Rückblick

132 Tage, also 19 Wochen waren wir unterwegs vom Stephansdom in Wien bis zum Mittelmeer in Nizza. Es sind 132 Tage zwischen dem 15.05.2019 und dem 23.09.2019. Ruhetage waren es 19, Wandertage (einschliesslich der Anfahrt nach Wien) also 113. Wir haben somit weniger als 4 Monate benötigt, um die Strecke ausschliesslich per Fuss zu bewältigen. Andere Verkehrsmittel (Bus, Schiff, Auto…) haben wir nicht benutzt. Insgesamt sind wir 2.037 km gegangen mit je rd. 102 km im Aufstieg und natürlich auch rd. 102 km im Abstieg. Auf die 113 Wandertage umgelegt, sind wir täglich 18 km gegangen und je 900 Höhenmeter auf- und wieder abgestiegen. Entfernung und Höhenmeter: Wir sind über 2.000 km je zur Hälfte mit einer Steigung oder einem Gefälle von 10 % gegangen. Es dürfte in diesem Jahr nur noch – neben uns – Dietmar gewesen sein, der von Wien nach Nizza gewandert ist. Und schaut man sich im Netz und in den Vorjahren um, sind wir vermutlich die Ältesten, die die Strecke Wien-Nizza innerhalb eines Jahres bewältigt haben.

Unser Weg von Wien nach Nizza

Eine detaillierte Aufstellung über jeden Tag über Strecken, Übernachtungen, Zeitangaben und Wetter ist in nachfolgender Tabelle zu finden und nach dem Tag 69 (22.07.2019) unter der Überschrift: Der Weg im Überblick … von Tag zu Tag

Klicke, um auf unser-weg-von-tag-zu-tag-40.pdf zuzugreifen

Persönliche Schlußworte Rudi:

Warum mache ich das? Das hab ich mich vor allem in den ersten sechs Wochen gefragt. Alex wollte mir tausend Gründe nennen, aber dann war es später doch nicht mehr so wichtig. Ich war bisher kein Bergfan, der möglichst häufig in den Bergen unterwegs ist und auf jeden Berg hinauf muss. Und das hat sich auch jetzt nicht geändert. Ja, ich wollte in Wien starten und in Nizza ankommen. Dummerweise sind da ganz viele Berge dazwischen. Es heisst: Der Weg ist das Ziel. Nicht bei mir. Mein Ziel war das Ziel, nicht der Weg. Welcher Berg da nun steht, war mir eigentlich egal. Ob Monviso, Monte Rosa Massiv, Rocciamelone oder das Matterhorn aus der Entfernung, letztlich sind es für mich nur grosse Steinhaufen. Wenn ich nach Santiago gehen möchte, ist es doch auch egal, welche Städte auf der Route liegen. Habe lernen müssen, über Steine, Geröll, Kiesel zu gehen (wo hintreten, wo nicht, gerade bei Abstiegen), aber ich mag diesen Untergrund nicht. Die sind hauptsächlich über 2000m zu finden, also i.d.R. oberhalb der Baumgrenze, und es lies sich halt nicht vermeiden. Und ich mag auch keine Kammwege in diesen Höhen. Interessanter als die Berge war für mich, wie Menschen dort lebten und wo sie die Landschaft für sich bewohnbar gemacht haben. Die Walser, die Waldenser, die vielen heute meist verlassenen Häuser an den steilsten Hängen, die Passwege als Verbindungen zwischen Tälern und für den Handel, die Bauweise der Häuser und die vielen und toll angelegten Maultierpfade als Versorgungswege, die in Hunderten von Jahren erstellt, ausgebaut und gepflegt wurden. Vielfach folgten und basierten unsere Wege auf diesen alten Maultierpfaden und nur durch unser Gehen konnten wir sie wahrnehmen und erleben. Die haben mich als (Wege-)Netz in den Bergen am meisten beeindruckt. Spannend war für mich, wie mein Körper auf die Belastung reagiert und wie sich dies auf meinen Insulinspiegel bei Diabetes I auswirkt. Erstaunlicherweise gewöhnt er sich schnell daran und benötigt Insulin, fast wie wenn ich daheim auf dem Sofa sitzen würde. Nur auf das Mehrgewicht im Rucksack (Insulin, Kühlung, Spritzen, Sensoren, Traubenzucker etc.) hätte ich gerne verzichtet. Alex hatte mir am Anfang gesagt, dass wir in einen Altherren-Flow kommen würden und dann unsere Gedanken schweifen lassen könnten. Ja, in vielleicht 10-15% der Zeit war das möglich und Erinnerungen tauchten auf, die mir bisher nicht mehr so bewusst waren. Meist gings aber steil nach oben oder nach unten oder man muss sich auf den Weg und seine Schritte konzentrieren, um nicht abzuschmieren oder Verletzungen zu riskieren. Wir hatten weder Verletzungen, Prellungen, Muskelkater, Zerrungen, Blasen und blieben auch von Zecken und Erkältungen verschont. Da hatten wir sicherlich auch viel Glück. Ich habe viele tolle Leute kennen gelernt, viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft erlebt, und hatte auch Begegnungen mit meinem inneren Schweinehund. Ihn wie auch andere Hunde habe ich in den Griff bekommen. So, und zum Abschluss möchte ich mich bei Alex bedanken, der im Vorfeld und während der Tour die Routen- und Unterkunftsplanung machte, was wirklich viel Arbeit ist. Und auch, dass er beim Abstieg immer wieder mal auf mich wartete, weil er da deutlich schneller war als ich. Unsere Vorbereitung auf die Tour bestand darin, dass wir uns per Mail oder Telefon über die Ausrüstung abstimmten, uns am 15. Mai in München trafen und im Zug nach Wien erst mal richtig über die Durchführung der Tour sprachen. Eigentlich unmöglich, aber es hat dennoch funktioniert. Wir haben uns gut verstanden und wir mussten nicht mal streiten. Bedanken möchte ich mich – auch hier – bei meiner Frau Irmi,  die mich „gehen“ liess und sich in der Zwischenzeit auch um viele Dinge kümmern musste, die normalerweise meine Aufgaben wären. Und um dann kurz vor Schluss an unserem 40. Hochzeitstag alleine zu Hause zu sitzen, während ich in einem halbentvölkerten Bergdorf vor Nizza rumhänge. Ob ich es bereue, die Tour gemacht zu haben? Natürlich nicht. Bin jetzt so fit wie lange nicht mehr. Ob ich so etwas wieder machen würde? Ebenfalls natürlich nicht. Wozu? Ich habe gezeigt, ich könnte es, aber es gibt viele andere Dinge, die auch Spass machen und es soll ja nicht langweilig werden. Freue mich auf meine Töchter und meine süsse Enkelin Josefine mit ihren grossen und neugierigen Augen, die viel aufregender und berührender ist als jeder Berg. Vielleicht erzähl ich ihr dann mal, was ihr Opa an verrückten Sachen gemacht hat, sogar, als er schon ein alter Mann war.

Persönliche Schlußworte Alex:

Im Vorfeld des letzten Lebensabschnittes, dem Ruhestand, habe ich darüber nachgedacht, wie man zu Beginn die neu gewonnene Freiheit für etwas Besonderes nutzen könnte. Unter vielen angedachten Ideen hat sich dann die große Alpentransversale von der Metropolregion Wien ganz im Osten bis nach Nizza ganz im Südwesten der Alpen als für mich am interessantesten herausgestellt. Neben den körperlichen und mentalen Herausforderungen versprach das Unternehmen ein Schuss Abenteuer, herrliche Landschaften, kulinarisch Genüsse, Kultur, Natur und Zeit zur Selbstreflektion. Reizvoll schien es mir auch, meinem Hobby, dem Bergsteigen, das ich nun seit über 52 Jahren betreibe, ausgiebig ohne große zeitliche Einschränkungen nachgehen zu können. Schließlich wollte ich auch etwas machen, wozu nicht viele in der Lage sind und zudem meine körperlichen und mentalen Grenzen ausloten. Zuletzt sollte es ein Unternehmen sein, das eine Zäsur zwischen Berufsleben und Pensionistendasein erlaubt und das lange in Erinnerung bleibt. Als Fazit kann ich feststellen, dass sich fast alle Erwartungen weitgehend erfüllt haben. Nach der Tour hat sich ein großes Gefühl der Zufriedenheit, des Glückes und des Dankes eingestellt. Besonders danken möchte ich an dieser Stelle meiner lieben Frau, die mir ohne Murren 4 Monate freigegeben und mir keinerlei Steine in den Weg gelegt hat. Sie und die Familie haben mir während der Wanderung am meisten gefehlt. Ursprünglich habe ich die Alpentransversale alleine geplant. Dass Rudi das Wagnis mit eingegangen ist, war dann ein Glücksfall.  Er war über die ganze Zeit ein treuer und zuverlässiger Kamerad.  Zu zweit ging vieles leichter, nicht zu vergessen der zusätzliche Gewinn am Sicherheit. Wir waren die ganze Zeit, außer den Ruhetagen, quasi 24 Stunden auf engstem Raum beieinander. Nie hat es ein böses Wort oder ernstliche Meinungsverschiedenheiten gegeben. Auch war es Rudis Idee mit diesem Blog ein elektronisches Tagebuch zu erstellen und damit alles gut zu dokumentieren. An ihn geht ein herzliches Dankeschön. Unsere alpinistischem Voraussetzungen und Erfahrungen könnten nicht unterschiedlicher sein. Rudi ist kein Berggänger und wird es (nach eigenen Angaben) wohl auch nicht mehr werden. Somit ist seine Leistung und sein Wille  den Marsch trotzdem von Anfang bis zum Ende durchzuziehen, um so höher zu bewerten. Mit seinem Einverständnis darf ich zusätzlich erwähnen, dass er die ganzen vier Monate rund 2 kg zusätzliches Gewicht für seine Diabetesausrüstung mitschleppen musste. In den Pausen wurde stets frisches Insulin aufgenommen, das unterwegs dann auch mittels Wasser und Verdunstungskälte auch noch kühl gehalten wurde. Er dürfte der erste sein, der mit diesem Handycap so eine Monstertour geschafft hat. Auch dafür möchte ich ihm meine höchste Anerkennung aussprechen. Chapeau!  Generell kann man sagen, dass die erfolgreiche Selbstoganisation, der Wille durchzuhalten und die Selbstdisziplin gut für unser beider Ego waren. Am mentalen Standing habe ich allerdings aber nie gezweifelt, eher am physischen Durchhaltevermögen. Mit meinen doch  zahlreichen Sportverletzungen, einer schwachen LWS, leichten Schmerzen im rechten Knie und einer dauergereizten Achillessehne links ist das medizinische Bulletin zum Beginn der Tour nur grob beschrieben. In den zurückliegenden 4 Monaten Dauerbelastung habe ich, im Gegensatz zum Büro, die LWS nie gespürt. Das Knie habe ich in Wien vor der Tour gespürt und spüre es heute nach der Tour immer noch, die Achillessehne war in Wien leicht geschwollen und ist es heute immer noch. Sonst habe ich momentan allerdings eine körperliche Fitness, wie ich sie wohl künftig nicht mehr erreichen werde. Der Wohlstandsspeck an Bauch und Hüfte  ist (fast) weg. Allerdings werde ich daheim in den kommenden Monaten den Konsum an Bier (Moretti) und Wein (Barbera und Nebbiolo) deutlich zurückfahren müssen. Ausdrücklichen erwähnen möchte ich die vielen wertvollen Begegnungen mit ausgesprochen interessanten und gastfreundlichen Menschen. Von unserem Mitstreiter, Dietmar, haben wir schon mehrfach berichtet, aber auch die Einheimischen haben uns vielfach mit ihrer Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit tief beeindruckt. Vielleicht am Allerwichtigsten ist, dass wir alles unversehrt überstanden haben. Kein einzige Blase, kein Umknicken, keine Erkältung, keine schweren Stürze, keine Hunde- Schlangen – oder Zeckenbisse (letzteres bei den teilweise sehr verkrauteten Wegen ein kleines Wunder). Auch dafür haben wir in der Kathedrale von Nizza dem Herrgott sehr gerne eine Kerze angezündet. Ich freue mich nun auf die normalerweise als selbstverständlich betrachteten alltäglichen Dinge wie das eigene Bett, frische Kleidung, eine Nassrasur, den Komfort daheim und natürlich am allermeisten auf die Familie. Ende gut, alles gut. Wir schließen nun den Internetblog endgültig und wünschen unseren Lesern auf all ihren Lebenswegen „buon cammino“.


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4 Kommentare zu „Rückblick

  1. Jetzt habe ich keine morgendliche Lektüre mehr, das wird ja langweilig. Muss ich jetzt aktuelle Nachrichten lesen, wie gruselig und so gar nicht aufmunternd. Der tägliche Start mit dem Blog war soooooooo schoen. Oft habe ich meine beiden (Ex)Chef‘s bewundert, manchmal bedauert (wg. der Wetterlage) und immer wieder fest die Daumen gedrückt, dass alles ohne größere Probleme abläuft – Sie haben es geschafft, wunder- wunderbar! Ich kann nur sagen, Hut ab, da gehört unheimlich viel dazu. Das würde ich niemals schaffen, bin aber schon etwas neidisch, denn das ist schon ein einmaliges Erlebnis.
    Ich wünsche Ihnen jetzt eine gute Heimreise, wo Sie sicherlich mit großer Freude von der Familie empfangen werden. Ganz viele liebe Gruesse
    G.Biering

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    1. Gratulation, unglaublich, was man alles „erlaufen kann“.Ich bin zwar nur 650 km von München nach Venedig gegangen in 23 Tagen. Ich war schon sehr aufgeregt, bei Ihren spannenden Berichten! Eine tolle Heimfahrt
      etwas Zeit zum Ausruhen. Lieben Gruß Erika Lindener

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  2. Lieber Alex,
    auch ich habe täglich den Blog mit großem Interesse verfolgt.
    Habe mitgefiebert, gehofft auf gutes Wetter, euch die Daumen gedrückt , wollte euch gerne Tipps geben der Hunde wegen, konnte vieles nachvollziehen was Geröll angeht (ich hasse es auch, wie dein Freund Rudi),
    von den Hütten mit den unzureichenden Sanitäranlagen, hatte mir Toni schon mehrfach mit grausen berichtet, euch aber auch beneidet der tollen Aussichten, dem scheinbar guten Essen und den tollen Begegnungen mit einer Vielzahl unterschiedlicher Nationalitäten.
    Du hast deinen Traum realisiert und dafür gebührt euch beiden ein großes Kompliment.
    Sehr, sehr lange wirst du davon erzählen können und im Nachhinein genießen können. So etwas kann man nicht kaufen, so etwas muss man erlebt haben. Alle Reisen die Anstrengungen beinhalten sind letztendlich die schönsten, so ist zumindest meine/unsere Erfahrung.
    Meine große Hochachtung für Euch beide
    und liebe Grüße
    Carla

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  3. Servus Ihr Beiden. Oh ziehe ein ums andere Mal den Hut.
    Ich hatte nicht an der Durchführung und an das ans Ziel kommen nie gezweifelt.
    Doch so gesund und munter und unbeschadet – daran habe ich manches Mal gezweifelt. Auch mir wird morgens bzw. oft schon am selben Abend eine spannende Lektüre fehlen. Gute Heimreise und alles Gute für die nun kommende Renter- bzw. Pensionistenzeit.
    Alles Liebe
    Beate Brennauer

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