem Pass sind. Frankreich sieht genau so leer und unbesiedelt aus wie Italien. Dort stehen noch ein paar Bunker zur Verteidigung rum. Keine anderen Wanderer weit und breit. Alex isst sein Schinken-Panino in Italien, Rudi sein Salami-Panino in Frankreich. Eine halbe Stunde geniessen wir die Aussicht, aber um 12h machen wir uns an den langen Abstieg. Es ist heiss, der Weg ist schmal, entweder steinig oder angenehm über Gras. Es geht aber kräftig auf die Knie. Wir gehen schnell und sind um 13.45h in Larche, ein kleiner Ort mit ca. 60 Einwohnern. Eigentlich ein normaler Tag, aber das ständige Auf und Ab zehrt an den Beinen. Wir kommen unter im Gite d’Etape (in Italien: Posto Tappa), das morgen schliesst. Glück gehabt mit der Unterkunft.

Bunker und Anlagen auf italienischer Seite
Überall Steinwüste

Tag 124: 15.09.2019, Sonntag

Von Chiazale nach Campo Base. Strecke 18,0 km. Gehzeit 5.35 h. Aufstieg 1080 m. Abstieg 1180 m. Stabiles Herbsthoch, sonnig und wolkenlos.

Genau heute vor 4 Monaten haben wir unsere Alpentransversale mit der Zugfahrt von München nach Wien begonnen. Am ersten Tag sind wir mit Start am Stephansdom 12 Kilometer im Regen gelaufen und waren Abends immer noch in Wien – im südwestlichen Stadtteil Liesing. Als uns ein Wiener dort im Regen fragte, wo wir hinwollen und wir wahrheitsgemäß geantwortet haben, hat er nur abgewunken und ist weitergegangen. Von den Piefkes wollte er sich nicht für dumm verkaufen lassen. Heute geben wir auf die gleiche Frage die gleiche Antwort wie vor 4 Monaten, ernten aber nun viel mehr Verständnis. Nizza ist vom Mairatal aus ein realistisches Ziel. Heute vor vier Monaten in Wien hatten wir bei Ankunft eine Einladung zum Tortenessen in ein Kaffeehaus am Stephansdom. Abends haben wir dann eine halben Ente mit Knödel verspeist und ein ( oder waren es zwei?) Glas naturtrübes Bier getrunken. Da war die Bilanz zwischen  zugeführten und verbrauchten Kalorien positiv. Das hat sich dann in den letzten vier Monaten täglich in ein regelmäßiges Kaloriendefizit verwandelt. Die positive Folge ist, dass die über die Jahre zugelegten Wohlstandspolster am Bauch und an der Hüfte (fast) verschwunden sind. Die Alpentransversale – ist sie ein Jungbrunnen? Unsere heutige Etappe beginnen wir jedenfalls um 07.30 Uhr. Sie führt uns vom Varaitatal in das Mairatal. Über den Colle Bellino. Man unterschätzt hier leicht die Höhe der Übergänge. Mit 2804 m ist der Colle höher als der höchste Watzmanngipfel in den Berchtesgadener Alpen. Bei dem heutigen stillen, sonnigen Herbstwetter ist das aber alles kein Problem. Beim Aufstieg leuchtet das Naturdenkmal des Rocca Senghi herüber (Bild). Vom Colle hat man eine gute Fernsicht nach Süden auf die „Dolomiten von Cuneo“ und nach Norden ein letztes Mal auf den Monviso. Ganz im Süden mag man auch schon das Meer erahnen. Dazwischen liegen allerdings noch etliche Täler und Höhenmeter. Nach sehr langem Abstieg kommen wir um 14.15 Uhr im Rifugio Campo Base, unserer Unterkunft, an. Wir haben ein Matrazenlager mit 8 Liegen für uns allein. Morgen werden wir die Wege der GTA verlassen und nach Frankreich in den Ort Larche im Département Alpes-de-Haute-Provence in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur wechseln. Bei dieser Etappe folgen wir der Via Alpina. Wieder stehen einige Höhenmeter im Auf- und Abstieg an. Die Wetterprognose für die nächsten zwei Tage ist noch gut, dann sind einzelne Schauer möglich.


Sonnenaufgang über der Po Ebene. Die Wolken ziehen von dort hoch ins Varaitatal.
Blick vom Colle Bellino nach Süden – in das obere Mairatal im Hintergrund die Seealpen
Der Rocca Senghi im Talschluss des Varaitatals
Abstieg ins Mairatal. Blick auf die entfernten Zwillingsfelsen Rocca Provencale und Castello.

Tag 123: 14.09.2019, Samstag

Vom Refugio Alpetto nach Chiazale. Strecke 22,9 km. Gehzeit 6.30 h. Aufstieg 930 m. Abstieg 1450 m. Kaiserwetter, sonnig und wolkenlos, ab 15h bewölkt.

Heute ist ein langer, aber toller Tag. Morgens ist der Sonnenaufgang über der Po-Ebene vom Rifugio Alpetto (2268m) aus zu sehen und wir frühstücken typisch italienisch schon um 7h. Wolkenloser, blauer Himmel. Die Sonne scheint und so können wir problemlos in der kurze Hose um 7.45h starten. Das Tagesziel bis zum Abend ist uns noch nicht klar. Durch die Stein- und Geröllwüste um den Monviso (oder Monte Viso, beide Schreibweisen sind wohl korrekt) ziehen wir hoch zum Passo Gallariano (2727m), von wo aus wir einen phantastischen Blick nach Norden (Monte Rosa Massiv, Matterhorn, die wolkenbehangene Po-Ebene, den Monviso) und nach Süden auf die Seealpen (ebenfalls mit Wolken in den Tälern) haben. Wir bleiben eine Weile und geniessen diese Eindrücke. Über weiterhin gut erkenn- und begehbare Pfade aus Stein und Geröll kommen wir gegen 10h über den Passo San Chiaffredo (2764m), wo wir aber nicht verweilen. Es geht fast 1000m abwärts über Steinfelder, daneben einige kleine Seen und ein Gebiet, wo unzählige Steinmännchen von Wanderern aufgebaut wurden. Ein alter Italiener fordert uns auf, ebenfalls einen Stein dort hinzulegen und wir tun dies. Dann geht der Weg über zur Wiese, gefolgt vom grössten Arvenwald der Alpen. Viele der knorrigen Bäume sind mehrere hundert Jahre alt. Leider haben wir dort immer noch kein Telefonempfang und wir entscheiden uns, nicht zum ursprünglichen Tagesziel, dem Rifugio Bagnour (wo wir nicht reserviert haben) zu gehen, sondern weiter runter nach Castello (1608m) an die Staumauer des Lago Castello zu gehen. Vom Pass oben waren dies also rd. 1150m im Abstieg. Dort haben wir endlich ein Telefonnetz. Wir sind froh, dass wir unsere für morgen geplante Übernachtung in Chiazale für heute vorziehen können. Es ist 13h und wir machen Mittag im Rifugio Aleve. Gestärkt starten wir in die Etappe, die ursprünglich für morgen vorgesehen war. Es ist immer noch sehr warm und bestes Herbstwetter. Alex hat die Etappe etwas angepasst, wir gehen entspannt, aber schnell entlang des Bachlaufs talabwärts, dann westwärts hauptsächlich über eine wenig befahrene Strasse im Bellino-Tal nach Westen rauf und runter weitere 11km bis zu unserer Unterkunft in Chiazale, wo wir schon etwas abgekämpft um 16.15h ankommen. Ab 15h ziehen in dem engen Tal Wolken auf, was uns einen bewölkten Himmel bietet, aber halt doch auch nach Regen aussieht. Wir hatten heute tolle Ausblicke, haben einen Tag eingespart und und sind unserem Ziel Nizza deutlich näher gekommen. Und wir haben das heutige gute Wetter genutzt. Zwei lange Etappen stehen uns nun bevor. Und ab Übermorgen sind wir dann in Frankreich. Dann kann Nizza ja nicht mehr so weit weg sein…..

Sonnenaufgang über der Po-Ebene
Rifugio Alpetto

Tag 122: 13.09.2019, Freitag

Von Pian Melzè im Tal des Po zur Refugio Alpetto. Strecke 8,4 km. Gehzeit 4.30 h. Aufstieg 970 m. Abstieg 890 m. Kaiserwetter, sonnig und wolkenlos.

Los geht’s um 09. 00 Uhr. Seit einigen Tagen sind die Etappen der GTA mit denen der Via Alpina identisch. Gestern hatten wir nach Norden und Süden eine schöne Aussicht. Heute wandern wir bei weiter stabilem Herbstwetter direkt unter der Ostseite des Monviso, dem König aus Stein, entlang. Er ist mit 3841 m der höchste Berg der Cottischen Alpen und Luftlinie nur 30 km von der Poebene und 90 km vom Meer entfernt. Adler müsste man sein. Doch nun von Anfang an: Zunächst geht es von der Locanda Regina (1750 m) über eine alte Mulattiera zu Po-Quelle. Hier ist wohl die einzige Stelle, wo man aus dem Po bedenkenlos trinken kann. Rudi schöpft Wasser (Bild). Über den Lago Chiaretto geht es dann weiter zum Colle dei Viso (2650 m). Der Weg zieht sich, das stört uns bei dem Wetter aber nicht. Wir haben das schöne, klare herbstliche Licht, das schon seinerzeit die Impressionisten in Nizza und in der Provence begeistert hat. Dann lädt das Rifugio Quintino Sella zur Einkehr (Bild). Das Rifugio ist der Stützpunkt zur Besteigung des Monviso und normalerweise übervoll. Da momentan wegen dem Schnee weniger geht, hält sich der Andrang in Grenzen. Wir haben einen guten Blick in die Poebene. Es ist immer wieder überraschend, wie nahe die Ballungsräumen sind und wie wenig dafür hier in den Bergen los ist. Vom Colle erreichen wir bald unser Tagesziel, das Rifugio Alpetto auf 2269 m um 15.00 Uhr. Das Rifugio Alpetto ist im Jahr 1866 erbaut worden und ist damit die erste Alpenvereinshütte der italienischen Alpen. Für uns ist es eine Zwischenstation auf dem Weg vom Tal des Po ins Varaitatal. Wir genießen das gute Wetter, dennoch zieht es uns nun allmählich heim zu unseren Frauen und Familien. Wenn es uns gelingt, werden wir versuchen, die ein oder andere Etappe zusammenzulegen. Mal sehen, ob das klappt. Im Gegensatz zu früher, erscheint uns ein gemütlicher Oktoberfestbesuch in München mit der Familie nun plötzlich als reizvoll. Zeitlich sollte das, wenn das Wetter hält, möglich sein.

Wasser zapfen an der Po-Quelle
Die Sella-Hütte neben dem Monviso

Tag 121: 12.09.2019, Donnerstag

Vom Refugio Barbara Lowie nach Pian Melze. Strecke 8,4 km. Gehzeit 3.30 h. Aufstieg 770 m. Abstieg 790 m. Kaiserwetter, sonnig und wolkenlos.

Gestern Abend war das Abendessen wieder ausgezeichnet und wir waren wieder früh im Bett. Gut ausgeschlafen starten wir auf 1753m Höhe um 8.30h. In diesen Teil des Tales scheint noch keine Sonne und es ist daher ziemlich kalt (so 8 Grad). Der Himmel ist wolkenlos und dank des Wetters, der kurzen und gemütlichen Strecke sowie der grandiosen Ausblicke fällt dieser Tag endlich mal wieder unter den Begriff „Alpenspaziergang“. Den ersten Colle  (Proussera, 2198m) haben wir bald erreicht und nun wandern wir nur noch in der Sonne. Von dort können wir unsere Route der letzten zwei Tage gut sehen mit dem grässlichen Regentag, der versifften Hirtenunterkunft, den langen Weg runter ins Tal (nach Villanova), und den gestrigen Übergang beim Rifugio Barant und den entsprechenden Abstieg gestern Nachmittag. Vor allem sehen wir endlich mal das schneebedeckte Monte Rosa Massiv, wo wir zwar lange nah dran waren, aber es nie sehen konnten. Wir witzelten sogar, dass es des Monte Rosa Massiv gar nicht geben würde. Auch das Matterhorn können wir erkennen. Um 11h sind wir auf dem Colle della Gianna (2525m) und haben plötzlich den schneebedeckten Monte Viso vor uns. Ein Bilderbuchblick mit strahlend blauem Himmel. Wir haben es heute ja nicht eilig und geniessen in Ruhe die sich uns bietenden Ausblicke. Ein paar Kühe beim Abstieg sind die einzigen Lebewesen, die wir vor unserer Ankunft um 12.45h bei unsere Trattoria Regina (auf 1800m) sehen. Sie ist bekannt für ihre ausgezeichnete Polenta, unglaublich viele Leute sitzen und essen (ein gutes Zeichen!) und auch wir geniessen das Mittagsmenü. Dann ist duschen, waschen und entspannen angesagt bei Sonne und mit Blick auf den Monte Viso (3841m).

Alex vor dem Monte Viso (3841m)
Blick auf das schneebedeckte Monte Rosa Massiv (weit weg)

Tag 120: 11.09.2019, Mittwoch

Von Villanova zum Refugio Barbara Lowie. Strecke 14,2 km. Gehzeit 5.00 h. Aufstieg 1180 m. Abstieg 690 m. Kaiserwetter, leichte Bewölkung, angenehm kühl.

Vom Talschluss des Valle Pellice (auch ein Waldensertal) in Villanova starten wir um 09.00 Uhr in einen entspannten Tag. Es herrscht Kaiserwetter. Mit flottem, lockeren Schritt geht es in Richtung Colle Barant (2312 m). Zunächst an der  beeindruckenden Cascata del Pis vorbei und dann über den Piano dei Morti, wo 1655 eine Gruppe Waldenser von einer Lawine getötet wurde, zum Refugio Jervis (1732 m). Dort gönnen wir uns, obwohl wir noch gar nicht müde sind, in der Sonne eine Capuccinopause. Wir haben eine gute Rundumsicht, die hohen Berge sind alle weiß vom gestrigen Schneefall. Heute geht, im Gegensatz zu gestern, alles leicht. Die Rucksäcke spüren wir kaum und die Höhenmeter fallen uns leicht. Es zählt sich nun aus, dass wir etliche Wochen Training intus haben. Bei diesen Verhältnissen und der derzeitigen Fitness könnten wir von Nizza leicht bis zu den Pyrenäen weitergehen (für unsere Frauen: das ist nur ein Scherz und keinesfalls unsere Absicht)! Bald sind wir bei guter Betriebstemperatur am höchsten Punkt, dem Colle Barant (2312 m) angekommen. Zuvor haben wir noch den botanischen Alpengarten besichtigt. Ab dem Colle geht es an der Refuge Barant ohne Pause vorbei, dann angenehm abwärts. Im Süden sehen wir den beherrschenden Monviso in Wolken und eingeschneit. Damit hat sich die Frage der Besteigung abschließend und endgültig erledigt. Bald erreichen wir das Refugio Barbara Lowrie, wo wir das saubere Matrazenlager mit 12 Betten ganz allein für uns haben. Es gibt sogar heißes Wasser und eine saubere Toilette. Wenn das Wetter halten sollte, müssen wir noch oft über 2500 Meter aufsteigen, und dann sollte das Restprogramm gut zu bewältigen sein. Bei einer Schlechtwetterperiode mit mehrtägigen Regen und Schnee in der Höhe wäre der Abschluss unseres Projektes gefährdet. Der Engpass sind unsere Schuhe. Sie sind zwar wunderbar eingelaufen, die Wasserschutzmembrane ist aber zerstört. Für Regen und Schnee sind die mittlerweile total ungeeignet. Hoffen wir auf Fortsetzung des Herbsthoches. Übrigens: vor genau 18 Jahren hatten Sieglinde und Alex genau auf den Tag eine Ankunft in Nizza. Nicht zu Fuß aber immerhin mit dem Fahrrad. Auch nicht von Wien, sondern von Untermeitingen. Der Termin bleibt in Erinnerung auch wegen der Attentate auf das World Trade Center.

Blick vom Colle Barant nach Süden
Das wirklich grosse Muli des Rifugio Barbara Lowie

Tag 119: 10.09.2019, Dienstag

Von Ghigo di Prali nach Villanova. Strecke 17,2 km. Gehzeit 5.45 h. Aufstieg 1010 m. Abstieg 1220 m. Dauerregen die gesamte Zeit, sehr kalt (0-9 Grad), Schneeregen und Schnee am Colle, sehr unangenehm.

Jeder Tag kann anders sein. Und der heutige Tag war definitiv kein Vergnügen. Gestern bestes sonniges Herbstwetter auf gemütlichen Wegen, heute Dauerregen und sehr kalt (0-9 Grad), Nebel/Wolken, keine Sicht und Schneeregen bzw. Schnee auf dem saukalten Colle Giulian (2457m). Aber nun schön chronologisch. Gestern Abend haben wir gemeinsam mit zwei Südfranzosen unseres Alters Abend gegessen, die den GTA seit einigen Jahren in Etappen wandern und irgendwann dann nach Venedig abbiegen wollen. War ein lustiges Kauderwelsch auf Italienisch, Französisch, Englisch und Deutsch. Auch beim Frühstück um 7h sitzen wir zusammen. Sie gehen von Süd nach Nord, wir von Nord nach Süd, und so ist es eine kurze Begegnung. Das Frühstück ist gut und es gibt sogar frische Feigen. Aber es hat nur 9 Grad und es regnet schon seit Stunden in Ghigo di Prali. In kurzer Hose und T-Shirt, aber eben auch in vollem Regenschutz starten wir um 8 h. Erst mal entlang des Tales nach Süden. Die Seilbahn nutzen wir natürlich nicht, um von 1455m auf 2440m zu kommen. Heutiges Tagesziel ist Villanova auf 1225m im nächsten Tal, dazwischen müssen wir den Colle Giulian (2457m) überschreiten. In der Regenkleidung wird uns etwas wärmer, aber tatsächlich wird es immer kälter, je höher wir kommen. Nach einer halben Stunde sind die Schuhe innen feucht, dann die Socken, dann steht das Wasser im Schuh und die Zehen werden sehr kalt. Feuchtigkeit von unten (nasses Gras) und von oben (Dauerregen) machen das Gehen mühsam. Die Wege sind nun teilweise rutschig oder Wasser läuft runter. Um nicht zu sehr innen zu schwitzen – trotz der Kälte – gehen wir langsam, aber stetig und sind schon um 11h auf dem Colle. Der Regen kommt da schon als Schneeregen runter. Die letzten 100 Höhenmeter schneit es dann und der Schnee bleibt als dünne Schneeschicht liegen. Oben angelangt, bleiben die Smartphones geschützt in den Taschen und wir machen uns unverzüglich an den Abstieg. Wir hoffen, dass es nach Schnee und Schneeregen endlich wärmer und angenehmer wird. Dies ist leider nicht der Fall. Nebel/Wolken ziehen auf. Eine grosse Schafherde grast auf unserem Pfad und die drei grossen Hüterhunde machen uns kläffend klar, dass wir hier nichts zu suchen haben. Wir weichen gut 150m nach links aus und versuchen den Hunden zu entkommen, indem wir zu einem Bauernhof runter gehen. Hier kommt gerade eine Ziegenherde mit viel Getöse aus dem Stall, getrieben von 4 weiteren kleineren Hunden. Zwei Hirten mit Schirmen halten die Hunde zurück und über eine knöcheltiefe Matschstrecke mit vielen Kuhfladen erreichen wir einen der Hirten. Er bietet uns ein Bivacco bei ihnen im Haus an, wir wollen aber lieber runter ins Tal. Mehr rutschend als Gehend erreichen wir die Versorgungsstrasse, auf der auch das Wasser steht und wir gehen so schnell wir können leicht abwärts, um den drei Pastore Maremmano die oberhalb der Strasse die Herde schützen, zu entkommen. Gut 2,5 Stunden im Regen, im Nebel mit kurzer Sicht, nassen Schuhen und kalten Zehen/Fingern gehen wir dann über teils steile Versorgungswege, Trampelpfade im Gras, durch Wald und etwas Geröllwege in Richtung Tal. Sicht haben wir keine, hoffen aber, dass uns die Beschilderung und unser GPS-Track letztlich nach Villanova führen. Endlich sehen wir eine Strasse. Ein mitleidiger Italiener bietet uns großzügigerweise eine Mitfahrtgelegenheit in seinem Kleinwagen an, aber wir nassen Wanderer hätten da sein Auto völlig versaut, zudem wollen wir ja jeden Meter zu Fuß gehen. Und plötzlich um 13.45h ist Villanova da, das aus ca. 15 Gebäuden besteht, aber wo nur das Posto Tappa belebt aussieht. Unsere Schuhe, Socken und die Regenkleidung liegen nun um den Holzofen herum und wir hoffen, dass auch die Schuhe bis morgen halbwegs trocken werden. Ein trockener, warmer Raum mit Holzofen kann unglaublich angenehm sein.

Tag 118: 09.09.2019, Montag

Von Massello nach Ghigo di Prali. Strecke 19,6 km. Gehzeit 5.30 h. Aufstieg 1050 m. Abstieg 730 m. Wolkenlos, angenehm kühl. Bestes Herbstwanderwetter.

Nach einem guten Frühstück mit vielen Früchten (Heidelbeeren, Erdbeeren, Äpfeln, Pfirsichen, Trauben und Pflaumen) beginnt um 09.00 Uhr eine ruhigere Erholungsetappe – so ist es zumindest geplant. Es ist wolkenlos, mit azurblauem Himmel, ein Wetter wie man es sich nicht besser wünschen kann. Wir starten mit viel Elan und gut gelaunt. Heute geht es ins Germanascatal, wie das Chisonetal auch ein Waldensertal. Das erste Zwischenziel, Didiero, ist nur 20 Minuten entfernt. Im Überschwang achten wir allerdings nicht auf die Wegweiser. Das Gerät mit dem Track ruht zudem bei Alex gut verstaut in der Hosentasche. So kommt es, wie es kommen muss,. Wir übersehen eine Abzweigung und gehen volle 7 km und rund 150 Höhenmeter in die falsche Richtung. Anstatt um 09.20 Uhr kommen wir somit erst um 11.00 Uhr in Didiero an. Wir nehmen es aber mit Humor. Schnell haben wir  dann die rund 500 Höhenmeter zum Colle di Serrevecchio (1707 m) erklommen. Dann kurzer Abstieg und Gegenanstieg zum Colletto Galmont (1651 m). Gemütlich geht es dann nach Ghigo di Prali, wo wir um 15.30 Uhr ankommen. Dort gibt es zuerst ein unfiltriertes Ichnusa Bier aus Korsika. Na ja, wenn man Durst hat, schmeckt auch das. Zu den Waldenser (nicht zu verwechseln mit den Valsern) gäbe es viel zu berichten. Das Wichtigste hier in Kürze: Die Waldenser sind eine Gemeinschaft  protestantischen Glaubens mit Verbreitung in Italien, Süddeutschland und einigen Ländern Südamerikas. Durch den Lyoner Kaufmann Petrus Valdes im 12. Jahrhundert in Südfrankreich gegründet, wurden die Waldenser während des Mittelalters von der katholischen Kirche ausgeschlossen und als Häretiker durch die Inquisition verfolgt. Ein wichtiges Rückzugsgebiet waren die Waldensertäler in den Westalpen, im Piemont, genau die Region also, die wir gerade durchwandern. Das Valle Germanasca mit Prali ist eines der drei Waldensertäler, wo die calvinistische Laienbewegung ihr Rückzugsgebiet hatte. Es gab hier viele menschliche Tragödien. Heute besinnt man sich wieder auf die historischen Wurzeln und hat hier in Prali auch ein Museum eingerichtet.

Pause auf der Seniorenbank
Fahne der Waldenser in kleinem Weiler
Waldenserdof Roderetto, wo die unversehrte Kirche weiterhin als Tempel bezeichnet wird
Kurz vor der Ankunft – Überquerung eines Baches

Tag 117: 08.09.2019, Sonntag

Von Usseaux nach Massello. Strecke 23,5 km. Gehzeit 8.30 h. Aufstieg 1340 m. Abstieg 1660 m. Kalt am Morgen, später sonnig und trocken, kühles Herbstwetter.

Nach mehr als einem Vierteljahr starten wir heute in der langen Hose. Um 6 h läutet der Wecker, um 6.45h verlassen wir das Haus. Einer unserer härtesten Tage liegt vor uns. Von Usseaux (1439m) hoch auf den Colle dell’Albergian (2713m), dann runter nach Molino (ca. 1180m). Alles schön verteilt auf gut 23 km. Zum Glück sah es nicht nach Regen aus, denn dann wäre diese Tagesetappe eigentlich unmöglich. Der Himmel war wolkenlos, aber es war richtig kühl. Seit langer Zeit hatten wir zur Sicherheit etwas Proviant dabei, bestehend aus einem dicken Stück Salami und drei Stück löchrigem Brot vom Frühstück. Laut dem Rotherführer müssen wir mit einer Gehzeit von 9.30 h rechnen. Daher der frühe Start um 6.45h. Es ist gut, dass wir erst mal an der Strasse so 2 km locker bis Laux gehen können, damit unsere Muskeln und Bänder warm werden. Weniger schön ist, dass es dabei abwärts um gut 100 Höhenmeter geht, so dass der Anstieg auf den Colle nachher fast 1300m ausmacht. Für eine gute Stunde gehen wir die Forststrasse hoch und machen dabei Höhe und Entfernung. Dann wird es ein schmaler Wanderweg durch Wald, der uns relativ sanft, aber stetig hinauf bringt. Wolkenungetüme bauen sich an der Poebene auf und legen sich dann langsam ins Tal. Die Festung Fenestrelle, das nach der chinesischen Mauer zweitlängste Gebäude der Welt (zieht sich auf 3 km Länge 635 m hoch den Berg hinauf) ist immer wieder zu sehen. Nach drei Stunden sehen wir den Colle und machen eine Trinkpause. Weitere 2 Stunden zieht sich aber der Weg hinauf und erst kurz vor Mittag sind wir auf 2713m Höhe, wo ein eiskalter Wind trotz Sonnenschein uns dick vermummen lässt. An einer geschützten Stelle essen wir unsere Salami (siehe Foto). Nach gut 20 Minuten reicht es uns und wir machen uns an den langen, die Knie belastenden Abstieg. So nach 45 Minuten lässt der kalte Wind nach und wir ziehen die windabweisende Schicht aus. Ein völlig leeres und einsames Tal, das wir für fast 3 Stunden langsam entlang des Hanges runter gehen. Wir begegnen 3 Hirten mit 2 Hunden, die mobile Zäune auf 3 Mulis geladen haben und den gleichen langen Weg wie wir ins Tal nehmen. Steil geht es am Rand ca. 200m tiefer in ein Tal. Zwei Wasserfälle fallen senkrecht an den Steinwänden runter, die fast unüberwindbar das obere Tal vom unteren Tal trennen. Hier oben (die „Vier Zähne“ als Abschluss des Massello-Tals) hatten sich 360 Waldenser einen ganzen Winter lang gegen 4000 Franzosen erfolgreich verteidigt und konnten Ende Mai 1670 sogar noch flüchten. Wer diese natürliche Festung sieht, kann es nachvollziehen. Wir gehen fast 4 h über viel Stein, Geröll und Gras runter und freuen uns, dass es wärmer wird. Die letzte Strecke nutzen wir die Strasse. Uns reicht das heutige Auf und Ab am Berghang. Kurz nach 16h nach über 9 Stunden fast permanentem Gehens kommen wir in unserer Unterkunft an. Die heisse Dusche und ein Bier lassen uns entspannen.

Wolkenformation am Vormittag
Mittagspause mit Salami auf dem Colle dall’Albergian (2713 m)
Hirten mit Mulis als Transporttiere
Balziglia, das ehemalige Waldenserdorf ganz am Ende des Tals

Tag 116: 07.09.2019, Samstag

Von der Alpe Toglie nach Usseaux. Strecke 18,2 km. Gehzeit 7.00 h. Aufstieg 1290 m. Abstieg 1350 m. Kühles, trockenes Herbstwetter. Ab Mittag einige Wolken.

In der Alpe Toglie sind wir mal wieder die einzigen Gäste. Das hat den Vorteil, dass wir den einzigen Gemeinschaftsschlafraum mit 16 Matratzen und das einzige Klo für uns alleine haben. Die unbezogenen Matratzen und Kopfkissen hinterlassen alle einen stark gebrauchten Eindruck. Deshalb nutzen wir unsere eigenen Isomatten als Unterlage. Mit unseren frisch gewaschenen Hüttenschlafsäcken und eigenen Daunenquilts ist die Nacht dann doch OK. Wir werden gleich bei unserer Ankunft, wie wohl alle Gäste, mehrfach sanft gedrängt, ein hässliches T Shirt mit Hüttenemblem zu kaufen. Um die Stimmung nicht zu ruinieren, geben wir schließlich nach. Am Abend in der Küche der Alpe erleben wir eine bisher nicht gekannte Ursprünglichkeit. Man kann das eigentlich nicht beschreiben, man müsste es malen. Spitzweg hätte etwas daraus gemacht, Vilsmeier sicher einen grandiosen Heimatfilm.  Es tobt in der Küche ein Stillleben von grausamer (nach Tschudi) Ursprünglichkeit. Hund und Katz kuscheln gemeinsam auf dem Sofa, der Sohn füllt Rotwein aus einem 50 Liter Kanister in Flaschen, der Hausherr schläft im Sessel, die zahnlose Mamma kocht auf dem holzgeschürten Herd, die Schwester preist das T Shirt an, wir mittendrin. Die Einrichtung ist aus den vierziger Jahren. So etwas haben wir beide bisher noch nicht erlebt. Es ist wie im Film in einer anderen Zeit. Die Situation ist an Originalität nicht mehr zu überbieten. Kerniger geht’s nimmer. Man kann das nur lieben oder strikt ablehnen. Es ist wirklich unbeschreiblich. Zum Abendessen legt die Wirtin sogar eine Tischdecke auf, die gleiche, die wohl über den ganzen Sommer aufgelegt wird. Das Essen ist eine absolute positive Überraschung. Es gibt als Vorspeise Wurst, Tomaten, selbst gemachten Käse und dazu das beste Brot, das wir bisher gegessen haben. Der abgefüllte Rotwein wird zur Selbstbedienung in einer Zweiliterflasche hingestellt. Nach der Vorspeise sind wir eigentlich satt. Dann folgt aber noch eine Riesenportion Spaghetti Bolognese al dente und als Hauptgang Fleisch, das seit Stunden auf dem Herd (holzbefeuert) köchelt mit Kartoffeln. Alles wohlschmeckend. Wir sitzen am einen Tischende, die Familie am anderen, Hund und Katz schlafend auf dem Sofa. Der Kaffee am Schluss darf nicht fehlen. Alex ist so begeistert, dass er Rudi bittet, zur Dokumentation ein Foto mit den beiden Damen zu machen (Bild). Das tolle Abendessen mit Wein, die Übernachtung incl. T Shirt kosten dann pro Person 35 €. Nach dem Frühstück geht es heute um 08:15 Uhr in Richtung Colle Osiera (2595 m). Auch hier in den Südalpen hat sich inzwischen der Wetterumschwung vom Hochsommer in den Herbst vollzogen. Es ist deutlich kälter geworden und es hat bis auf 2000 Meter heruntergeschneit. Da der Boden noch warm ist, bleibt der Schnee allerdings nicht lange liegen.  Mit der Aussicht haben wir heute mal Glück. Im Norden steht der Rocciamelone in seiner ganzen Pracht und im Süden können wir vom Colle erstmals den Monviso sehen. Die Tour ist im Auf- und Abstieg wegen der Höhenmeter anstrengend. In der Distanz sind zudem immerhin über 17 km zu bewältigen. Nach zwei Ruhetagen in Susa sind wir aber ganz gut drauf. In Usseaux kommen wir gegen 16.00 Uhr an. Das Posto Tappa ist sauber und gut geführt. Nach einer heißen Dusche fühlen wir uns wohl. Usseaux zählt angeblich mit zu den schönsten Orten Italiens und ist bekannt für seine Wandgemälde.  Man könnte im Ort länger verweilen und im nahen Fenesterelle die größte Festungsanlage der Alpen besichtigen. Uns zieht es aber morgen weiter in Richtung Nizza. Es steht wieder eine längere Etappe weit über 20 km mit zudem rund 1400 Aufstiegs- und 1400  Abstiegsmetern an.

Die Damen der Alpe Toglie
Letzter Blick auf den Rocciamelone
Blick vim Colle Osiera auf den Monte Viso mit Wolkenschleier
Auf dem Colle Osiera (2595 m)

Tag 115: 06.09.2019, Freitag

Von Susa zur Alpe Toglie. Strecke 12,8 km. Gehzeit 4.00 h. Aufstieg 1250 m. Abstieg 200 m. Morgens kühl bei ca. 12 Grad, bewölkt, am Ende Regen und kalt.

Die zwei Ruhetage in Susa haben uns gut getan. Wir haben in einem ehemaligen Kloster gewohnt, das zwei wunderschöne Kreuzgänge hat. Ein Triumphbogen zu Ehren von Augustus aus dem Jahr 9, ein eindrucksvolles Amphittheater, weitere römische Bauwerke wie Mauern und ein Aquädukt sind hier in Susa auf engstem Raum zu finden. Susa mit rd. 6000 Einwohnern ist angenehm und übersichtlich. Störend sind allein die Massen an Motorrädern, die hier durchdonnern. Wir haben uns beide beim Barbier „verschönern“ lassen. Der Auftrag von Alex an den Friseur wurde allerdings gründlich missverstanden. Der Bart sollte weg mittels einer gepflegten Nassrasur. Statt dessen arbeitet der Maestro am Bart mit der elektrischen Haarschneidemaschine und einem alten, stark gebrauchten Elektrorasierer. Zudem widmet er sich nicht nur dem Bart, sondern auch dem ohnehin schütteren Haupthaar und macht auch dort Tabula Rasa. Schlecht rasiert mit nunmehr Vollglatze verlässt Alex den Laden. Die Schuhe wurden auch gepflegt. Eine ganze Dose Schuhcreme versiegelt nun die Wanderstiefel von Alex. Rudi hat nun wieder 2 ganze Wanderstöcke. Und unsere komplette Bekleidung einschliesslich Hüttenschlafsack war in der Waschmaschine bei 40 Grad. So starten wir zum letzten Abschnitt von Susa nach Nizza, wo wir (hoffentlich) gegen Ende dieses Monats September ankommen wollen. Heute gehen wir bei kühlen Temperaturen und bewölktem Himmel um 8.45 h los. Auf dem Rocciamelone und seinen Nachbarbergen liegt so ab 2.300m Höhe Schnee  und verzuckert die Spitzen. Es hat wohl hier unten auch nicht mehr als 10 bis 12 Grad. Über Meana, hier verläuft die Zugstrecke u.a. nach Turin, leicht aufwärts am Talhang durch einige nur wenig bewohnte Dörfer steigen wir von Susa (595m hoch) innerhalb von 2 Stunden gemütlich hoch auf so 750m. Dann gehts die letzten gut 2 Stunden aber auf einer steilen Mulateria (Versorgungswege ) stetig und konsequent durch Wald hoch bis zur Alpe Toglie auf 1534m Höhe. Immer wieder wird gefragt, ob diese Alpenwanderung schön ist und Spass macht. Das ist nicht so einfach mit Ja oder Nein zu beantworten. Ja, es ist schön, loszugehen und anzukommen und auch unterwegs – je nach Wetter und Sicht – gibt es schöne Eindrücke und Momente. Oft ist es aber auch harte Arbeit, Anstrengung und Mühe. So wie heute: Zwei Stunden stetig steil den Berg hinauf zu gehen,  macht nicht unbedingt Spass. Kurz vor unserer Ankunft um 13.15h fängt es zu tröpfeln an und wir schaffen es gerade noch leicht feucht auf die Alpe Toglie. Schön, dass der Ofen brennt. Im Schlafraum mit 16 Betten sind wir die einzigen Gäste, was uns sehr Recht ist.

Einer der Kreuzgänge im Kloster in Susa
Unser Schlafraum auf der Alpe Toglie
Eigener Käse und Wein bei laufendem Fernseher auf der Alpe Toglie
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Ein Kommentar zu „Von Susa nach Nizza – vom 06.09.19 bis zum 23.09.19

  1. Hallo, Dr. Stagl und Herr Freitag,
    ich habe gerade den Bericht über Tag 126 gelesen und frage mich jetzt, wie weit habt Ihr noch von Bousieyas bis Nice ?!? Ich bin schon ein bisschen traurig, dass Eure Alpenwanderung bald zu Ende geht…. es hast sehr viel Spaß gemacht, Euch und die verschiedene Etappen zu verfolgen. Hut ab!!! Ihr habt das ganz toll gemacht und geschafft….. fast! Ich wünsche Euch alles Gute für die restliche Zeit….. komm gut an! Buen Camino!!
    Joy Schindel

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