132 Tage, also 19 Wochen waren wir unterwegs vom Stephansdom in Wien bis zum Mittelmeer in Nizza. Es sind 132 Tage zwischen dem 15.05.2019 und dem 23.09.2019. Ruhetage waren es 19, Wandertage (einschliesslich der Anfahrt nach Wien) also 113. Wir haben somit weniger als 4 Monate benötigt, um die Strecke ausschliesslich per Fuss zu bewältigen. Andere Verkehrsmittel (Bus, Schiff, Auto…) haben wir nicht benutzt. Insgesamt sind wir 2.037 km gegangen mit je rd. 102 km im Aufstieg und natürlich auch rd. 102 km im Abstieg. Auf die 113 Wandertage umgelegt, sind wir täglich 18 km gegangen und je 900 Höhenmeter auf- und wieder abgestiegen. Entfernung und Höhenmeter: Wir sind über 2.000 km je zur Hälfte mit einer Steigung oder einem Gefälle von 10 % gegangen. Es dürfte in diesem Jahr nur noch – neben uns – Dietmar gewesen sein, der von Wien nach Nizza gewandert ist. Und schaut man sich im Netz und in den Vorjahren um, sind wir vermutlich die Ältesten, die die Strecke Wien-Nizza innerhalb eines Jahres bewältigt haben.
Unser Weg von Wien nach Nizza
Eine detaillierte Aufstellung über jeden Tag über Strecken, Übernachtungen, Zeitangaben und Wetter ist in nachfolgender Tabelle zu finden und nach dem Tag 69 (22.07.2019) unter der Überschrift: Der Weg im Überblick … von Tag zu Tag
Warum mache ich das? Das hab ich mich vor allem in den ersten sechs Wochen gefragt. Alex wollte mir tausend Gründe nennen, aber dann war es später doch nicht mehr so wichtig. Ich war bisher kein Bergfan, der möglichst häufig in den Bergen unterwegs ist und auf jeden Berg hinauf muss. Und das hat sich auch jetzt nicht geändert. Ja, ich wollte in Wien starten und in Nizza ankommen. Dummerweise sind da ganz viele Berge dazwischen. Es heisst: Der Weg ist das Ziel. Nicht bei mir. Mein Ziel war das Ziel, nicht der Weg. Welcher Berg da nun steht, war mir eigentlich egal. Ob Monviso, Monte Rosa Massiv, Rocciamelone oder das Matterhorn aus der Entfernung, letztlich sind es für mich nur grosse Steinhaufen. Wenn ich nach Santiago gehen möchte, ist es doch auch egal, welche Städte auf der Route liegen. Habe lernen müssen, über Steine, Geröll, Kiesel zu gehen (wo hintreten, wo nicht, gerade bei Abstiegen), aber ich mag diesen Untergrund nicht. Die sind hauptsächlich über 2000m zu finden, also i.d.R. oberhalb der Baumgrenze, und es lies sich halt nicht vermeiden. Und ich mag auch keine Kammwege in diesen Höhen. Interessanter als die Berge war für mich, wie Menschen dort lebten und wo sie die Landschaft für sich bewohnbar gemacht haben. Die Walser, die Waldenser, die vielen heute meist verlassenen Häuser an den steilsten Hängen, die Passwege als Verbindungen zwischen Tälern und für den Handel, die Bauweise der Häuser und die vielen und toll angelegten Maultierpfade als Versorgungswege, die in Hunderten von Jahren erstellt, ausgebaut und gepflegt wurden. Vielfach folgten und basierten unsere Wege auf diesen alten Maultierpfaden und nur durch unser Gehen konnten wir sie wahrnehmen und erleben. Die haben mich als (Wege-)Netz in den Bergen am meisten beeindruckt. Spannend war für mich, wie mein Körper auf die Belastung reagiert und wie sich dies auf meinen Insulinspiegel bei Diabetes I auswirkt. Erstaunlicherweise gewöhnt er sich schnell daran und benötigt Insulin, fast wie wenn ich daheim auf dem Sofa sitzen würde. Nur auf das Mehrgewicht im Rucksack (Insulin, Kühlung, Spritzen, Sensoren, Traubenzucker etc.) hätte ich gerne verzichtet. Alex hatte mir am Anfang gesagt, dass wir in einen Altherren-Flow kommen würden und dann unsere Gedanken schweifen lassen könnten. Ja, in vielleicht 10-15% der Zeit war das möglich und Erinnerungen tauchten auf, die mir bisher nicht mehr so bewusst waren. Meist gings aber steil nach oben oder nach unten oder man muss sich auf den Weg und seine Schritte konzentrieren, um nicht abzuschmieren oder Verletzungen zu riskieren. Wir hatten weder Verletzungen, Prellungen, Muskelkater, Zerrungen, Blasen und blieben auch von Zecken und Erkältungen verschont. Da hatten wir sicherlich auch viel Glück. Ich habe viele tolle Leute kennen gelernt, viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft erlebt, und hatte auch Begegnungen mit meinem inneren Schweinehund. Ihn wie auch andere Hunde habe ich in den Griff bekommen. So, und zum Abschluss möchte ich mich bei Alex bedanken, der im Vorfeld und während der Tour die Routen- und Unterkunftsplanung machte, was wirklich viel Arbeit ist. Und auch, dass er beim Abstieg immer wieder mal auf mich wartete, weil er da deutlich schneller war als ich. Unsere Vorbereitung auf die Tour bestand darin, dass wir uns per Mail oder Telefon über die Ausrüstung abstimmten, uns am 15. Mai in München trafen und im Zug nach Wien erst mal richtig über die Durchführung der Tour sprachen. Eigentlich unmöglich, aber es hat dennoch funktioniert. Wir haben uns gut verstanden und wir mussten nicht mal streiten. Bedanken möchte ich mich – auch hier – bei meiner Frau Irmi, die mich „gehen“ liess und sich in der Zwischenzeit auch um viele Dinge kümmern musste, die normalerweise meine Aufgaben wären. Und um dann kurz vor Schluss an unserem 40. Hochzeitstag alleine zu Hause zu sitzen, während ich in einem halbentvölkerten Bergdorf vor Nizza rumhänge. Ob ich es bereue, die Tour gemacht zu haben? Natürlich nicht. Bin jetzt so fit wie lange nicht mehr. Ob ich so etwas wieder machen würde? Ebenfalls natürlich nicht. Wozu? Ich habe gezeigt, ich könnte es, aber es gibt viele andere Dinge, die auch Spass machen und es soll ja nicht langweilig werden. Freue mich auf meine Töchter und meine süsse Enkelin Josefine mit ihren grossen und neugierigen Augen, die viel aufregender und berührender ist als jeder Berg. Vielleicht erzähl ich ihr dann mal, was ihr Opa an verrückten Sachen gemacht hat, sogar, als er schon ein alter Mann war.
Persönliche Schlußworte Alex:
Im Vorfeld des letzten Lebensabschnittes, dem Ruhestand, habe ich darüber nachgedacht, wie man zu Beginn die neu gewonnene Freiheit für etwas Besonderes nutzen könnte. Unter vielen angedachten Ideen hat sich dann die große Alpentransversale von der Metropolregion Wien ganz im Osten bis nach Nizza ganz im Südwesten der Alpen als für mich am interessantesten herausgestellt. Neben den körperlichen und mentalen Herausforderungen versprach das Unternehmen ein Schuss Abenteuer, herrliche Landschaften, kulinarisch Genüsse, Kultur, Natur und Zeit zur Selbstreflektion. Reizvoll schien es mir auch, meinem Hobby, dem Bergsteigen, das ich nun seit über 52 Jahren betreibe, ausgiebig ohne große zeitliche Einschränkungen nachgehen zu können. Schließlich wollte ich auch etwas machen, wozu nicht viele in der Lage sind und zudem meine körperlichen und mentalen Grenzen ausloten. Zuletzt sollte es ein Unternehmen sein, das eine Zäsur zwischen Berufsleben und Pensionistendasein erlaubt und das lange in Erinnerung bleibt. Als Fazit kann ich feststellen, dass sich fast alle Erwartungen weitgehend erfüllt haben. Nach der Tour hat sich ein großes Gefühl der Zufriedenheit, des Glückes und des Dankes eingestellt. Besonders danken möchte ich an dieser Stelle meiner lieben Frau, die mir ohne Murren 4 Monate freigegeben und mir keinerlei Steine in den Weg gelegt hat. Sie und die Familie haben mir während der Wanderung am meisten gefehlt. Ursprünglich habe ich die Alpentransversale alleine geplant. Dass Rudi das Wagnis mit eingegangen ist, war dann ein Glücksfall. Er war über die ganze Zeit ein treuer und zuverlässiger Kamerad. Zu zweit ging vieles leichter, nicht zu vergessen der zusätzliche Gewinn am Sicherheit. Wir waren die ganze Zeit, außer den Ruhetagen, quasi 24 Stunden auf engstem Raum beieinander. Nie hat es ein böses Wort oder ernstliche Meinungsverschiedenheiten gegeben. Auch war es Rudis Idee mit diesem Blog ein elektronisches Tagebuch zu erstellen und damit alles gut zu dokumentieren. An ihn geht ein herzliches Dankeschön. Unsere alpinistischem Voraussetzungen und Erfahrungen könnten nicht unterschiedlicher sein. Rudi ist kein Berggänger und wird es (nach eigenen Angaben) wohl auch nicht mehr werden. Somit ist seine Leistung und sein Wille den Marsch trotzdem von Anfang bis zum Ende durchzuziehen, um so höher zu bewerten. Mit seinem Einverständnis darf ich zusätzlich erwähnen, dass er die ganzen vier Monate rund 2 kg zusätzliches Gewicht für seine Diabetesausrüstung mitschleppen musste. In den Pausen wurde stets frisches Insulin aufgenommen, das unterwegs dann auch mittels Wasser und Verdunstungskälte auch noch kühl gehalten wurde. Er dürfte der erste sein, der mit diesem Handycap so eine Monstertour geschafft hat. Auch dafür möchte ich ihm meine höchste Anerkennung aussprechen. Chapeau! Generell kann man sagen, dass die erfolgreiche Selbstoganisation, der Wille durchzuhalten und die Selbstdisziplin gut für unser beider Ego waren. Am mentalen Standing habe ich allerdings aber nie gezweifelt, eher am physischen Durchhaltevermögen. Mit meinen doch zahlreichen Sportverletzungen, einer schwachen LWS, leichten Schmerzen im rechten Knie und einer dauergereizten Achillessehne links ist das medizinische Bulletin zum Beginn der Tour nur grob beschrieben. In den zurückliegenden 4 Monaten Dauerbelastung habe ich, im Gegensatz zum Büro, die LWS nie gespürt. Das Knie habe ich in Wien vor der Tour gespürt und spüre es heute nach der Tour immer noch, die Achillessehne war in Wien leicht geschwollen und ist es heute immer noch. Sonst habe ich momentan allerdings eine körperliche Fitness, wie ich sie wohl künftig nicht mehr erreichen werde. Der Wohlstandsspeck an Bauch und Hüfte ist (fast) weg. Allerdings werde ich daheim in den kommenden Monaten den Konsum an Bier (Moretti) und Wein (Barbera und Nebbiolo) deutlich zurückfahren müssen. Ausdrücklichen erwähnen möchte ich die vielen wertvollen Begegnungen mit ausgesprochen interessanten und gastfreundlichen Menschen. Von unserem Mitstreiter, Dietmar, haben wir schon mehrfach berichtet, aber auch die Einheimischen haben uns vielfach mit ihrer Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit tief beeindruckt. Vielleicht am Allerwichtigsten ist, dass wir alles unversehrt überstanden haben. Kein einzige Blase, kein Umknicken, keine Erkältung, keine schweren Stürze, keine Hunde- Schlangen – oder Zeckenbisse (letzteres bei den teilweise sehr verkrauteten Wegen ein kleines Wunder). Auch dafür haben wir in der Kathedrale von Nizza dem Herrgott sehr gerne eine Kerze angezündet. Ich freue mich nun auf die normalerweise als selbstverständlich betrachteten alltäglichen Dinge wie das eigene Bett, frische Kleidung, eine Nassrasur, den Komfort daheim und natürlich am allermeisten auf die Familie. Ende gut, alles gut. Wir schließen nun den Internetblog endgültig und wünschen unseren Lesern auf all ihren Lebenswegen „buon cammino“.
Von Levens nach Nizza. Strecke 22,3 km. Gehzeit 5.45 h. Aufstieg 480 m. Abstieg 1020 m. Morgens bis 09.30 bewölkt, dann Sonne mit Wolken, angenehme und milde mediterrane Temperaturen.
Das ist der letzte Tagesbericht, den wir in unseren Internetblog „Alpenspazierganges 2019“ einstellen. Wir haben uns während der ganzen Tour mit der Formulierung der Berichte täglich abgewechselt. Bevor wir den Blog nun endgültig schließen, werden wir beide, jeder aus seiner Sicht, aber noch ein persönliches Schlusswort schreiben. Das wird in den kommenden Tagen nach einer Reflektionsphase formuliert und eingestellt. Nun zur heutigen Schlussetappe: Wir starten beschwingt um 08.45 Uhr. Eigentlich gibt es heute über die Wanderung selbst nicht viel zu berichten. Wir gehen Richtung Süden. Im ständigen Auf und Ab geht es in den ersten Stunden durch ursprüngliche, jetzt schon mediterrane Landschaft bis Aspremont. Das ist ein malerisches Dorf auf einem Hügel im Hinterland von Nizza. Wir marschieren hoch zur Kirche, durch die Gassen und dann wieder zurück auf unseren GR5. Nun kommt ein allerletzter steiler Anstieg von 200 Höhenmeter, bevor es dann kontinuierlich knappe zehn Kilometer hinunter nach Nizza geht. Genau um 10.56 sehen wir zum ersten Mal ganz entfernt das Meer. In Anbetracht der Umstände wandern wir sehr locker und gut gelaunt. Gegen 14.00 Uhr, wir haben die Macchia gerade verlassen und die ersten Häuser erreicht, sehen wir am Wegesrand ein Restaurant. Die Pause vor dem Toren der Stadt lassen wir uns nicht entgehen. Das Tagesmenu mit Salade Nicoise, Daube aux Carottes (bayerisch: Böflamotte) und Salade de Peches Vervein (deutsch: Pfirsichkompott). Dazu ein Rosé und ein Kir. Wir genießen das Essen und Trinken und die Vorfreude auf unser Ankommen. Bald sind wir schon am Stadtrand von Nizza. Dann geht es schnell: um 16.30 Uhr sind wir an der Fontaine Du Soleil (Bild), um 16.45 Uhr zünden wir eine Kerze in der Kathedrale an (Bild) und um 17.00 Uhr erreichen wir die Wasserlinie des Meeres (Bild). Der langer Weg hatte auch einen spirituellen Aspekt. Wir sind an vielen christlichen Symbolen vorbei gewandert. Der Mittelpunkt der besuchten Orte war stets die Kirche. Ob man nach Santiago pilgert oder nach Nizza wandert, man hat unterwegs viel Zeit, über das Leben zu reflektieren. Memento mori. Unsere Gemütslage von heute ist von Nachdenklichkeit, Dankbarkeit und Freude geprägt. Alle Wege im Leben eines Menschen haben ein Anfang und ein Ende. Wir haben unseren Weg am 15. Mai 2019 um 15.00 Uhr am Portal des Stephansdom in Wien begonnen und in Nizza an der Wasserlinie des Mittelmeers am 23. September 2019 um 17.00 Uhr beendet. Wir sind angekommen.
Am Fontaine du Soleil in NizzaWir zünden eine Kerze in der Kathedrale von Nizza anAm Strand von Nizza – Ziel- und Endpunkt
Tag 131: 22.09.2019, Sonntag
Von Utelle nach Levens. Strecke 13,2 km. Gehzeit 4.00 h. Aufstieg 460 m. Abstieg 730 m. Bewölkt, dann leichter Regen, für eine halbe Stunde stärkerer Regen, dann wieder bewölkt.
Tiefer gehts nur noch morgen, wenn wir in Nizza auf Meereshöhe ankommen. Heute gehts strikt nach Süden von Utelle aus (800 m) runter auf 180 m (Pont du Cros über den Fluss La Vesubie) und dann wieder hoch nach Levens (550 m). Die Wetterprognosen lautete auf Dauerregen. Tatsächlich hört der Regen gegen 7.30h auf und es bleibt erst mal trocken. Teilweise ist sogar blauer Himmel erkennbar. Wir kommen aber erst um 9.30h los, weil es Frühstück erst ab 8.30h gibt. Da ist es bewölkt, aber trocken. Rein ins nette Zentrum von Utelle (800 Einwohner), dann weiter auf einem alten Maultierpfad direkt am Hang in Richtung Süden. Gute 6 km gehen wir am Hang im leichten Auf- und Ab angenehm auf diesem Weg, am Ende im leichten Nieselregen. Erst als es richtig heftig zu regnen anfängt, ziehen wir unsere Regenkleidung an. Dann gehts noch eine halbe Stunde steil abwärts runter zum Fluss, zum Glück hört dann der Regen auf. Der Regen macht die Steine und Felsen nass, was beim Abwärtsgehen nicht so angenehm ist. Unsere Regenbekleidung behalten wir zur Sicherheit aber an. Der Weg ist heute gut begehbar und prima ausgeschildert. Über die Brücke wechseln wir auf die andere Flussseite und weiter in angenehmer Steigung hoch bis Levens. Hier sehen die Häuser und die Vegetation schon sehr südlich und nach Mittelmeer aus, kein Wunder, ist Nizza doch nur noch 20 km entfernt. Kurz vor unserer Unterkunft betreten wir eine Boulangerie und kaufen belegte Panini für den Fall, dass wir im Hotel nichts mehr zu essen bekommen würden. Um 14h sind wir dort, essen unsere Brote und gehen erst anschliessend auf unser Zimmer. Die lange und für uns sehr anstregende gestrige Etappe sowie unsere heutige Etappe nach Levens schaffte unserer „Vorgänger“ oder besser unser „Vorläufer“ Dietmar vor 3 Wochen an nur einem Tag. Erstaunliche und fast unglaubliche 40,4 km ging Dietmar mit 2432 m im Aufstieg und 1701 m im Abstieg in weniger als 10 Stunden bei deutlich heisserem Wetter und natürlich mit Rucksack! Nachdem wir diese Route jetzt kennen, zollen wir Dietmar für diese Leistung nun unseren allergrössten Respekt. Kein Wunder, dass er dann vor uns in Nizza ankam. Aber auch wir müssen jetzt nur noch einmal schlafen, um morgen Nachmittag unsere Füsse im Mittelmeer abzukühlen.
Blick zurück auf UtelleEs braut sich ein feuchtes Wetter zusammenEinsames Kirchlein am Wanderweg
Tag 130: 21.09.2019, Samstag
Von Saint Dalmas nach Utelle. Strecke 25,7 km. Gehzeit 7.50 h. Aufstieg 1160 m. Abstieg 1650 m. Den ganzen Tag hohe Bewölkung, ab 16.30 Uhr leichter Regen.
Heute steht nochmal eine anstrengende, aber auch schöne Tour an. Sie führt fast pfeilgerade nach Süden Richtung Mittelmeer. Wir starten um 08.15 Uhr. Der Weg führt uns ein letztes Mal über die Zweitausendmetergrenze und dann über mehrere niedrigere Colles. Es geht aussichtsreich über den Kamm zwischen dem Tal der Tinee und der Vesubie. Wir erreichen heute gleich zwei Meilensteine: Seit Wien haben wir bei den Höhenmeter sowohl im Aufstieg als auch im Abstieg die Marke von 100.000 überschritten. Gleichzeitig sind wir mit dem heutigen Tag über 2000 Kilometern marschiert. Eine ähnliche Leistung hat Alex zuletzt als 28jähriger Heeresbergführeraspirant im Jahr 1981 erreicht. Wir beide werden in diesem Leben das nun nicht mehr toppen können oder wollen. Nun zum Verlauf unserer heutigen Etappe: Die ist wieder recht lang und abwechslungsreich. Beim Aufstieg auf den Col des Deux Caires (1920 m) kommen uns auf einem schmalen Steig im Wald urplötzlich zwei stattliche Pastore Schutzhunde entgegen. Wir bleiben stehen, die Hunde bleiben stehen, nehmen Witterung auf und passieren uns dann ganz friedlich. Niemand weiß, woher sie kommen und wohin sie gehen. Wenn sie nicht bei ihrer Herde sind, sind ihnen fremde Menschen wohl egal. Eine halbe Stunde nach der Begegnung mit den Schutzhunden warnt uns ein Schild, dass gerade eine größere Jagd im Gange sei. Wie sollen wir uns da verhalten? Tatsächlich sehen wir mehrere Jäger mit ihren Büchsen, teilweise im Unterholz, teilweise auf Lichtungen sitzen. Einer kommt uns auf dem Steig entgegen. Ganz wohl ist uns bei der Situation nicht. Gott sei Dank (Achtung Kalauer) tragen wir wir keine Wanderschuhe der Marke Reebok. Der Weg führt uns schließlich in freies Gelände auf einen Grat über 2000 Meter. Lange gehen wir über mehrere Kilometer oben, teilweise in schwierigem Gelände. Unsere ganze Konzentration ist nochmal gefordert. Nach dem Übergang am Bec d’Utelle geht es dann endlich abwärts in Richtung Utelle. Leider fängt es eine Stunde vor unserem Ziel zu regnen an, so dass wir unsere Regenkleidung anlegen müssen. Nach einem langen Tag kommen wir erst um 17.50 Uhr in unserer Unterkunft in Utelle an. Das Hotelrestaurant ist geschlossen, im ganzen Ort gibt es sonst keine Einkehrmöglichkeit (an einem Samstag!). Aber die Wirtin unseres Hotels hat ein Einsehen und serviert uns aufs Zimmer eine gescheite Brotzeit incl. einem Salade Nicoise (Bild) und Getränken. Da ist der Abend gerettet. Wir beantworten die Frage, wie lange es nun noch bis Nizza dauert genauso wie man Kindern antwortet, die im Advent fragen, wann endlich Weihnachten ist. Noch zweimal schlafen, dann sind wir dort.
Blick vom Col des Deux Caires (1920m)UtelleUnser Abendessen (bevor wir losgelegt haben)
Tag 129: 20.09.2019, Freitag
Von St. Sauveur sur Tinee nach Saint Dalmas. Strecke 13,8 km. Gehzeit 3.45 h. Aufstieg 930 m. Abstieg 120 m. Sonnig, trocken, leicht kühlender Wind, angenehmes Herbstwetter.
Im Vergleich zu gestern ist die heutige Etappe eher als Erholung zu sehen. Vom 500m tiefen Saint Sauveur sur Tinee hoch über Rimlas (1000m) und im Auf und Ab nach Osten rüber nach Saint Delmas (1300m). Nach Osten? Wir wollen doch nach Süden und sind heute Abend weiter weg von Nizza als gestern Abend. Der GR5 führt uns allerdings so. Morgen gehts dann aber 25km direkt nach Süden. Dann einen Tag nach Südwesten und am letzten Tag genau nach Süden runter nach Nizza. Anders als gestern bleibt es trocken, es ist sonnig und warm mit einem kühlenden Wind. Also sehr angenehm. Nach einem französischen Frühstück (Kaffee, Baguette, Butter, Marmelade) auf der Serviette (keine Teller) starten wir um 9h. Gleich gehts hoch, später dann über eine breite Militärstrasse mit schönen Ausblicken hoch nach Rimplas (Foto), das sehr schön auf dem Kamm zwischen dem Tinee- und Valdeboretal liegt. Um 11h sind wir dort, den Blick aufs Mittelmeer haben wir (noch) nicht. Dann ziehen wir am Hang rüber nach La Bolline, eine der Valdeboregemeinden, wo wir um 12h ankommen. Durch angenehmen Wald brauchen wir noch eine gute Stunde bis Saint Dalmas, wo wir das erste Restaurant aufsuchen und einen leckeren Salat Nicoise (sind wir doch in der Nähe), ein Bier und einen Espresso zu uns nehmen. Eine prima mittägliche Wandererkost. Um 14.45h kommen wir an unserer Unterkunft an und können uns vor unserer morgigen Etappe etwas ausruhen. Seit Susa sind wir 15 Tage lang gewandert, haben dabei viele Kilometer und Höhenmeter im Auf- und Abstieg bewältigt und wir spüren eine leichte Ermüdung und Beanspruchung unser Beinmuskulatur und der Knie. Keine Sorge: Die restlichen drei Tage bis Nizza schaffen wir aber schon noch.
Der Ort Rimplas zwischen Tinee- und Valdeboretal
Tag 128: 19.09.2019, Donnerstag
Von St. Etienne de Tinee nach St. Sauveur sur Tinee. Strecke 29,5 km. Gehzeit 6.00 h. Aufstieg 170 m. Abstieg 830 m. Bewölkt, Gewitterzellen, wolkig, gelegentlich leichtes Tröpfeln.
Start ist um 07.15 Uhr. Rudi war um 6.30h in der Boulangerie und hat ein grosses Baguette für 1,20€ geholt, das wir mit Camembert und Salami essen. Für heute sind ab Mittag Gewitter vorhergesagt. Die letzte Zeit sind wir täglich meist bis auf über 2500 m hoch gestiegen. Das wollen wir heute bei Gewitterneigung nicht riskieren. Also planen wir um. Das Wetter macht nun mal die Vorgaben, dennoch bedauern wir nicht, dass wir die ursprüngliche vorgesehenen Etappen des GR5 nicht machen können. Er führt hier über französische Retortenskiorte, die im Sommer und Herbst wenig attraktiv sind. Statt über die Berge zu gehen, planen wir zunächst zwei 15 km Etappen von St. Etienne nach Isola und von Isola nach St. Sauveur in Talnähe. Schließlich entscheiden wir uns aber, die rund 30 km nach St. Sauveur in einem Rutsch durchzugehen. Wir schaffen das in 6 Stunden, also mit einer Geschwindigkeit von ca. 5 km/h. Auf der Straße hätten wir von hier bis Nizza nur noch 58 relativ flache Kilometer zu gehen. Wir wollen zwar jetzt schnell ankommen, den alpinen Charakter unserer Unternehmung aber bis zum Schluss beibehalten. Deshalb werden wir, falls das Wetter mitspielt, den GR 5 weitergehen. Bis Nizza sind das noch 4 Etappen mit mehr Kilometerleistung wie auf der Straße, aber zusätzlich noch über 3000 Meter im Aufstieg und entsprechend auch im Abstieg. Heute geht es aber abwärts immer an der Tinee entlang. Tatsächlich wird unsere Entscheidung im Tal zu laufen, bestätigt. Schon um 10.00 Uhr bauen sich vor uns bedrohliche Gewitterwolken auf (Bild). In der Höhe rumpelt es gewaltig, wir bleiben aber dank unserer Entscheidung verschont. Um 14.00 Uhr kommen wir in St. Sauveur an. Handwäsche der Bekleidung steht an. Am kommenden Montag werden wir Nizza erreichen. Dort werden wir dann am Dienstag einen Tag bleiben und am Mittwoch in der Früh (mit Flixbus) heimreisen. Die entsprechenden Buchungen werden noch heute über das Internet getätigt.
Die Gewitterwolken oberhalb des Tinnee-TalsHier hat schon der Herbst Einzug gehalten
Tag 127: 18.09.2019, Mittwoch
Von Bousieyas nach St. Etienne de Tinee. Strecke 17,4 km. Gehzeit 4.45 h. Aufstieg 630 m. Abstieg 1340 m. Sonnig, wolkenlos, warm bis 15h, dann leichter Regen.
Wir hatten gestern einen tollen Abend bei Michel, mit dem wir heute noch schnell ein Foto machten. Wir waren 9 Gäste um den Tisch, im Kamin brannte das Feuer, ein Schweizer und zwei Franzosen, die nach Menton wandern und zwei Ehepaare. Essen war natürlich prima und es gab zuerst Suppe (Foto), dann Reis, Gemüse und Fleisch und als Nachtisch zwei selbst gemachte Tarte (Apfel und Birne). Die Überraschung war aber einer der Franzosen, der mit Münze und Karten wie ein Profi zauberte. Es war unglaublich und für uns nicht nachvollziehbar, was vor unseren Augen ablief. Es war ein kurzweiliger und lustiger Abend. Am kommenden Wochenende schliesst auch Michel seine Herberge für dieses Jahr, wie auch viele andere, auf Wanderer eingestellte Unterkünfte. Es wird also Zeit, nach Nizza zu kommen. Heute Morgen um 7h gab es ein gutes Frühstück, dann Start um 8.15h bei gutem Wetter (wolkenlos, warm in der Sonne). Und dann gleich das erste Mal ein Hinweisschild nach Nizza (Foto). Nur noch 98 km und da wir nach St. Etienne de Tinnee wandern, sind es heute Abend 12 km weniger, also nur noch 86 km. In Anbetracht der bisherigen Strecke ein Klacks! Beschwingt durch dieses Hinweisschild zogen wir gemütlich hoch auf den Col de Colombiere (2237 m) und vorbei an zwei Schafherden. Mit einem der Hirten unterhielten wir uns. Er hat weit über 1000 Schafe und Ziegen, auch ein Esel ist dabei, und mit 12 Hunden bleiben er und seine Kollegin noch bis Ende Oktober auf den hoch liegenden Weiden. Es ist ein trockenes Gebiet, viel gelbes Gras und mit einer schon vom Mittelmeer beeinflussten Trockenvegetation. Lange führt uns der Weg in weiten Bögen, aber halt auch etwas knieschonend, am Hang abwärts und um 12.30h sind wir in Saint-Dalmas-le-Salvage, wo wir zu Mittag essen. Um 13.45h gehts weiter, hoch zum Col d’Anelle (1739 m) und durch Wald weiter in Richtung St. Etienne de Tinnee, das wir tief unten im Tal liegen sehen. Die Sonne scheint, direkt über uns keine Wolke, aber dennoch spüren wir plötzlich ein paar Tropfen. Wir gehen schneller, es geht steil runter und langsam werden die Tropfen dicker und dichter. Wir können nicht mehr entkommen. Ziehen die Regenjacke an und die Regenhülle beim Rucksack auf. So schnell als möglich gehts runter ins Tal, aber dennoch werden wir aussen nass und innen vom Schweiss feucht. Um 16h beziehen wir unsere Unterkunft, kurz danach prasseln kurzeitig richtig dicke Tropfen vom Himmel. Aber da sind wir schon angekommen.
Suppenausgabe durch Michel gestern Abendmit Michel, unserem GastgeberDas erste Hinweisschild nach Nizza
Tag 126: 17.09.2019, Dienstag
Von Larche im Ubayetal nach Bousieyas im Tal der Tinee. Strecke 22,2 km. Gehzeit 6.30 h. Aufstieg 1250m. Abstieg 1040 m. Stabiles Herbsthoch, bestes Wanderwetter, sonnig, wolkenlos.
Von Larche starten wir um 08.00 Uhr. Heute wandern wir vom Ubayetal ins Tal der Tinee. Während die Flüsse der zurückliegenden Täler im Piemont alle in die Poebene fließen, entwässert die Tinee direkt über den Var ins Mittelmeer bei Nizza. Unser heutiges Tagesziel liegt an der Südseite des Col de la Bonette. Über den Bonette führt die höchste mit Autos befahrbar offizielle Pass Straße der Alpen. Alex kennt den Pass und die Region aus einigen Urlauben. Mit Sieglinde hat er ihn mit dem Fahrrad von Jausiers bei Schneetreiben erklommen. Mit dem Auto, dem Motorroller und dem Motorrad hat er ihn auch schon überquert. Unsere Etappe heute folgt wieder den bekannten Regeln. Von Norden steil hinauf, nach Süden steil hinunter. Konkret geht es von Larche auf 1680 m ein paar Kilometer Richtung Passhöhe. Die Franzosen nennen die Höhe Col de Larche, die Italiener Colle della Maddalena. Kurz vor der Passhöhe biegen wir ab nach Süden in das Lauzanier Tal. Lange wandern wir ins Tal hinein, am Lac de Lauzanier vorbei auf den Paß de la Cavale (2671 m) hoch. Zwei Schafherde mit den zugehörigen Pastore Schutzhunden passieren wir unbehelligt, weil auch die Schäfer gerade bei der Herde sind. Wir sind nun im Nationalpark Mercantour. Die Franzosen haben für ihre Nationalparks strengere Regeln. Hunde, selbst an der Leine, sind nicht erlaubt. Ein Verstoß kostet 420 Euro. Vom Pass de la Cavale geht es zunächst steil, dann angenehm hinunter bis zu einem Gegenanstieg auf den Col des Fourches (2261 m). Dort sind noch starke militärische Befestigumgsanlage zu sehen. In einer knappen Stunde wandern wir dann in den Weiler Bousieyas hinunter. Die Gite Etappe ist voll. Wir finden im Nachbarhaus eine Bleibe. Von außen wirkt das Haus uralt und denkbar einfach, es könnte einem grausen (Bild). Innen ist es allerdings liebevoll und top renoviert. Die Sanitär Anlagen sind ganz modern und es gibt sogar WLAN. Man kann sich richtig wohlfühlen. Der Patron schürt nach Sonnenuntergang den Kamin an und kocht uns ein gutes Abendessen. Nach Wochen in Italien müssen wir nun unsere Französischkenntnisse ausgraben. Zumindest Alex geht das etwas leichter von der Zunge.
Vor Alex fällt es 800 m steil abAlex auf dem Col de la Canale (2671 m)Rudi auf der Suche nach dem besten AbstiegBunker auf dem Col de Fourches (2261 m)Unsere Unterkunft in Bousieyas
Tag 125: 16.09.2019, Montag
Von Campo Base/Italien nach Larche/Frankreich. Strecke 14,7 km. Gehzeit 4.45 h. Aufstieg 1090 m. Abstieg 1040 m. Stabiles Herbsthoch, sonnig, wolkenlos und später sehr warm.
Unser Tagesprogramm wiederholt sich: Von Campo Base (1600m) über den Pass (Col de Sautron, 2678m) rüber ins nächste Tal (Larche, 1670m). Und doch ist es heute anders. Wir verlassen nämlich Italien und kommen nach Österreich, Slowenien, Schweiz und Italien nun nach Frankreich, unserem fünften und letzten Alpenstaat. Aber alles schön in der Reihenfolge. Wir frühstücken um 7h (mit einem für Italien sehr schlechten Kaffee) und sind ab 7.45h unterwegs. So lange die Sonne noch nicht ins Mairatal scheint, ist es kühl. Wir gehen erst mal ca. 2 km talabwärts und dann geht es ansatzlos und steil hoch zur Bergkette, die Italien von Frankreich trennt. Die Beschilderung ist sehr gut. Sobald uns die Sonne trifft, reichen T-Shirt und kurze Hose. Der Himmel ist blau und wolkenlos. Wir steigen hoch konstant erst durch Wald, dann über eine Militärstrasse und kürzen hier immer mehr ab. Relativ schnell sind wir auf 2000m. Hier finden wir schon den zweiten Hinweis auf die Pastores, die Hüterhunde aus den Abruzzen, die mit den Schafherden leben und diese auch konsequent verteidigen. Wir sehen eine alte Kaserne, zu der ein hoch angelegter Fahrweg führt. Und etwas unterhalb gelbe und weisse Flecken, durch die der Wanderweg mitten durchführt. Eine Schafherde mit Hunden, die wir weiträumig umgehen wollen. Und hoffentlich ziehen sie nicht noch höher. Wir also rüber zur Militärstrasse, dann steil den Hang – ohne Weg – hinauf zur obersten Militärstrasse. War schon mühselig, und die Sonne brennt runter. Wir erwarten das Hundegebell. Überrascht stellen wir fest, dass die Schafherde mit den Hunden verschwunden ist. Eine Fata Morgana? Vielleicht haben wir eine Ansammlung gelber und weissen Steine/Felsen für Schafe gehalten. Oder wir haben schon Halluziationen, so dass es Zeit wird, dass wir nach Nizza kommen, bevor es noch schlechter wird. Unbehelligt schieben wir uns weiter hoch, gut 2 Stunden ständiger Aufstieg im Sonnenschein, was schon sehr anstregend ist, und der Übergang nach Frankreich scheint nicht näher zu kommen. Es ist ein hartes Stück über viel Stein und Geröll, als wir endlich um 11.30h auf dem Pass sind. Frankreich sieht genau so leer und unbesiedelt aus wie Italien. Dort stehen noch ein paar Bunker zur Verteidigung rum. Keine anderen Wanderer weit und breit. Alex isst sein Schinken-Panino in Italien, Rudi sein Salami-Panino in Frankreich. Eine halbe Stunde geniessen wir die Aussicht, aber um 12h machen wir uns an den langen Abstieg. Es ist heiss, der Weg ist schmal, entweder steinig oder angenehm über Gras. Es geht aber kräftig auf die Knie. Wir gehen schnell und sind um 13.45h in Larche, ein kleiner Ort mit ca. 60 Einwohnern. Eigentlich ein normaler Tag, aber das ständige Auf und Ab zehrt an den Beinen. Wir kommen unter im Gite d’Etape (in Italien: Posto Tappa), das morgen schliesst. Glück gehabt mit der Unterkunft.
Bunker und Anlagen auf italienischer SeiteÜberall Steinwüste
Tag 124: 15.09.2019, Sonntag
Von Chiazale nach Campo Base. Strecke 18,0 km. Gehzeit 5.35 h. Aufstieg 1080 m. Abstieg 1180 m. Stabiles Herbsthoch, sonnig und wolkenlos.
Genau heute vor 4 Monaten haben wir unsere Alpentransversale mit der Zugfahrt von München nach Wien begonnen. Am ersten Tag sind wir mit Start am Stephansdom 12 Kilometer im Regen gelaufen und waren Abends immer noch in Wien – im südwestlichen Stadtteil Liesing. Als uns ein Wiener dort im Regen fragte, wo wir hinwollen und wir wahrheitsgemäß geantwortet haben, hat er nur abgewunken und ist weitergegangen. Von den Piefkes wollte er sich nicht für dumm verkaufen lassen. Heute geben wir auf die gleiche Frage die gleiche Antwort wie vor 4 Monaten, ernten aber nun viel mehr Verständnis. Nizza ist vom Mairatal aus ein realistisches Ziel. Heute vor vier Monaten in Wien hatten wir bei Ankunft eine Einladung zum Tortenessen in ein Kaffeehaus am Stephansdom. Abends haben wir dann eine halben Ente mit Knödel verspeist und ein ( oder waren es zwei?) Glas naturtrübes Bier getrunken. Da war die Bilanz zwischen zugeführten und verbrauchten Kalorien positiv. Das hat sich dann in den letzten vier Monaten täglich in ein regelmäßiges Kaloriendefizit verwandelt. Die positive Folge ist, dass die über die Jahre zugelegten Wohlstandspolster am Bauch und an der Hüfte (fast) verschwunden sind. Die Alpentransversale – ist sie ein Jungbrunnen? Unsere heutige Etappe beginnen wir jedenfalls um 07.30 Uhr. Sie führt uns vom Varaitatal in das Mairatal. Über den Colle Bellino. Man unterschätzt hier leicht die Höhe der Übergänge. Mit 2804 m ist der Colle höher als der höchste Watzmanngipfel in den Berchtesgadener Alpen. Bei dem heutigen stillen, sonnigen Herbstwetter ist das aber alles kein Problem. Beim Aufstieg leuchtet das Naturdenkmal des Rocca Senghi herüber (Bild). Vom Colle hat man eine gute Fernsicht nach Süden auf die „Dolomiten von Cuneo“ und nach Norden ein letztes Mal auf den Monviso. Ganz im Süden mag man auch schon das Meer erahnen. Dazwischen liegen allerdings noch etliche Täler und Höhenmeter. Nach sehr langem Abstieg kommen wir um 14.15 Uhr im Rifugio Campo Base, unserer Unterkunft, an. Wir haben ein Matrazenlager mit 8 Liegen für uns allein. Morgen werden wir die Wege der GTA verlassen und nach Frankreich in den Ort Larche im Département Alpes-de-Haute-Provence in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur wechseln. Bei dieser Etappe folgen wir der Via Alpina. Wieder stehen einige Höhenmeter im Auf- und Abstieg an. Die Wetterprognose für die nächsten zwei Tage ist noch gut, dann sind einzelne Schauer möglich.
Sonnenaufgang über der Po Ebene. Die Wolken ziehen von dort hoch ins Varaitatal. Blick vom Colle Bellino nach Süden – in das obere Mairatal im Hintergrund die SeealpenDer Rocca Senghi im Talschluss des VaraitatalsAbstieg ins Mairatal. Blick auf die entfernten Zwillingsfelsen Rocca Provencale und Castello.
Tag 123: 14.09.2019, Samstag
Vom Refugio Alpetto nach Chiazale. Strecke 22,9 km. Gehzeit 6.30 h. Aufstieg 930 m. Abstieg 1450 m. Kaiserwetter, sonnig und wolkenlos, ab 15h bewölkt.
Heute ist ein langer, aber toller Tag. Morgens ist der Sonnenaufgang über der Po-Ebene vom Rifugio Alpetto (2268m) aus zu sehen und wir frühstücken typisch italienisch schon um 7h. Wolkenloser, blauer Himmel. Die Sonne scheint und so können wir problemlos in der kurze Hose um 7.45h starten. Das Tagesziel bis zum Abend ist uns noch nicht klar. Durch die Stein- und Geröllwüste um den Monviso (oder Monte Viso, beide Schreibweisen sind wohl korrekt) ziehen wir hoch zum Passo Gallariano (2727m), von wo aus wir einen phantastischen Blick nach Norden (Monte Rosa Massiv, Matterhorn, die wolkenbehangene Po-Ebene, den Monviso) und nach Süden auf die Seealpen (ebenfalls mit Wolken in den Tälern) haben. Wir bleiben eine Weile und geniessen diese Eindrücke. Über weiterhin gut erkenn- und begehbare Pfade aus Stein und Geröll kommen wir gegen 10h über den Passo San Chiaffredo (2764m), wo wir aber nicht verweilen. Es geht fast 1000m abwärts über Steinfelder, daneben einige kleine Seen und ein Gebiet, wo unzählige Steinmännchen von Wanderern aufgebaut wurden. Ein alter Italiener fordert uns auf, ebenfalls einen Stein dort hinzulegen und wir tun dies. Dann geht der Weg über zur Wiese, gefolgt vom grössten Arvenwald der Alpen. Viele der knorrigen Bäume sind mehrere hundert Jahre alt. Leider haben wir dort immer noch kein Telefonempfang und wir entscheiden uns, nicht zum ursprünglichen Tagesziel, dem Rifugio Bagnour (wo wir nicht reserviert haben) zu gehen, sondern weiter runter nach Castello (1608m) an die Staumauer des Lago Castello zu gehen. Vom Pass oben waren dies also rd. 1150m im Abstieg. Dort haben wir endlich ein Telefonnetz. Wir sind froh, dass wir unsere für morgen geplante Übernachtung in Chiazale für heute vorziehen können. Es ist 13h und wir machen Mittag im Rifugio Aleve. Gestärkt starten wir in die Etappe, die ursprünglich für morgen vorgesehen war. Es ist immer noch sehr warm und bestes Herbstwetter. Alex hat die Etappe etwas angepasst, wir gehen entspannt, aber schnell entlang des Bachlaufs talabwärts, dann westwärts hauptsächlich über eine wenig befahrene Strasse im Bellino-Tal nach Westen rauf und runter weitere 11km bis zu unserer Unterkunft in Chiazale, wo wir schon etwas abgekämpft um 16.15h ankommen. Ab 15h ziehen in dem engen Tal Wolken auf, was uns einen bewölkten Himmel bietet, aber halt doch auch nach Regen aussieht. Wir hatten heute tolle Ausblicke, haben einen Tag eingespart und und sind unserem Ziel Nizza deutlich näher gekommen. Und wir haben das heutige gute Wetter genutzt. Zwei lange Etappen stehen uns nun bevor. Und ab Übermorgen sind wir dann in Frankreich. Dann kann Nizza ja nicht mehr so weit weg sein…..
Sonnenaufgang über der Po-EbeneRifugio Alpetto
Tag 122: 13.09.2019, Freitag
Von Pian Melzè im Tal des Po zur Refugio Alpetto. Strecke 8,4 km. Gehzeit 4.30 h. Aufstieg 970 m. Abstieg 890 m. Kaiserwetter, sonnig und wolkenlos.
Los geht’s um 09. 00 Uhr. Seit einigen Tagen sind die Etappen der GTA mit denen der Via Alpina identisch. Gestern hatten wir nach Norden und Süden eine schöne Aussicht. Heute wandern wir bei weiter stabilem Herbstwetter direkt unter der Ostseite des Monviso, dem König aus Stein, entlang. Er ist mit 3841 m der höchste Berg der Cottischen Alpen und Luftlinie nur 30 km von der Poebene und 90 km vom Meer entfernt. Adler müsste man sein. Doch nun von Anfang an: Zunächst geht es von der Locanda Regina (1750 m) über eine alte Mulattiera zu Po-Quelle. Hier ist wohl die einzige Stelle, wo man aus dem Po bedenkenlos trinken kann. Rudi schöpft Wasser (Bild). Über den Lago Chiaretto geht es dann weiter zum Colle dei Viso (2650 m). Der Weg zieht sich, das stört uns bei dem Wetter aber nicht. Wir haben das schöne, klare herbstliche Licht, das schon seinerzeit die Impressionisten in Nizza und in der Provence begeistert hat. Dann lädt das Rifugio Quintino Sella zur Einkehr (Bild). Das Rifugio ist der Stützpunkt zur Besteigung des Monviso und normalerweise übervoll. Da momentan wegen dem Schnee weniger geht, hält sich der Andrang in Grenzen. Wir haben einen guten Blick in die Poebene. Es ist immer wieder überraschend, wie nahe die Ballungsräumen sind und wie wenig dafür hier in den Bergen los ist. Vom Colle erreichen wir bald unser Tagesziel, das Rifugio Alpetto auf 2269 m um 15.00 Uhr. Das Rifugio Alpetto ist im Jahr 1866 erbaut worden und ist damit die erste Alpenvereinshütte der italienischen Alpen. Für uns ist es eine Zwischenstation auf dem Weg vom Tal des Po ins Varaitatal. Wir genießen das gute Wetter, dennoch zieht es uns nun allmählich heim zu unseren Frauen und Familien. Wenn es uns gelingt, werden wir versuchen, die ein oder andere Etappe zusammenzulegen. Mal sehen, ob das klappt. Im Gegensatz zu früher, erscheint uns ein gemütlicher Oktoberfestbesuch in München mit der Familie nun plötzlich als reizvoll. Zeitlich sollte das, wenn das Wetter hält, möglich sein.
Wasser zapfen an der Po-QuelleDie Sella-Hütte neben dem Monviso
Tag 121: 12.09.2019, Donnerstag
Vom Refugio Barbara Lowie nach Pian Melze. Strecke 8,4 km. Gehzeit 3.30 h. Aufstieg 770 m. Abstieg 790 m. Kaiserwetter, sonnig und wolkenlos.
Gestern Abend war das Abendessen wieder ausgezeichnet und wir waren wieder früh im Bett. Gut ausgeschlafen starten wir auf 1753m Höhe um 8.30h. In diesen Teil des Tales scheint noch keine Sonne und es ist daher ziemlich kalt (so 8 Grad). Der Himmel ist wolkenlos und dank des Wetters, der kurzen und gemütlichen Strecke sowie der grandiosen Ausblicke fällt dieser Tag endlich mal wieder unter den Begriff „Alpenspaziergang“. Den ersten Colle (Proussera, 2198m) haben wir bald erreicht und nun wandern wir nur noch in der Sonne. Von dort können wir unsere Route der letzten zwei Tage gut sehen mit dem grässlichen Regentag, der versifften Hirtenunterkunft, den langen Weg runter ins Tal (nach Villanova), und den gestrigen Übergang beim Rifugio Barant und den entsprechenden Abstieg gestern Nachmittag. Vor allem sehen wir endlich mal das schneebedeckte Monte Rosa Massiv, wo wir zwar lange nah dran waren, aber es nie sehen konnten. Wir witzelten sogar, dass es des Monte Rosa Massiv gar nicht geben würde. Auch das Matterhorn können wir erkennen. Um 11h sind wir auf dem Colle della Gianna (2525m) und haben plötzlich den schneebedeckten Monte Viso vor uns. Ein Bilderbuchblick mit strahlend blauem Himmel. Wir haben es heute ja nicht eilig und geniessen in Ruhe die sich uns bietenden Ausblicke. Ein paar Kühe beim Abstieg sind die einzigen Lebewesen, die wir vor unserer Ankunft um 12.45h bei unsere Trattoria Regina (auf 1800m) sehen. Sie ist bekannt für ihre ausgezeichnete Polenta, unglaublich viele Leute sitzen und essen (ein gutes Zeichen!) und auch wir geniessen das Mittagsmenü. Dann ist duschen, waschen und entspannen angesagt bei Sonne und mit Blick auf den Monte Viso (3841m).
Alex vor dem Monte Viso (3841m)Blick auf das schneebedeckte Monte Rosa Massiv (weit weg)
Tag 120: 11.09.2019, Mittwoch
Von Villanova zum Refugio Barbara Lowie. Strecke 14,2 km. Gehzeit 5.00 h. Aufstieg 1180 m. Abstieg 690 m. Kaiserwetter, leichte Bewölkung, angenehm kühl.
Vom Talschluss des Valle Pellice (auch ein Waldensertal) in Villanova starten wir um 09.00 Uhr in einen entspannten Tag. Es herrscht Kaiserwetter. Mit flottem, lockeren Schritt geht es in Richtung Colle Barant (2312 m). Zunächst an der beeindruckenden Cascata del Pis vorbei und dann über den Piano dei Morti, wo 1655 eine Gruppe Waldenser von einer Lawine getötet wurde, zum Refugio Jervis (1732 m). Dort gönnen wir uns, obwohl wir noch gar nicht müde sind, in der Sonne eine Capuccinopause. Wir haben eine gute Rundumsicht, die hohen Berge sind alle weiß vom gestrigen Schneefall. Heute geht, im Gegensatz zu gestern, alles leicht. Die Rucksäcke spüren wir kaum und die Höhenmeter fallen uns leicht. Es zählt sich nun aus, dass wir etliche Wochen Training intus haben. Bei diesen Verhältnissen und der derzeitigen Fitness könnten wir von Nizza leicht bis zu den Pyrenäen weitergehen (für unsere Frauen: das ist nur ein Scherz und keinesfalls unsere Absicht)! Bald sind wir bei guter Betriebstemperatur am höchsten Punkt, dem Colle Barant (2312 m) angekommen. Zuvor haben wir noch den botanischen Alpengarten besichtigt. Ab dem Colle geht es an der Refuge Barant ohne Pause vorbei, dann angenehm abwärts. Im Süden sehen wir den beherrschenden Monviso in Wolken und eingeschneit. Damit hat sich die Frage der Besteigung abschließend und endgültig erledigt. Bald erreichen wir das Refugio Barbara Lowrie, wo wir das saubere Matrazenlager mit 12 Betten ganz allein für uns haben. Es gibt sogar heißes Wasser und eine saubere Toilette. Wenn das Wetter halten sollte, müssen wir noch oft über 2500 Meter aufsteigen, und dann sollte das Restprogramm gut zu bewältigen sein. Bei einer Schlechtwetterperiode mit mehrtägigen Regen und Schnee in der Höhe wäre der Abschluss unseres Projektes gefährdet. Der Engpass sind unsere Schuhe. Sie sind zwar wunderbar eingelaufen, die Wasserschutzmembrane ist aber zerstört. Für Regen und Schnee sind die mittlerweile total ungeeignet. Hoffen wir auf Fortsetzung des Herbsthoches. Übrigens: vor genau 18 Jahren hatten Sieglinde und Alex genau auf den Tag eine Ankunft in Nizza. Nicht zu Fuß aber immerhin mit dem Fahrrad. Auch nicht von Wien, sondern von Untermeitingen. Der Termin bleibt in Erinnerung auch wegen der Attentate auf das World Trade Center.
Blick vom Colle Barant nach SüdenDas wirklich grosse Muli des Rifugio Barbara Lowie
Tag 119: 10.09.2019, Dienstag
Von Ghigo di Prali nach Villanova. Strecke 17,2 km. Gehzeit 5.45 h. Aufstieg 1010 m. Abstieg 1220 m. Dauerregen die gesamte Zeit, sehr kalt (0-9 Grad), Schneeregen und Schnee am Colle, sehr unangenehm.
Jeder Tag kann anders sein. Und der heutige Tag war definitiv kein Vergnügen. Gestern bestes sonniges Herbstwetter auf gemütlichen Wegen, heute Dauerregen und sehr kalt (0-9 Grad), Nebel/Wolken, keine Sicht und Schneeregen bzw. Schnee auf dem saukalten Colle Giulian (2457m). Aber nun schön chronologisch. Gestern Abend haben wir gemeinsam mit zwei Südfranzosen unseres Alters Abend gegessen, die den GTA seit einigen Jahren in Etappen wandern und irgendwann dann nach Venedig abbiegen wollen. War ein lustiges Kauderwelsch auf Italienisch, Französisch, Englisch und Deutsch. Auch beim Frühstück um 7h sitzen wir zusammen. Sie gehen von Süd nach Nord, wir von Nord nach Süd, und so ist es eine kurze Begegnung. Das Frühstück ist gut und es gibt sogar frische Feigen. Aber es hat nur 9 Grad und es regnet schon seit Stunden in Ghigo di Prali. In kurzer Hose und T-Shirt, aber eben auch in vollem Regenschutz starten wir um 8 h. Erst mal entlang des Tales nach Süden. Die Seilbahn nutzen wir natürlich nicht, um von 1455m auf 2440m zu kommen. Heutiges Tagesziel ist Villanova auf 1225m im nächsten Tal, dazwischen müssen wir den Colle Giulian (2457m) überschreiten. In der Regenkleidung wird uns etwas wärmer, aber tatsächlich wird es immer kälter, je höher wir kommen. Nach einer halben Stunde sind die Schuhe innen feucht, dann die Socken, dann steht das Wasser im Schuh und die Zehen werden sehr kalt. Feuchtigkeit von unten (nasses Gras) und von oben (Dauerregen) machen das Gehen mühsam. Die Wege sind nun teilweise rutschig oder Wasser läuft runter. Um nicht zu sehr innen zu schwitzen – trotz der Kälte – gehen wir langsam, aber stetig und sind schon um 11h auf dem Colle. Der Regen kommt da schon als Schneeregen runter. Die letzten 100 Höhenmeter schneit es dann und der Schnee bleibt als dünne Schneeschicht liegen. Oben angelangt, bleiben die Smartphones geschützt in den Taschen und wir machen uns unverzüglich an den Abstieg. Wir hoffen, dass es nach Schnee und Schneeregen endlich wärmer und angenehmer wird. Dies ist leider nicht der Fall. Nebel/Wolken ziehen auf. Eine grosse Schafherde grast auf unserem Pfad und die drei grossen Hüterhunde machen uns kläffend klar, dass wir hier nichts zu suchen haben. Wir weichen gut 150m nach links aus und versuchen den Hunden zu entkommen, indem wir zu einem Bauernhof runter gehen. Hier kommt gerade eine Ziegenherde mit viel Getöse aus dem Stall, getrieben von 4 weiteren kleineren Hunden. Zwei Hirten mit Schirmen halten die Hunde zurück und über eine knöcheltiefe Matschstrecke mit vielen Kuhfladen erreichen wir einen der Hirten. Er bietet uns ein Bivacco bei ihnen im Haus an, wir wollen aber lieber runter ins Tal. Mehr rutschend als Gehend erreichen wir die Versorgungsstrasse, auf der auch das Wasser steht und wir gehen so schnell wir können leicht abwärts, um den drei Pastore Maremmano die oberhalb der Strasse die Herde schützen, zu entkommen. Gut 2,5 Stunden im Regen, im Nebel mit kurzer Sicht, nassen Schuhen und kalten Zehen/Fingern gehen wir dann über teils steile Versorgungswege, Trampelpfade im Gras, durch Wald und etwas Geröllwege in Richtung Tal. Sicht haben wir keine, hoffen aber, dass uns die Beschilderung und unser GPS-Track letztlich nach Villanova führen. Endlich sehen wir eine Strasse. Ein mitleidiger Italiener bietet uns großzügigerweise eine Mitfahrtgelegenheit in seinem Kleinwagen an, aber wir nassen Wanderer hätten da sein Auto völlig versaut, zudem wollen wir ja jeden Meter zu Fuß gehen. Und plötzlich um 13.45h ist Villanova da, das aus ca. 15 Gebäuden besteht, aber wo nur das Posto Tappa belebt aussieht. Unsere Schuhe, Socken und die Regenkleidung liegen nun um den Holzofen herum und wir hoffen, dass auch die Schuhe bis morgen halbwegs trocken werden. Ein trockener, warmer Raum mit Holzofen kann unglaublich angenehm sein.
Tag 118: 09.09.2019, Montag
Von Massello nach Ghigo di Prali. Strecke 19,6 km. Gehzeit 5.30 h. Aufstieg 1050 m. Abstieg 730 m. Wolkenlos, angenehm kühl. Bestes Herbstwanderwetter.
Nach einem guten Frühstück mit vielen Früchten (Heidelbeeren, Erdbeeren, Äpfeln, Pfirsichen, Trauben und Pflaumen) beginnt um 09.00 Uhr eine ruhigere Erholungsetappe – so ist es zumindest geplant. Es ist wolkenlos, mit azurblauem Himmel, ein Wetter wie man es sich nicht besser wünschen kann. Wir starten mit viel Elan und gut gelaunt. Heute geht es ins Germanascatal, wie das Chisonetal auch ein Waldensertal. Das erste Zwischenziel, Didiero, ist nur 20 Minuten entfernt. Im Überschwang achten wir allerdings nicht auf die Wegweiser. Das Gerät mit dem Track ruht zudem bei Alex gut verstaut in der Hosentasche. So kommt es, wie es kommen muss,. Wir übersehen eine Abzweigung und gehen volle 7 km und rund 150 Höhenmeter in die falsche Richtung. Anstatt um 09.20 Uhr kommen wir somit erst um 11.00 Uhr in Didiero an. Wir nehmen es aber mit Humor. Schnell haben wir dann die rund 500 Höhenmeter zum Colle di Serrevecchio (1707 m) erklommen. Dann kurzer Abstieg und Gegenanstieg zum Colletto Galmont (1651 m). Gemütlich geht es dann nach Ghigo di Prali, wo wir um 15.30 Uhr ankommen. Dort gibt es zuerst ein unfiltriertes Ichnusa Bier aus Korsika. Na ja, wenn man Durst hat, schmeckt auch das. Zu den Waldenser (nicht zu verwechseln mit den Valsern) gäbe es viel zu berichten. Das Wichtigste hier in Kürze: Die Waldenser sind eine Gemeinschaft protestantischen Glaubens mit Verbreitung in Italien, Süddeutschland und einigen Ländern Südamerikas. Durch den Lyoner Kaufmann Petrus Valdes im 12. Jahrhundert in Südfrankreich gegründet, wurden die Waldenser während des Mittelalters von der katholischen Kirche ausgeschlossen und als Häretiker durch die Inquisition verfolgt. Ein wichtiges Rückzugsgebiet waren die Waldensertäler in den Westalpen, im Piemont, genau die Region also, die wir gerade durchwandern. Das Valle Germanasca mit Prali ist eines der drei Waldensertäler, wo die calvinistische Laienbewegung ihr Rückzugsgebiet hatte. Es gab hier viele menschliche Tragödien. Heute besinnt man sich wieder auf die historischen Wurzeln und hat hier in Prali auch ein Museum eingerichtet.
Pause auf der SeniorenbankFahne der Waldenser in kleinem WeilerWaldenserdof Roderetto, wo die unversehrte Kirche weiterhin als Tempel bezeichnet wirdKurz vor der Ankunft – Überquerung eines Baches
Tag 117: 08.09.2019, Sonntag
Von Usseaux nach Massello. Strecke 23,5 km. Gehzeit 8.30 h. Aufstieg 1340 m. Abstieg 1660 m. Kalt am Morgen, später sonnig und trocken, kühles Herbstwetter.
Nach mehr als einem Vierteljahr starten wir heute in der langen Hose. Um 6 h läutet der Wecker, um 6.45h verlassen wir das Haus. Einer unserer härtesten Tage liegt vor uns. Von Usseaux (1439m) hoch auf den Colle dell’Albergian (2713m), dann runter nach Molino (ca. 1180m). Alles schön verteilt auf gut 23 km. Zum Glück sah es nicht nach Regen aus, denn dann wäre diese Tagesetappe eigentlich unmöglich. Der Himmel war wolkenlos, aber es war richtig kühl. Seit langer Zeit hatten wir zur Sicherheit etwas Proviant dabei, bestehend aus einem dicken Stück Salami und drei Stück löchrigem Brot vom Frühstück. Laut dem Rotherführer müssen wir mit einer Gehzeit von 9.30 h rechnen. Daher der frühe Start um 6.45h. Es ist gut, dass wir erst mal an der Strasse so 2 km locker bis Laux gehen können, damit unsere Muskeln und Bänder warm werden. Weniger schön ist, dass es dabei abwärts um gut 100 Höhenmeter geht, so dass der Anstieg auf den Colle nachher fast 1300m ausmacht. Für eine gute Stunde gehen wir die Forststrasse hoch und machen dabei Höhe und Entfernung. Dann wird es ein schmaler Wanderweg durch Wald, der uns relativ sanft, aber stetig hinauf bringt. Wolkenungetüme bauen sich an der Poebene auf und legen sich dann langsam ins Tal. Die Festung Fenestrelle, das nach der chinesischen Mauer zweitlängste Gebäude der Welt (zieht sich auf 3 km Länge 635 m hoch den Berg hinauf) ist immer wieder zu sehen. Nach drei Stunden sehen wir den Colle und machen eine Trinkpause. Weitere 2 Stunden zieht sich aber der Weg hinauf und erst kurz vor Mittag sind wir auf 2713m Höhe, wo ein eiskalter Wind trotz Sonnenschein uns dick vermummen lässt. An einer geschützten Stelle essen wir unsere Salami (siehe Foto). Nach gut 20 Minuten reicht es uns und wir machen uns an den langen, die Knie belastenden Abstieg. So nach 45 Minuten lässt der kalte Wind nach und wir ziehen die windabweisende Schicht aus. Ein völlig leeres und einsames Tal, das wir für fast 3 Stunden langsam entlang des Hanges runter gehen. Wir begegnen 3 Hirten mit 2 Hunden, die mobile Zäune auf 3 Mulis geladen haben und den gleichen langen Weg wie wir ins Tal nehmen. Steil geht es am Rand ca. 200m tiefer in ein Tal. Zwei Wasserfälle fallen senkrecht an den Steinwänden runter, die fast unüberwindbar das obere Tal vom unteren Tal trennen. Hier oben (die „Vier Zähne“ als Abschluss des Massello-Tals) hatten sich 360 Waldenser einen ganzen Winter lang gegen 4000 Franzosen erfolgreich verteidigt und konnten Ende Mai 1670 sogar noch flüchten. Wer diese natürliche Festung sieht, kann es nachvollziehen. Wir gehen fast 4 h über viel Stein, Geröll und Gras runter und freuen uns, dass es wärmer wird. Die letzte Strecke nutzen wir die Strasse. Uns reicht das heutige Auf und Ab am Berghang. Kurz nach 16h nach über 9 Stunden fast permanentem Gehens kommen wir in unserer Unterkunft an. Die heisse Dusche und ein Bier lassen uns entspannen.
Wolkenformation am VormittagMittagspause mit Salami auf dem Colle dall’Albergian (2713 m)Hirten mit Mulis als TransporttiereBalziglia, das ehemalige Waldenserdorf ganz am Ende des Tals
Tag 116: 07.09.2019, Samstag
Von der Alpe Toglie nach Usseaux. Strecke 18,2 km. Gehzeit 7.00 h. Aufstieg 1290 m. Abstieg 1350 m. Kühles, trockenes Herbstwetter. Ab Mittag einige Wolken.
In der Alpe Toglie sind wir mal wieder die einzigen Gäste. Das hat den Vorteil, dass wir den einzigen Gemeinschaftsschlafraum mit 16 Matratzen und das einzige Klo für uns alleine haben. Die unbezogenen Matratzen und Kopfkissen hinterlassen alle einen stark gebrauchten Eindruck. Deshalb nutzen wir unsere eigenen Isomatten als Unterlage. Mit unseren frisch gewaschenen Hüttenschlafsäcken und eigenen Daunenquilts ist die Nacht dann doch OK. Wir werden gleich bei unserer Ankunft, wie wohl alle Gäste, mehrfach sanft gedrängt, ein hässliches T Shirt mit Hüttenemblem zu kaufen. Um die Stimmung nicht zu ruinieren, geben wir schließlich nach. Am Abend in der Küche der Alpe erleben wir eine bisher nicht gekannte Ursprünglichkeit. Man kann das eigentlich nicht beschreiben, man müsste es malen. Spitzweg hätte etwas daraus gemacht, Vilsmeier sicher einen grandiosen Heimatfilm. Es tobt in der Küche ein Stillleben von grausamer (nach Tschudi) Ursprünglichkeit. Hund und Katz kuscheln gemeinsam auf dem Sofa, der Sohn füllt Rotwein aus einem 50 Liter Kanister in Flaschen, der Hausherr schläft im Sessel, die zahnlose Mamma kocht auf dem holzgeschürten Herd, die Schwester preist das T Shirt an, wir mittendrin. Die Einrichtung ist aus den vierziger Jahren. So etwas haben wir beide bisher noch nicht erlebt. Es ist wie im Film in einer anderen Zeit. Die Situation ist an Originalität nicht mehr zu überbieten. Kerniger geht’s nimmer. Man kann das nur lieben oder strikt ablehnen. Es ist wirklich unbeschreiblich. Zum Abendessen legt die Wirtin sogar eine Tischdecke auf, die gleiche, die wohl über den ganzen Sommer aufgelegt wird. Das Essen ist eine absolute positive Überraschung. Es gibt als Vorspeise Wurst, Tomaten, selbst gemachten Käse und dazu das beste Brot, das wir bisher gegessen haben. Der abgefüllte Rotwein wird zur Selbstbedienung in einer Zweiliterflasche hingestellt. Nach der Vorspeise sind wir eigentlich satt. Dann folgt aber noch eine Riesenportion Spaghetti Bolognese al dente und als Hauptgang Fleisch, das seit Stunden auf dem Herd (holzbefeuert) köchelt mit Kartoffeln. Alles wohlschmeckend. Wir sitzen am einen Tischende, die Familie am anderen, Hund und Katz schlafend auf dem Sofa. Der Kaffee am Schluss darf nicht fehlen. Alex ist so begeistert, dass er Rudi bittet, zur Dokumentation ein Foto mit den beiden Damen zu machen (Bild). Das tolle Abendessen mit Wein, die Übernachtung incl. T Shirt kosten dann pro Person 35 €. Nach dem Frühstück geht es heute um 08:15 Uhr in Richtung Colle Osiera (2595 m). Auch hier in den Südalpen hat sich inzwischen der Wetterumschwung vom Hochsommer in den Herbst vollzogen. Es ist deutlich kälter geworden und es hat bis auf 2000 Meter heruntergeschneit. Da der Boden noch warm ist, bleibt der Schnee allerdings nicht lange liegen. Mit der Aussicht haben wir heute mal Glück. Im Norden steht der Rocciamelone in seiner ganzen Pracht und im Süden können wir vom Colle erstmals den Monviso sehen. Die Tour ist im Auf- und Abstieg wegen der Höhenmeter anstrengend. In der Distanz sind zudem immerhin über 17 km zu bewältigen. Nach zwei Ruhetagen in Susa sind wir aber ganz gut drauf. In Usseaux kommen wir gegen 16.00 Uhr an. Das Posto Tappa ist sauber und gut geführt. Nach einer heißen Dusche fühlen wir uns wohl. Usseaux zählt angeblich mit zu den schönsten Orten Italiens und ist bekannt für seine Wandgemälde. Man könnte im Ort länger verweilen und im nahen Fenesterelle die größte Festungsanlage der Alpen besichtigen. Uns zieht es aber morgen weiter in Richtung Nizza. Es steht wieder eine längere Etappe weit über 20 km mit zudem rund 1400 Aufstiegs- und 1400 Abstiegsmetern an.
Die Damen der Alpe ToglieLetzter Blick auf den RocciameloneBlick vim Colle Osiera auf den Monte Viso mit WolkenschleierAuf dem Colle Osiera (2595 m)
Tag 115: 06.09.2019, Freitag
Von Susa zur Alpe Toglie. Strecke 12,8 km. Gehzeit 4.00 h. Aufstieg 1250 m. Abstieg 200 m. Morgens kühl bei ca. 12 Grad, bewölkt, am Ende Regen und kalt.
Die zwei Ruhetage in Susa haben uns gut getan. Wir haben in einem ehemaligen Kloster gewohnt, das zwei wunderschöne Kreuzgänge hat. Ein Triumphbogen zu Ehren von Augustus aus dem Jahr 9, ein eindrucksvolles Amphittheater, weitere römische Bauwerke wie Mauern und ein Aquädukt sind hier in Susa auf engstem Raum zu finden. Susa mit rd. 6000 Einwohnern ist angenehm und übersichtlich. Störend sind allein die Massen an Motorrädern, die hier durchdonnern. Wir haben uns beide beim Barbier „verschönern“ lassen. Der Auftrag von Alex an den Friseur wurde allerdings gründlich missverstanden. Der Bart sollte weg mittels einer gepflegten Nassrasur. Statt dessen arbeitet der Maestro am Bart mit der elektrischen Haarschneidemaschine und einem alten, stark gebrauchten Elektrorasierer. Zudem widmet er sich nicht nur dem Bart, sondern auch dem ohnehin schütteren Haupthaar und macht auch dort Tabula Rasa. Schlecht rasiert mit nunmehr Vollglatze verlässt Alex den Laden. Die Schuhe wurden auch gepflegt. Eine ganze Dose Schuhcreme versiegelt nun die Wanderstiefel von Alex. Rudi hat nun wieder 2 ganze Wanderstöcke. Und unsere komplette Bekleidung einschliesslich Hüttenschlafsack war in der Waschmaschine bei 40 Grad. So starten wir zum letzten Abschnitt von Susa nach Nizza, wo wir (hoffentlich) gegen Ende dieses Monats September ankommen wollen. Heute gehen wir bei kühlen Temperaturen und bewölktem Himmel um 8.45 h los. Auf dem Rocciamelone und seinen Nachbarbergen liegt so ab 2.300m Höhe Schnee und verzuckert die Spitzen. Es hat wohl hier unten auch nicht mehr als 10 bis 12 Grad. Über Meana, hier verläuft die Zugstrecke u.a. nach Turin, leicht aufwärts am Talhang durch einige nur wenig bewohnte Dörfer steigen wir von Susa (595m hoch) innerhalb von 2 Stunden gemütlich hoch auf so 750m. Dann gehts die letzten gut 2 Stunden aber auf einer steilen Mulateria (Versorgungswege ) stetig und konsequent durch Wald hoch bis zur Alpe Toglie auf 1534m Höhe. Immer wieder wird gefragt, ob diese Alpenwanderung schön ist und Spass macht. Das ist nicht so einfach mit Ja oder Nein zu beantworten. Ja, es ist schön, loszugehen und anzukommen und auch unterwegs – je nach Wetter und Sicht – gibt es schöne Eindrücke und Momente. Oft ist es aber auch harte Arbeit, Anstrengung und Mühe. So wie heute: Zwei Stunden stetig steil den Berg hinauf zu gehen, macht nicht unbedingt Spass. Kurz vor unserer Ankunft um 13.15h fängt es zu tröpfeln an und wir schaffen es gerade noch leicht feucht auf die Alpe Toglie. Schön, dass der Ofen brennt. Im Schlafraum mit 16 Betten sind wir die einzigen Gäste, was uns sehr Recht ist.
Einer der Kreuzgänge im Kloster in SusaUnser Schlafraum auf der Alpe ToglieEigener Käse und Wein bei laufendem Fernseher auf der Alpe Toglie
Tag 113 und 114: Zwei Ruhetage in Susa und zwar am Mittwoch, den 4.9.19 und am Donnerstag, den 5.9.19 nach gut 1.700 km und fast 85.000 Höhenmeter jeweils im Auf- und Abstieg
Tag 112: 03.09.2019, Dienstag
Von Capanna Sociale Ravetta nach Susa. Strecke 17,4 km. Gehzeit 4.45 h. Aufstieg 120 m. Abstieg 2130 m. Morgens sonnig, ab Mittag bewölkt, angenehmes Wanderwetter.
Auf der Hütte Capanna Sociale Aurelio Ravetta auf 2545 m sind wir die einzigen Gäste. Die Hütte war früher eine Kaserne der Alpini. Wir bekommen ein gutes Abendessen und zur besseren Verdauung bekommen wir vom Wirt nach dem Kaffee ein Génépi. Nach alter Tradition wird in den Südalpen jeweils im Herbst bei einem Sonntagsspaziergang im Gebirge die Edelraute – französisch Génépi – gepflückt. Die Pflanze steht unter Naturschutz. Erlaubt ist aber, für den Eigenbedarf bis zu 40 Zweige zu pflücken. Dazu werden die Zweige 40 Tage lang in 90-prozentigem Alkohol eingelegt. Dann wird die Flüssigkeit abgesiebt. Hinzu kommen Würfelzucker sowie die gleiche Menge Wasser wie Alkohol, so dass sich der Alkoholgehalt halbiert. Dieses Rezept erklärt uns der Hüttenwirte in schnellem schnoddrigen, dialektgefärbten Italienisch (Bild). Wir verstehen nur Bahnhof, vollziehen aber später in Susa seine Erklärungen in Google nach. Nach dem Génépi verbringen wir eine ziemlich kalte Nacht im Matrazenlager – unsere Daunenquilts bewähren sich. Dann geht es nach dem Frühstück um 08:30 Uhr los. Es ist ein wundervoller Morgen. Über der Poebene sind dichte Wolken, die Berge sind aber vollkommen frei. Ein langer Abstieg mit über zweitausend Höhenmetern hinunter nach Susa steht an. Nach 20 Minuten erleben wir ein tolles Panorama. Ganz im Süden sehen wir zum ersten Mal in grosser Ferne den Monte Viso, die Pyramide des Rocciamelone steht über uns und im Westen zeigen sich die eisgepanzerten Gipfel der Meije und der Ecrins. 20 Meter von unserem Steig sonnt sich ein junger Steinbock (Bild). Das Tal von Susa bildet die Grenze zwischen den Cottischen Alpen im Süden und den Grajischen Alpen im Norden. Susa ist auf unserem Weg ein weiterer Meilenstein, wie es Meran oder Airolo schon waren. In Susa war ursprünglich die vierte und letzte mehrtägige Pause geplant. Davon sind wir nun aber abgekommen. Wir planen zwei Ruhetage, dann geht’s weiter. Bis Ende September wollen wir am Ziel ankommen. Rudi bekommt in Susa Besuch von seiner Frau und seinem Freund Manfred. Zur Tour heute gibt es nicht viel zu berichten. Über gute Wege geht es zum Posto Tappa IL Trucco. Dort machen wir eine kleine Pause. Von dort geht es weiter hinunter ins historische Zentrum von Susa, wo wir gegen 15:30 Uhr eintreffen. Hier herrschen mit 28 Grad noch hochsommerliche Temperaturen. Rudi ist am heutigen Abend mit seiner Frau und seinem Freund unterwegs, Alex hat sich frei genommen und ist auf eigene Faust auf Achse. Susa ist aber so überschaubar, dass wir uns dauernd treffen. Sogar das gleiche Restaurant suchen wir uns aus.
Erläuterung des Wirts zur Herstellung des Kräuterschnapses auf der Hütte in 2545mJunger Steinbock 20m neben dem SteigWolkenspiel über dem Tal der DoraKirche in Susa, der Rocciamelone im Hintergrund
Tag 111: 02.09.2019, Montag
Von Usseglio nach Capanna Sociale Aurelio Ravetta. Strecke 14,4 km. Gehzeit 4.30 h. Aufstieg 1340 m. Abstieg 50 m. Morgens sonnig, ab Mittag bewölkt, den ganzen Tag trocken.
Ein gutes und reichhaltiges Frühstück um 7.30h zusammen mit Renate, der Schweizerin und ein gemütlicher Start bei sonnigem Wetter um 9.00h. Von Usseglio in einer Höhe von 1265m ist unser Ziel eine Übernachtung auf der Capanna Sociale Aurelio Ravetta auf 2545m. Heute machen wir die Aufstiegsmeter, morgen kommen dann die Abstiegsmeter nach Susa auf 494m. Der Weg geht angenehm entlang des Bachlaufes durch niedriges, feuchtes Gras, bis wir in Margone ankommen. Wir entscheiden uns für die kaum befahrene Militärstrasse hoch zum Lago di Malciaussia (1850m), wo wir um 11.30h im Rifugio Vulpot ankommen. Wir essen und trinken zu Mittag. Gut gestärkt und bei weiterhin gutem Wetter brauchen wir knapp 2 Stunden auf einem steilen, aber gut begehbaren Maultierpfad (Mulatteria) bis zum Colle Croce di Ferra, von wo aus wir kurz tief ins Tal sehen können, dann aber Nebel bzw. Wolken vom Tal hochziehen, die die wärmende Sonne verdunkeln und eine unangenehme Kälte mitbringen. Wir sind ja fast auf 2500m und wir ziehen mehrere Schichten Kleidung drüber. Trotzdem fröstelt es uns auch um 16h in der Gaststube, wo leider kein Feuer brennt. Die dicken Mauern der ehemaligen Kaserne lassen keine Wärme rein. Innen ist es unangenehm feuchtkalt, aussen nur dann erträglich, wenn mal kurz die Sonne durchkommt. Der Wirt hat Mitleid mit uns und legt um 17h Holz in den Ofen. Das lange Ofenrohr im Raum hilft, dass es bald erträglicher wird. Und grossen Applaus und Respekt für Dietmar, der uns so 2,5 Wochen begleitet hat: Er hat die Strecke Wien-Nizza nur 3 Monate und 10 Tage benötigt und ist heute in Nizza angekommen. Er war unglaublich schnell! Hier das Beweisfoto.
Dietmar in Nizza zum Abkühlen der Füsse
Tag 110: 01.09.2019, Sonntag
Von Balme nach Usseglio. Strecke 15,1 km. Gehzeit 6.15 h. Aufstieg 1200 m. Abstieg 1340 m. Morgens sonnig, dann ab Mittag bewölkt, den ganzen Tag trocken.
Gestern wurden wir nass. Unsere Schuhe und Socken triefen, wir haben eigentlich keine Chance sie über Nacht zu trocknen. Zeitungspapier zum Ausstopfen lässt sich nicht auftreiben. In unserer Notunterkunft, dem wohl schon lange ich mehr vermieteten Appartement, ist es zudem kalt und feucht. Einen Föhn gibt es nicht – aber dafür einen Backofen. Das ist die Lösung. Wir widmen das Gerät kurzerhand um zur Schuh- und Sockentrockenmaschine (Bild). Das birgt zwar ein gewisses Risiko – funktioniert aber letztlich. Als Programm wählen wir 100 Grad Unter- und Oberhitze, als Garzeit 60 Minuten. Siehe da, die Schuhe sind nach dieser Zeit ziemlich trocken, die dampfenden Socken schon weit vorher. Die Sohlen bleiben an den Schuhen dran und das Leder nimmt keinen sichtbaren Schaden. Ist ja eh schon wasserdurchlässig. Als Zusatznutzen haben wir auch noch eine wohltemperierte Bude. So geht es mit trockenen Socken und Schuhen heute vom Tal der Ala ab 08.30 Uhr ins Tal der Viu nach Usseglio. Herüben weit hinauf und drüben weit hinunter. So ist die Routine. Es ist aber wieder eine anspruchsvolle Etappe bei – Gott sei Dank – ordentlichem Wetter. Morgens beste Sicht auf den Uia di Cimarella über Balme (Bild). Ab Mittag zieht es dann zu, wie das Bild über dem Valle di Viu zeigt. Es bleibt heute aber den ganzen Tag trocken. Zunächst suchen wir zum Beginn der Tour den richtigen Einstieg, dann geht es kontinuierlich ansteigend am Bivacco Gino Gandolfo vorbei auf den Passo Paschiet (2435 m). Dann weiter nach kurzem Abstieg zum höchsten Punkt für heute, dem Colle Costa Fiorita (2465 m). Der Abstieg ins Valle di Viu ist dann anspruchsvoll. Es geht pfeilgerade über Wiesenwege und Platten ins Tal. Die Markierung ist diese Mal OK. Wir müssen aber hochkonzentriert gehen. Seit einigen Tagen ist der Weg der GTA identisch mit der Via Alpina. Die Via Alpina ist ein grenzüberschreitender Wanderweg von Triest nach Monaco und durchquert auf ihren fünf Routen die acht Alpenstaaten Italien, Slowenien, Deutschland, Österreich, die Schweiz, Liechtenstein, Frankreich und Monaco. Sie wurde 1999 in Grenoble initiiert. Sie dient, nach der Idee der GTA, auch der Förderung einer nachhaltigen Entwicklung im Alpenraum. Wir kommen ziemlich müde um 15:30 Uhr in Usseglio an. Entschädigt werden wir durch ein sauberes Zimmer in der Albergo Rocciamelone, die ein wunderschönes Jugendstilambiente hat (Bild).
Unsere Schuh- und Sockentrocknungsmaschine (bei 100 Grad Ober- und Unterhitze)Uia di Cimarella über BalmeNachmittagswolken über dem Tal von UsseglioDer Barraum im Jugendstilhotel Albergo Rocciamelone in Usseglio
Tag 109: 31.08.2019, Samstag
Von Pialpetta nach Balme. Strecke 17,1 km. Gehzeit 7.30 h. Aufstieg 1510 m. Abstieg 1160 m. Morgens sonnig, dann bald bewölkt, Regen, Wolken/Nebel, wieder Regen und Graupeln, dann bewölkt, kühl und unangenehm.
Gestern von einem Lanzotal ins nächste, war schon hart. Heute von Pialpetto ins nächste Lanzotal war aber deutlich härter: Eine längere Strecke mit mehr Höhenmeter im Anstieg. Also 4 Stunden steil hoch von 1054m auf den Colle di Trione auf 2485m, dann runter nach Balme auf 1500m. Alles schön verteilt über 17,5 km. Anstregend zwar, aber letztlich fast normal und machbar. Allerdings geht der Tag schon schlecht an. Die Insulinspritze von Rudi klemmt beim Einlegen einer neuen Patrone, so kommen wir erst um 7.45h zum Frühstück, das enttäuschend war (wer mag schon Biscotti-Zwieback mit Marmelade?). So starten wir erst um 8.45h. Es scheint aber die Sonne und es könnte ein guter Tag werden. Ab 9.00h an der Staumauer von Ceresole geht es schattig nach oben. Nach 1,5 Stunden die ersten Regentropfen und gleich wird es kühler. Noch 2,5 Stunden zum Colle. Wir ziehen etwas Regenschutz über und stellen uns mit Regenschutz in einen alten, verfallenen Kuhstall. Es prasselt runter und nach 45 Minuten nehmen wir unser Ziel ins Auge. Das nasse Grass und die nassen Felsen machen das Hochsteigen nicht einfacher. Wir verirren uns etwas und eine Schweizerin macht uns auf den Fehler aufmerksam. Kurzzeitig hört der Regen (mit Graupeln) mal auf, um dann umso stärker anzufangen. Es prasselt kräftig und erst um 13.30h, nach mehr als 5,5 Stunden, überschreiten wir den Übergang ins nächste Tal. Oben bleiben wir nicht stehen, sondern gehen im Regen gleich (runter in Richtung Tal) unverzüglich weiter. Es geht abwärts und auf dem Pfad sammelt sich schnell Wasser. In unseren Schuhen und Socken steht das Wasser. Nach einer guten Stunde lässt der Regen nach. Es bleibt aber kühl und es ist unangenehm. Nasse Socken und Schuhe machen auch keinen Spass. Dann suchen wir einen Weg ins Tal, absolut kein leichtes Unterfangen. Gegen 16h hört der Regen endlich wieder auf, dazwischen immer auch wieder Wolken und Nebel. Gegen 16.30h sehen wir etwas vom Tal. Es ist anstrengend, dann noch bis 18 h nach Balme zugehen. Wir bekommen noch ein kühles Ferienappartement, alles ist sonst belegt und wir sind damit zufrieden. Abendessen ist sehr gut.
Die verlassene Alm Gias di Mezzo, wo wir uns wegen des Regens untergestellt haben. Zum Glück sieht man die Überbleibsel der Kühe nicht.
Tag 108: 30.08.2019, Freitag
Von Ceresole Reale nach Pialpetta. Strecke 15,00 km. Gehzeit 6.00 h. Aufstieg 1140 m. Abstieg 1520 m. Morgens wolkenloser blauer Himmel, sonnig, den ganzen Tag ruhiges Spätsommerwetter.
Los geht’s um 08.30 Uhr. In den nächsten Tagen stehen die drei Lanzotäler auf dem Programm. Als der Tourismus aufkam, waren die Täler eine beliebte Destination für die Sommerfrischler aus der nahen piemontesischen Hauptstadt Turin. In die andere Richtung nach Westen gab es über den Gebirgskamm regen Austausch mit der heute französischen Maurienne. Bei unserer Nord-Südwanderung durch die tief eingeschnitten Täler bis ins Susa Tal sind die Höhenunterschiede besonders krass. Heute stehen über 1100 m im Aufstieg und, fast noch härter, über 1500 m im Abstieg an. Zunächst steigen wir von rund 1400 m auf den Colle della Crocetta (2641 m) hinauf. Es eröffnen sich schöne Blicke auf die Paradiso Gruppe und einige Gipfel der Vanoise. Genauso steil wie der Aufstieg gestaltet sich der Abstieg in das Sturatal, nur länger. Mit dem Wetter haben wir Glück. Am Vormittag deutet sich schon das künftige kläre, ruhige Herbstwetter mit angenehmer Kühle an. Außer einer Alleinewanderin aus der Schweiz treffen wir keine Menschenseele. In Pialpetta kommen wir um 15.30 Uhr an und haben bei der Quartiersuche die volle Wahlfreiheit. Wir entscheiden uns gegen das Posto Tappa und für ein Albergo mit Doppelzimmer, HP und Dusche. Die Einheimischen sind sehr gesprächig, einige Ältere können etwas Deutsch, weil sie bei uns gearbeitet haben. Die älteren Herren hier gestalten ihre Pension etwas beschaulicher als wir. Sie sitzen an der Bar oder draußen an der Straße, drinken ihr Glas Rotwein, spielen Karten oder unterhalten sich. So richtig verstehen sie unser Vorhaben nicht, sparen aber nicht mit Lob und Anerkennung. Generell fühlen wir Tedesci uns gut, spüren allerdings die Knie, was aber bei der Belastung in unserem Alter normal sein dürfte. Morgen geht es weiter anstrengend ins Tal der Ala ins Bergsteiger Dorf Balme.
Blick auf den Col Nivolet, die Südwände der Paradisogruppe und den Lago di CeresoleAlex auf dem Colle della Crocetta (2641m)Auch Rudi war auf dem Colle della Crocetta (2641m)
Tag 107: 29.08.2019, Donnerstag
Von Noasca nach Ceresole Reale. Strecke 12,3 km. Gehzeit 4.30 h. Aufstieg 1000 m. Abstieg 550 m. Morgens wolkenloser blauer Himmel, sonnig, trocken, warm, angenehmes Wanderwetter.
Endlich ein wolkenloser blauer Himmel am Morgen in Noasca auf 1058m Höhe. Steile Berge und ein ganz enges Tal mit nur wenigen Häusern. Das Ziel ist heute Ceresole Reale auf 1494m. Über die Strasse ist das Ziel in gut 2,5 Stunden zu erreichen, wir folgen aber dem Weg der Grande Traversata und dieser soll im Vergleich mit den vergangenen 2 Tagen heute eine Erholungsetappe sein. Ja, wir spüren heute nicht nur unsere Knie nach 60 km, 1400 m im Aufstieg und 1200m im Abstieg innerhalb der letzten beide Tage. Und ab morgen sind dann 3 harte Wandertage durch die Lanzotäler geplant, die eben alles andere als Spaziergänge sein werden. Gestern hatten wir ein prima Abendessen mit einem tollen Vorspeisentisch, der uns allein fürs Abendessen gereicht hätte. Das wars natürlich nicht, denn es gibt stets Primo (Linsensuppe bzw. Ravioli) und Secondo (wir hatten je eine ganze Forelle) und diesmal verzichteten auf das üppige Kuchenangebot. Weil wir keinen Kuchen hatte, berechnete die Wirtin den Liter Rotwein nicht. Ein guter Tausch. Jeder von uns trank aber auch einen Liter Wasser. Das Frühstück heute Morgen war prima und gut gestärkt gehen wir um 9.00h los. Alle anderen GTA-Wanderer sind da schon unterwegs. Wie üblich, überholen wir Einige in den nächsten Stunden. Logischerweise geht es steil den Berg hinauf, auf Serpentinenstrassen, Wanderwegen oder den alten, sehr gut erhaltenen Maultierpfaden, die den Zugang zu den Siedlungen so 500m über dem steilen Tal sicher stellten. Wir kommen dann durch einige dieser heute verlassenen Siedlungen, wo es auch eine Schule gab, die erst 1962 geschlossen wurde. Der Talabschluss vor einer Reihe von hohen Bergen (sind so 3000m hoch) und im Jagdgebiet von König Vittorio Emanuele II. ist dann ein eindrucksvoller Wasserfall. Nach 3 Stunden machen wir eine Trinkpause kurz vor dem Pra de Cres (1964m). Es zieht sich dann im Auf und Ab auf gut erkennbaren Wegen bis zur Casa Bianca (1947 m) und erst dann geht es endlich abwärts. Da spüren wir unsere Knie wieder. Wir haben nichts dagegen, als wir um 14h bei unserem Hotel ankommen, um uns zu duschen und unsere Wanderkleidung waschen zu können. Erst in 5 Tagen in Susa werden wir die Möglichkeit haben, alles mal in eine Waschmaschine zu stecken.
So sehen diese verlassenen Siedlungen heute aus.Bis 1962 wurde in diesem Schulraum in heute verlassenen Siedlungen unterrichtet.Das Wichtige ist der Wasserfall im Hintergrund, der das Tal abschliesst
Tag 106: 28.08.2019, Mittwoch
Von Cuorgne nach Noasca. Strecke 32,3 km. Gehzeit 6.50 h. Aufstieg 1210 m. Abstieg 580 m. Morgens starkes Gewitter, den ganzen Tag bewölkt, meist trocken, angenehmer Wind.
Um 09.30 Uhr starten wir nach einem starken Morgengewitter. In einer schwülwarmen Sommernacht haben sich Gewitterzellen gebildet. Hier unten im Tal des Orco hindert uns das nicht am Aufbruch. Auf den Passhöhen würde sich das anders darstellen. Ein angenehm kühler Wind nach dem Platzregen erleichtert das Gehen. Es ist heute wieder eine lange Wanderung mit über 30 Kilometern und 1200 Aufstiegsmetern angesagt. Die Steigung verteilt sich aber auf eine lange Distanz und ist daher kaum spürbar. Um etwas Zeit zu sparen und gammlige Posti Tappe zu umgehen, eine Zwangspause durch Gewitter zu vermeiden, haben wir die Grande Traversata für einen Tag verlassen. Heute Abend sind wir aber in Noasca wieder in der Spur. Die Wanderwege auf der GTA sind nicht mit den uns bekannten Wanderwegen in den Ost- oder Zentralalpen vergleichbar. Alles ist archaischer, ungeordneter, unberechenbarer und ursprünglicher. Die Wegweisung erfolgt sporadisch und ohne System. Die Wege sind teilweise eingewachsen und kaum erkennbar. Markierungen wechseln die Farbe, sind dort oft üppig vorhanden, wo man sie eigentlich nicht braucht, fehlen dafür aber dann an entscheidenden Wegegabelungen. Prof. Bätzig hatte mit der GTA die lobenswert Idee, die Landflucht in den entlegenen Tälern mit Hilfe des Tourismus etwas zu mildern und für die Menschen dort eine neue wirtschaftliche Grundlage zu schaffen. Das funktioniert, zumindest partiell. Die Bürgermeister der Kommunen oder die Wirte der Unterkünfte zeigen aber an Aufgaben, die über ihren Horizont hinausgehen, kaum Interesse. Übergeordnete Tourismusverbände, wie bei uns, gibt es hier wohl nicht. Das ist schade, denn mit wenig Aufwand, etwas Pflege der Wege und Verbesserung der Wegweisung könnte man hier viel erreichen. Hier fachmännisch zu beraten, wäre ein attraktiver Job für altruistische Pensionäre – wir gehören aber nicht zu dieser Kategorie. Man braucht halt für die Wegefindung etwas Instinkt, Erfahrung, eine Karte oder, noch besser, einen guten GPS Track. Drei dieser vier definierten Anforderungen erfüllen wir. Vielleicht macht es auch gelegentlich mehr Spaß, wenn nicht alles so durchorganisiert ist, wie bei uns. Die Mentalität der Menschen hier, die unverbrauchte Freundlichkeit, das gute Essen und Trinken, die urige Landschaft, das noch ursprüngliche Ambiente gleicht das nicht nur aus, sondern lässt das gesamte Unternehmen auf der GTA zu etwas Besonderem werden. Wir kommen heute nach anstrengender und langer Wanderung bei bedeckte Himmel am Albergo und Posto Tappa Gran Paradiso gegen 18.00 Uhr an. Wir freuen uns auf das Abendessen. Die Küche der Albergo hat einen excellenten Ruf. Für die kommenden Tage sind weitere Gewitter angesagt.
Viele Reptilien suchen die Wärme der Strasse. Und werden dann manchmal überfahren.Noasca mit dem bekannten Wasserfall von „grauenhafter Schönheit“ (so Alpen-Forscher Tschudi)
Tag 105: 27.08.2019, Dienstag
Von Traversella nach Cuorgne. Strecke 27,4 km. Gehzeit 6.00 h. Aufstieg 199 m. Abstieg 600 m. Teilweise bewölkt, meist sonnig bei bis zu 29 Grad.
Haben gestern Abend wieder ausgezeichnet in der Halbpension gegessen, die Betten waren prima und die Glocken der Kirche vor dem Hotel haben uns zu einem späten (ab 8.00h), aber guten Frühstück gerufen. So gestärkt starten wir fit bei bewölktem Himmel vom Talende, dem kleinen Ort Traversella, den langen Weg hinunter und rüber nach Cuorgne. Wir wohnten in Traversella am Platz der Märtyrer. Hier haben deutsche Soldaten am 14.10.1944 eine Gruppe von 14 Männern erschossen, die als Teil der kommunistischen Partisanen (es gab sehr unterschiedliche Gruppen) in der Nacht gefangen genommen wurden. Die damals akkurat geschriebene Warnung „Achtung! Bandentätigkeit!“ über einem Ausspruch von Mussolini ist immer noch an einer Hauswand (restauriert) zu lesen. Es gibt uns schon zu denken. Auf der einen Seite sind solche Vorgänge vor unserer Zeit passiert, aber was in den letzten 100 Jahren in Kriegen an den Grenzen zwischen Österreich/Kärnten, Slowenien, Italien passiert ist, das ist doch erschreckend. Wie selbstverständlich ist es für uns, Länder und Grenzen zu überschreiten, meist nicht mal eine Staatsgrenze zu sehen und ohne einen Ausweis vorzulegen. Wir waren bis jetzt in Österreich, Slowenien, Schweiz und Italien. Am Schluss kommt noch Frankreich. Offene Grenzen sind – gerade mit Blick auf die Vergangenheit – etwas wundervolles. Aber zurück zum heutigen Tag: Es geht leicht abwärts, es ist bewölkt, auf der Strasse ist wenig Verkehr. Wir gehen für 1,5 Stunden schnell mit einer Geschwindigkeit von gut 5 km/h, biegen dann für 45 Minuten durch Wald und am Bach entlang ab und kommen gegen 12.15h in Vidraco an, wo wir im kleinen Kaufhaus Pause machen und eine Pasta essen. Gegen 13h gehen wir gestärkt los. Meist an der Strasse entlang, die Sonne brennt runter, auf holprigen Wegen zwischen Maisfeldern, wir sehen eine Temperaturanzeige „29 Grad“, und wir sind ziemlich platt um 16.00h, als wir in Cuorgne im Albergo Astoria im Ortszentrum ankommen (klingt besser, als es ist, es steht zum Verkauf). Die übliche Routine: Duschen, waschen, trinken, dann richtig Essen und Trinken, schlafen.
Schriftzug vom Herbst 1944 in Traversella Rudi auf der Hängebrücke über der Chiusella
Tag 104: 26.08.2019, Montag
Von Agriturismo Le Capanne nach Traversella. Strecke 11,4 km. Gehzeit 4:00 h. Aufstieg 680 m. Abstieg 1260 m. Sonne und Wolken, angenehmes Wanderwetter.
Vom Agriturismo Le Capanne geht es um 08.45 Uhr 600 Höhenmeter hinauf zum Colle di Pian Spergiuati (2036 m). Bis wir auf dem Colle sind, ist alles wieder in Wolken getaucht. Es gibt also keine Fernsicht. Dann beginnt der Abstieg über die Alpe Chiaromonte ins Val Chiusella. Auf der Alpe Chiramonte wirtschaftet seit Jahren das Urgestein Georgio (62 Jahre). Er ist über Monate mit seinen Viechern, darunter zwei Hunde, ein Pony und ein Maulesel, alleine und verkauft Käse an GTA Wanderer. Sein Bild hat sogar Eingang in den Rother Wanderführer gefunden. Auch von uns lässt er sich bereitwillig ablichten (Bild). Nach1260 m kniestrapazierenden Abstiegsmetern kommen wir um 13.45 Uhr in Traversella an. Man sieht und erlebt auf der Tour schon einiges. Nicht über alles will und soll man berichten. Gestern Abend haben wir aber wieder einmal für wenig Geld excellent gegessen und getrunken. Zum Abendessen steht automatisch eine Flasche Wasser und Rotwein auf dem Tisch. Gestern war es einen guter Babera, vorgestern ein Nebbiolo. Die Speisen und deren Reihenfolge legt der Wirt fest. Man kann nicht bestellen. Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Wir beginnen mit gemischten Vorspeisen, dann folgt die übliche Pasta als Primo, als Secondo wird gebratenes Fleisch mit Gemüse serviert, dann gibt es eine Käseauswahl von vier verschiedenen Käse aus der Region. Es folgt ein grosser Obstteller mit zwei Pfirsichen, einem Apfel, einer Birne und Trauben allein für uns beide. Am Schluss wird der Espresso serviert. Mit der Übernachtung in einem sauberen Zimmer, der Wurstplatte (Lardo, Salami) und den Getränken vom Nachmittag und Abend zahlen wir pro Person nur 50 Euro. So gut diese Leistung ist, so miserabel sind die Sanitäranlagen. Für die zahlreichen italienischen Tagesgäste und die Wanderer stehen genau zwei gammlige, ungeputzte Toiletten zur Verfügung. Eine Sitztoilette hat keine Brille, alles ist nass – nicht nur vom Wasser. In einer der beiden Klos ist die Dusche ohne Vorhang integriert. Damit sind beide Einrichtungen faktisch nicht benutzbar. Die zweite Toilette ist ein Stehklo in bedauernswertem Zustand. Man kann halt nicht alles haben. Was Übernachtungsgäste betrifft, ist die Unterkunft mal wieder fest in deutscher, genauer in bayerischer und schwäbische Hand. Italiener machen meist nur Tagesausflüge, essen und trinken und wandern nicht mehrtägig auf der GTA. Eine Bayerische Gruppe aus dem Raum Murnau hat ein zehnjähriges Mädchen dabei, die Maria. Sie ist ein ganz nettes und ein kerniges Kind. Maria geht nicht nur die vollen GTA Etappen mit eigenem Rucksack, sie geht sogar alles barfuss. Die Pässe über 2000 m, nasse Platten, spitze Steine, Brennesseln, Disteln, Matsch etc. Das stört sie alles nicht. Nur ein rostiger Nagel hätte sie beinahe gebremst. Die Wunde ist aber schnell und ohne Entzündung geheilt. Wir fotografieren Maria und versprechen ihr, das Bild in unseren Blog aufzunehmen. Sie wird vielleicht einen neuen Trend begründen. Mal sehen……
Maria (10 Jahre) geht den GTA barfuss, daneben ihr VaterAlmwirt Giorgio (72 Jahre) verkauft eigenen Käse
Tag 103: 25.08.2019, Sonntag
Von Quincinetto zur Agriculture Le Capanne. Strecke 5,9 km. Gehzeit 2.30h. Aufstieg 1060 m. Abstieg 20 m. Sonnig und warm.
Nach einem überaus guten Frühstück in Quincinetto lassen wir uns Zeit und müssen auch etwas verdauen. Bald scheint die Sonne und es wird warm. Quincinetto ist im Rotherführer für den GTA als Übernachtungsstation empfohlen. Allerdings sind 2 Hotels geschlossen und dann gibt es nur noch unser Bed&Breakfast mit genau 3 Zimmern (für 6 Personen). Einige Wanderer haben im Zelt am Haus übernachtet. Um 9.30 h starten wir den Aufstieg zur Agriculture Le Capanne, die sich auf einer Höhe von 1400m befindet. Steil, richtig steil über einen alten und steinigen Maultierpfad geht es einfach hoch. Wir haben 1100 Höhenmeter zu bewältigen. Es ist warm und sonnig und in kurzer Zeit fangen wir zu schwitzen an. Unsere T-Shirts sind nach einer Stunde klatschnass. Das ist uns auf allen Etappen bisher so nicht passiert. Wir gehen zügig, machen nur eine kurze Trinkpause und sind nach 2,5 Stunden (kein schlechter Wert für rd. 1100 m im Aufstieg) bei unserer Unterkunft. Dort ist es in der Sonne angenehm, im Schatten fast zu kühl. Die heutige Wanderkleidung wird gleich gewaschen und wir haben einen halben Erholungstag. Die letzten Tage stecken uns schon noch in der Beinmuskulatur. Dafür freuen wir uns auf das Abendessen und die leckeren Speisen, die hier den ca. 50 Speisenden (die mit dem Auto hochgefahren sind) heute am Sonntag innerhalb von 3 Stunden serviert werden. Wir prüfen kritisch die GTA-Wegbeschreibung, weil u.a. auch eine Busfahrt über 9 km vorgesehen ist. Dies ist nicht in unserem Sinne. In Susa (westlich und nahe bei Turin) wollen wir in ca. 9 Tagen eine Pause einlegen und unsere Ausrüstung für die letzten gut 3 Wochen auf Vordermann bringen. Eine Ankunft in Nizza wäre dann zum Ende des Septembers möglich.
Tag 102: 24.08.2019, Samstag
Von der Rifugio Coda nach Quincinetto. Strecke 20,1 km. Gehzeit 6:15 h. Aufstieg 220 m. Abstieg 2140 m. Sonnig mit Wolken, gutes Wanderwetter. Im Aostatal sehr warm.
Von der Rifugio Coda (2280 m) starten wir um 08.30 Uhr. Es ist eine gemütliche, saubere Hütte von zwei Schwestern gemanagt. Die Hütte ist am gestrigen Abend fest in der Hand deutscher Wanderer. Wir sind nur zu siebt. Ein Ehepaar, eine alleinwandetnde junge Frau, neben uns beiden zwei weitere ältere Herren. Gestern haben wir gleich die Wetterküche der Region kennengelernt. Um 08.00 Uhr war es in den Bergen vollkommen klar, die Poebene im Dunst. Schon am Vormittag hat es die feuchte Luft der Ebene dann gegen die Berge gedrückt. In kurzer Zeit bilden sich Wolken mit Gewitterneigung. Heute Morgen ist es wieder klar mit blauem Himmel. Wir haben beschlossen, den langen Weg bis Quincinetto ins Aostatal an einem Stück zu gehen. Wir wundern uns selbst, dass das unsere Knie so durchhalten. Zunächst gehen wir aber aussichtsreich auf die Punta della Sella (2315m). Von hier sehen wir endlich mal den Monte Rosastock jetzt schon im Norden. Im Westen sind Mont Blanc und Gran Paradiso deutlich erkennbar. Wir nehmen dann die Route zum Colle della Lace (2120 m). Dann geht es nur noch abwärts. Im Rifugio Maletto auf 1036 m machen wir um 13.00 Uhr eine Essenspause. Unser Weg zur Dora Baltea im Aostatal führt hinunter bis auf 295 Meter Seehöhe. Tiefer waren wir bisher nur im Val Grande bei Villadossola. Noch tiefer werden wir nur bei unserer Ankunft am Meer sein. Man spürt hier in Qincinetto noch den Hochsommer und den Süden. An dieser Stelle des Aostatals wird angeblich einer der besten Nebbioloweine gekeltert. Das Tal trennt die Walliser Alpen von den Grajischen. Die beherrschende Gebirgsgruppe ist nun die Gran Paradiso Gruppe. Alex ist die Region bekannt durch die Heeresbergführerausbildung, historisch war die Region das Lieblingsjagdrevier des Königs der italienischen Einigung, Vittorio Emanuele Secondo. Damals neben den treibenden Kräften Garibaldi und Cavour Schlüsselperson des Risorgimentos. Um 17.00 h kommen wir in unserer Unterkunft, der Casa Val an. Die La Mamma begrüßt uns herzlich, gibt uns ihr Notquartier, weil sonst alle Zimmer reserviert sind. Serviert Bier, stellt 4 Flaschen im Brunnen kalt und reserviert zwei Plätze in einem Restaurant in der Nähe. Sie reserviert uns auch die Unterkunft für morgen in den Bergen. Eine anspruchsvolle, aber schöne Tour geht mit einem schönen Abendessen und einem Liter Nebbiolo zu Ende. PS: Es gibt noch Bier im Brunnen.
Colle della Lace (2120m)
Tag 101: 23.08.2019, Freitag
Von Oropa nach Rifugio Coda. Strecke 10,2 km. Gehzeit 4.15 h. Aufstieg 1150 m. Abstieg 100 m. Erst sonnig, dann kurz Regen, dann alles feucht, dann bewölkt, Nebel und Wolken.
Das Cafe zum Frühstück öffnet erst um 8h und es gibt ausser Brioches, die nicht gerade die ideale Basis für eine Wanderung sind, nur einen geschmacklosen Toast, wo die Scheibe Schmelzkäse nur die Funktion hat, dass die beiden Toastscheiben zusammen kleben. Geschmacklich existiert der Käse nicht. Dafür hatten wir gestern Abend ein tolles Abendessen. Das Menü für 20€ bestand aus einem Appetizer aus 3 Teilen der Speisekarte, dann gab es eine grosse Portion Pasta Bolognese, als Secondo einen Kalbsbraten oder eine halbe Schweinshaxe mit Bohnen, als Dessert Sorbet, Kuchen etc., dann einen Espresso, einen Liter Mineralwasser, ein Viertel Barbera (rot) oder Arneis (weiss), Brot und Grissini und auch einschließlich dem Coperto. Das war für eine Person. Wir hatten noch einen weitere halben Liter Barbera (gemeinsam), für den wir nicht zahlen mussten. Das nennen wir die richtige Wandererkost zum Tagesausklang und selten waren 20€ besser ausgegeben. Die Qualität war nämlich super und passte zu unserem heutigen kleinen Jubiläum, dem 100. Tag unserer Tour. Umso enttäuschender ist das heutige Frühstück im Cafe daneben. Laut dem Rotherführer startet die Tour am Ende des Seilbahn auf einer Höhe von 1870 m. Oropa liegt aber dummerweise auf einer Höhe von 1148 m. Wir haben die Maxime, tatsächlich jeden Meter vom Stephansdom in Wien bis Nizza zu Fuss zu gehen und nehmen also nicht die Seilbahn, sondern steigen zu Fuss hoch. Der Himmel ist blau und fast wolkenlos und wir freuen uns auf einen Tag mit gutem Wetter und ohne Regen. Es sind also gut 700 Höhenmeter auf einer aufgelassenen Fahrstrasse und dann einen gut erkennbaren Steig hoch bis kurz unterhalb der Seilbahnstation zum Refugio Rosazza, wo wir nach 2 Stunden um 11h ankommen. Wir lassen uns ein leckeres grosses Brot mit Salami bzw. Salami und Käse richten und trinken dazu Mineralwasser. Schmeckt prima zu erstaunlich günstigen Preisen. Währenddessen ziehen Wolken vom Tal hoch und wir starten nach 20 Minuten in Wolken bzw. im Nebel. Die Sonne ist weg. Wir überlegen, im Refugio Savoia zu bleiben, falls es gleich zu regnen beginnen sollte. Wir wollen aber zum Rifugio Coda weiter, die gut 2 Stunden entfernt sein soll. Freuen uns, dass die Wolkendecke aufreisst und wir gehen schnell weiter. Erst ist es erst mal ein bequemer Wanderweg mit erstaunlich vielen Tagestouristen (per Seilbahn), dann biegt aber ein schmaler, gut erkennbarer und beschildeter Wanderweg ab. Im stetigen Ab und vor allem Auf sind wir bei viel Steingeröll so eine halbe Stunde unterwegs, als es wie aus heiterem Himmel (bzw. aus der Wolkendecke) sehr schnell und heftig zu regnen beginnt. Schnell wird die Regenkleidung angezogen, aber dennoch werden wir auch nass. Im Regen über die Steinfelder zu gehen ist nun wesentlich unangenehmer. Schnell sammelt sich auch Wasser auf dem Trampelpfad. Weiter hinauf und hinab, auch teilweise mit Ketten und Seilen für die Hände oder mit eisernen Trittstufen an einzelnen Felsen führt uns der Weg. Trocken war der Weg viel leichter zu gehen, aber er ist insgesamt gut gepflegt. Fast schlagartig hört der Regen nach einer Viertelstunde auf, aber dann ist halt schon alles nass. Meist in Wolken mit mäßiger Sicht geht es hinauf auf 2280 m, wo urplötzlich nach einer Biegung das Rifugio Coda wie eine Fata Morgana kurzzeitig zu sehen ist. Da ist es kurz nach 14h und der Holzofen bollert, die trockene Wärme ist sehr willkommen und wir können unsere nassen Sachen trocknen. Wir erhalten ein Zimmer mit 2 Stockbetten für uns alleine (unser Zimmer heisst Monte Rosa, das ist der Gipfel, den wir die ganze Zeit nicht sehen, den es aber angeblich geben soll), trinken 2 Biere (Dosen, da Versorgung per Hubschrauber) und wollen nicht mehr hinaus in Nebel, Feuchtigkeit und Kälte. Zurück zu den Basics des Wohlbefindens, also des Feuerplatzes.
Tag 100: 22.08.2019, Donnerstag
Von Piedicavallo nach Oropa. Strecke 17,9 km. Gehzeit 4.30 h. Aufstieg 480 m. Abstieg 230 m. Bewölkt und trocken. Gutes Wanderwetter.
Start ist um 08.45 Uhr. Das Walser Land haben wir nun endgültig hinter uns gelassen. Von Piedicavallo geht es über die Via Roma rasch nach Rosazza. Rosazza ist eine Gemeinde mit rund 90 Einwohnern in der italienischen Provinz Biella, Region Piemont. Zwischen 1901 und 2001 fiel die Einwohnerzahl dramatisch von 1.036 auf rund 90. Wir gehen dann durch das Val Cervo auf der GTA bis zum Kloster San Giovanni. Von dort gibt es einen stillen Weg zum Kloster Oropa. Er führt über den aussichtsreichen Colle Cucco (1247 m). Dort steht man direkt über der Poebene und schaut auf Biella hinunter. Unser Wanderführer gibt an, dass hier auf Initiative von Reinhold Messner 1987 die Naturschutzorganisation „Mountain Wilderness“ gegründet wurde. Das Kloster Oropa (1159 m) ist ein Wallfahrtsort, der (wieder einmal) einer Schwarzen Madonna geweiht ist. Er gehört seit 2003 zusammen mit weiteren acht Sacri Monti im Piemont und der Lombardei zum italienischen UNESCO-Welterbe. Wir kommen um 15.00 Uhr an und finden im Kloster eine saubere, ordentliche Unterkunft. Die Etappe heute war etwas leichter, das Wetter OK und es gab auch keine dominanten Schutzhunde. Auch sonst mussten wir keine Abenteuer überstehen. Etwas Erholung tut uns nach anstrengenden Tagen gut. Übrigens: Einige Leser fragen, was aus unserem Nizzaaspiranten Dietmar geworden ist. Ihm geht es gut, wir halten Kontakt. Er ist uns etwa 16 Etappen voraus.
Tag 99: 21.08.2019, Mittwoch
Von Val Vogna nach Piedicavallo. Strecke 22,8 km. Gehzeit 8.00 h. Aufstieg 1210 m. Abstieg 1470 m. Bewölkt und kühl am Morgen, aber trocken, später zeitweise Sonne.
Erholt und nach einem guten Frühstück starten wir um 8.30h von einer Höhe von knapp 1300m Höhe von Ca di Janzo und gehen die ruhige Fahrstrasse am Rifugio San Antonio vorbei in Richtung Talende bzw. talaufwärts. Wir sind froh, dass es nicht regnet. Es ist bewölkt und noch etwas kühl, also ideales Wanderwetter. Tagesziel ist das Rifugio Rivetti auf 2150m, dazwischen sind allerdings drei Pässe zwischen 2300 und 2500m Höhe zu überwinden. Aber auch die rd. 16 km sollten kein Problem für uns sein. Wir gehen zügig und sehen die letzten Walserhäuser, denn nun machen wir den Schritt ins Aostatal. Es wird auch Zeit. Nach der Napoleon-Brücke, die französische Soldaten im Jahr 1800 gebaut haben, um leichter und schneller nach Norditalien kommen zu können, geht es ständig für fast 3 Stunden bergauf. Nach jeder Hochebene folgt die nächste Hochebene mit besonderen Rinderrassen (Galloway?). Die Sonne scheint und das ständige Ansteigen ist anstregend. Bevor wir den Pass auf 2495m erreichen (Passo del Maccagno), müssen wir noch einige grössere Geröllfelder überwinden. Gegen 12h stehen wir oben. Dann gehts steil abwärts und Rudi findet es nicht nachvollziehbar, dass die anschliessend ersten 20m dann weder mit einem Seil noch mit Steinen oder Stufen begehbarer gestaltet worden sind. Bei Nässe wäre diese Passage eigentlich nicht gehbar. Dies ist für einen allgemeinen Wanderweg wie den GTA nicht angemessen. Der Weg führt über ein weites Hochtal, voll mit Schafen und Ziegen (auch ca. 7 Esel am Rand). Kaum nähern wir uns der Herde, stürzen 5 grosse weisse Hunde, die die Herde eigentlich vor Wölfen schützen sollen, bellend und aggressiv auf uns zu. Wir haben die Verhaltensregeln vor einigen Tagen gelesen, drehen uns rum und gehen langsam weg (nicht laufen, Hunde nicht anschauen). Gar nicht angenehm! Sie verfolgen uns eine Weile und wir umrunden grossräumig die Herde. Sehen auch, dass eine grosse Hündin einen ganz kleinen Hund im Mund trägt. Sind dann froh, dass wir mit Umweg doch noch wieder auf den Pfad zurückfinden. Es folgen noch zwei weitere Pässe, die wir überqueren müssen und zwar den Colle de Lanzoney (2395m) und den Colle della Mologna Grande (2364m). Blöderweise gehts es dazwischen immer bis zu 150 Höhenmeter runter im Geröll und im Felsengesocks stets runter und wieder hoch, was kräftig auf die Knie geht. Um 15.30h sind wir endlich auf der Rifugio Rivetta (2150m) angekommen. Wir haben schon 6,5 Stunden in den Beinen. Der Tag war hart genug gewesen. Aber: Die Hütte ist voll, kein Platz für uns. Im Tal 1100 Höhenmeter tiefer mit 2 Stunden Abstieg wird ein Zimmer telefonisch reserviert. Wir trinken ein grosses Bier, ziehen unsere feuchten Socken und Schuhe an, während Wolken- oder Nebelschwaden vom Tal hochziehen. Zu allem Überfluss bricht ein Stock bei Rudi so nach 200m. Mal sehen, was da noch zu reparieren ist. Wir beeilen uns und kommen kurz nach 18.45h in Piedicavallo an. Erst mal duschen nach 8 Stunden Wanderung, dann essen und trinken. Der Tag war noch deutlich länger als geplant.
Rudi auf der NapoleonbrückeDas letzte Walserhaus vor dem AostatalRindviecher auf der Alm
Tag 98: 20.08.2019, Dienstag
Von Rima ins Val Vogna. Strecke 16,5 km. Gehzeit 5.20 h. Aufstieg 1090 m. Abstieg 1440 m. Regen am Vormittag, den ganzen Tag Nebel/Wolken.
Wir marschieren um 08.30 Uhr los. Der Wetterbericht hat über den ganzen Tag Regen vorhergesagt. So kommt es am Vormittag auch. Mit Überjacke und Überhose geht es morgens ab der Unterkunft bei Regen steil von 1400 auf 2324 Meter hinauf auf den Colle del Mud. Die Schuhe von Alex ziehen das Wasser auf wie Löschpapier. Nach 30 Minuten sind die Füße nass. Die Schuhe zu wechseln wäre schwierig, da man neue Schuhe schon auch einlaufen sollte. Das trockene Herbsthoch kommt ja nun hoffentlich bald. Zu sehen gibt es bei dem Wetter ausser Regenwolken zunächst nichts. Im Bereich der Alpe Vonco erleben wir dann aber eine Überraschung. Im Nebel etwa 30 Meter vor uns steht ein stattlicher Auerhahn. Das Tier sieht uns auch, flüchtet aber nicht panisch, sondern schlägt sich gemächlich in die Büsche. So können wir ihn etwa eine ganze Minute gut beobachten. Auf dem Pass angekommen, halten wir uns nicht lange auf und gehen gleich weiter bis zur Rifugio Ferioli (2264). Einkehren wollen wir, so nass wie wir sind, nicht und gehen gleich in einem Stück steil rund 1100 Höhenmeter hinunter ins Tal der Sesia nach Alagna. Wir müssen uns sehr stark konzentrieren, denn alles ist nass und glitschig. Die Gefahr auszurutschen ist groß. Es ist erst 13.00 Uhr als wir im Ort ankommen. Aufgehört zu regnen hat es auch. In Alagna essen und trinken wir etwas und beschließen dann, die nächste Etappe gleich mitzumachen. Die ist ohnehin kurz und geht nur 7 km und 260 Höhenmeter ins Val Vogna. Dort übernachten wir nicht in der Posto Tappa, dem Refugio Sant Antonio, sondern kurz vorher im konfortablen Hotel Regina. Den Tipp für diese Unterkunft haben wir von zwei freundlichen italienischen Familien erhalten. Gegen 16.00 Uhr kommen wir an, genießen die heiße Dusche, die Ruhe im Doppelzimmer, dazu ein Bier bzw. Aperol Sprizz. Das Abendessen nehmen wir in einem alten ehrwürdigen Speisesaal zu uns, der mit Holz und Marmorimitaten von Künstlern aus Rima ausgestattet ist. An der Wand steht der Text des wohl berühmtesten Bergsteiger Liedes der Welt: Là su per le montagne, fra boschi e valli d’or, tra l’aspre rupi echeggia un cantico d’amor. Là su per le montagne, fra boschi e valli d’or, tra l’aspre rupi echeggia un cantico d’amor. Na verehrte Leser, wohl sofort erkannt, um welches Lied es sich handelt – oder?
Alex auf dem Colle del Mud (2324m) – nach dem Regen und vor dem langen Abstieg in Wolken/Nebel
Tag 97: 19.08.2019, Montag
Von Carcoforo nach Rima. Strecke 10,5 km. Gehzeit 4.00 h. Aufstieg 1040 m. Abstieg 930 m. Regen am Vormittag, viel Nebel/Wolken, bewölkt.
Es sieht wettermäßig gut aus, als wir um 8.30h starten. Die gestern an den Bergspitzen hängenden Wolken sind nicht zu sehen und wir hoffen auf angenehmes Wetter trotz der skeptischen Wettervorhersage. Unser Programm für heute ist wie in den letzten Tage: Start im Tal, steil 1000 Aufstiegsmeter hoch, dann wieder runter ins nächste Tal. Heisst für heute: von Carcaforo auf 1304 m Höhe rauf auf den Colle del Termo mit 2351 m und runter nach Rima (1416 m). Kaum sind wir nach einer halben Stunde am Fuss des Berges und fangen unseren Aufstieg an, fängt es erst zu tröpfeln und dann zu regnen an. Regenjacke an und Rucksackschutz drüber, später auch die lange Regenhose. So stapfen wir den gut erkennbaren, aber steilen Serpentinenpfad mit viel nassem Gras hinauf und freuen uns, als der Regen nach einer Stunde unvermittelt aufhört. Wir sind aussen vom Regen und innen vom Schweiss nass. Raus aus der Regenkleidung. Angenehm, dass kurzzeitig die Sonne wärmt. Vom Tal kommt Nebel hoch, die Sicht verschlechtert sich und es wird etwas kühler. Vom Regen bleiben wir aber nun verschont. Um 11.45h sind wir auf dem Sattel und gehen sofort weiter. In endlosen Serpentinen am steilen grasbewachsenen Hang auf einem schmalen Pfad, der aber sehr gut in Schuss ist, geht es knieschonend 950m runter nach Rima. Die 5 km vom Pass nach Rima schaffen wir in einer guten Stunde mit viel Tempo und ohne Halt. Dabei müssen wir uns schon sehr stark auf den schmalen Trampelpfad konzentrieren, um beim Gras und am Steilhang nicht auszurutschen. Später im Wald ist der Weg dann breiter. Immer wieder Nebel- oder Wolkenschwaden, die die Sicht auf 20-30m beschränken. Es bleibt aber trocken. Um kurz vor 13h kommen wir oberhalb von Rima runter. Rima ist eines der letzten Walserdörfer auf unserer Tour mit weniger bäuerlichen, sondern eher städtischen Häusern. Diese sind sehr hoch, wuchtig, mit vielen Balkonen. Im Sommer zogen die männlichen Walser als Spezialisten für Steinhauer, Gipser und Maurer in die grossen Städte der Schweiz und Italiens, verdienten gutes Geld und investierten es in Rima. Besonders einträglich für Rima waren die Kenntnisse zur Herstellung und Verarbeitung von künstlichem Marmor und gemessen an der Einwohnerzahl soll Rima 1908 der reichste Ort Italiens gewesen sein. Die Spezialisten aus Rima haben u.a. die prachtvoll geschmückten Wände von Herrenchiemsee und Neuschwanstein mit Stuckarbeiten verziert, die täuschend ähnlich aussehen wie richtiger Marmor. Auch in vielen Kirchen, Palästen und repräsentativen Gebäuden (z.B. Rathäusern) haben die Walser Gips zu Marmor verwandelt und viel Geld verdient. Rima ist also kein „normales“ Walserdorf. Auch wir selbst haben ein Zimmer in einem sehr grossen, hohen (5 Stockwerke) und richtig hochherrschaftlichem Haus gefunden.
Nach dem Regen und bevor die Wolken hochkommenRima – und wir wohnen in dem hohen Gebäude oben im Bild
Tag 96: 18.08.2019, Sonntag
Von der Alpe Baranca nach Carcoforo. Strecke 9,7 km. Gehzeit 3:20 h. Aufstieg 650 m. Abstieg 990 m. Bewölkt, sehr angenehmes Wanderwetter.
Die Alpe Baranca ist Posto Tappa für Weitwanderer und zusätzlich noch voll bewirtschaftet. Man hält Kühe, Ziegen, Schafe, ein Esel und ein Pferd. Vor dem Abendessen erleben wir ein interessantes Spektakel. Der Chef der Alpe lässt die Tiere, die verstreut auf den Almen stehen, mit Hilfe seines Hütehundes zusammen treiben. Der Hund reagiert vor allem auf Handzeichen aber auch auf Zuruf. Bleibt ein Tier zurück, agiert er im Sinne seines Herren auch selbständig. Das Pferd und eine fusskranke Kuh treibt er einzeln in den Stall. Es ist beeindruckend, was das Tier leistet. Die Arbeit der Älpler ist hart. Es gibt keine Melkmaschine, alles wird per Hand erledigt. Nachts müssen die Tiere in den Stall und in die Koppel, auch zum Schutz vor den Wölfen, wie uns der Bauer erklärt. Nun zu unserer Etappe: Heute Morgen geht es von der Alpe Baranca um 08:15 Uhr über den Colle Egua (2239 m) in das Anzasca Tal. Der Baranca See und der Wasserfall sind schon Naturschönheiten, würden aber getoppt vom Blick von der Passhöhe auf den Monte Rosastock. Vom Colle Egua könnte man alle neun Gipfel des Massives, darunter die Vincentpyramide und natürlich die Dufourspitze sehen. Wir haben aber Nebel und sehen gerade 100 Meter weit. Der September mit seinem besonderen Licht, gerade in den Südalpen, steht ja noch bevor. Da werden wir sicher noch entschädigt. Auf dem Weg zum Pass kommen wir an einer großen Schaf- und Ziegenherde vorbei. Die Herde wird von drei riesige Schutzhunden bewacht. Die Rasse nennt man Maremmano-Abruzzese. Am Taleingang stehen dreisprachig Tafeln mit Erklärungen, wie man sich gegenüber diesen mächtigen Tieren verhalten soll. Um die Herde zusammen zu halten und generell als Arbeitshunde setzen die Schäfer hier aber meist Border Collies ein. Nun genug zu den Viechern. Eine erwähnenswert Besonderheit bei den Gebäuden ist die Ruine der Lanciavilla. Der italienische Autokonstrukteur und Rennfahrer kam aus der Region und hatte sich an diesem einsamen Ort eine prächtige Villa als Sommersitz bauen lassen. Die Firma wurde später von Fiat gekauft, das Haus von Lancia ist inzwischen verfallen. Nahe der Passhöhe steht dafür eine neue Biwakschachtel mit 12 Lagern, Holzofen und Gaskocher. Ein junges Ehepaar aus München hat hier, wohl aus ökonomischen Gründen, übernachtet. Von der Passhöhe geht es dann an der Rifugio Boffalora vorbei und in sanftem Gefälle in das archaische Dorf Carcoforo hinunter. Dort kommen wir schon um 13.00 Uhr an und finden Quartier im relativ konfortablen Rifugio Alpenrose. Duschen und Handwäsche sind angesagt.
Die Lancia-Villa oberhalb des BaracaseesEsel kurz vor CarcoforoBlick auf Carcoforo
Tag 95: 17.08.2019, Samstag
Von Rimella zur Alpe Baranca. Strecke 12.0 km. Gehzeit 3:50 h. Aufstieg 920 m. Abstieg 540 m. Bewölkt und nicht kalt, sehr angenehmes Wanderwetter.
Bevor wir vom heutigen Tag berichten, wollen wir noch vom gestrigen Abendessen berichten, denn es endete erst nach gut 3 Stunden nach 23h. Um 20h begann das Menü mit Speck und Salat, dann Apfelküchle mit Largo, dem milden Speck. Eine sehr interessante Mischung aus Frucht, Teig und salzigem Speck. Dann Frittate, auch sauer eingelegtes Rindfleisch mit Bohnen und Mais (sehr herzhaft und geschmackvoll), Caprese, Vitello tonato, Mascarpone fruchtig, Eselssalami, und noch ein paar Vorspeisen, dann Risotto mit Pilzen, Kaninchen (sehr lecker!), sehr mürber Rinderbraten, ein Stück Huhn mit Sauce und natürlich alles mit Beilagen, dann Eis mit Früchten und es endete mit Espresso und Grappa mit Kastanienaroma (die Flasche stand bei uns auf dem Tisch). Der Liter Wasser schon, aber der Liter Rotwein hat uns nicht genügt. Alles ist in ausgezeichneter Qualität und es sind nur so 10 Personen (alles deutsche Wanderer), die das vollständige Menü genossen. Rudi bekommt oft die doppelte Portion, weil er wohl so hungrig aussieht. Erstaunlicherweise können wir trotz vollem Magen prima schlafen. Nur heute Morgen bei einem sehr üppigen Frühstücksbuffet mit Allem können wir kaum was essen. Die Wirtin schneidet uns ein Stück der frischen Apfeltarte herunter, auf den tollen Käse müssen wir leider verzichten. Sie warnt uns auch, dass auf dem Rifugio Baranca ein Fest stattfindet und wir vielleicht eine Stunde weiter ziehen sollten. Sie kann dort aber niemanden erreichen und hat uns auch im Refugio Baranca angemeldet. Zum Abschied schenkt sie uns noch ein kleines Glas mit Honig und eine kleine Salami. Und erst, als wir noch einen Cafe/Espresso zum Abschied hatten, dürfen wir starten. Da ist es schon 9.30h. Ach ja, für unser Doppelzimmer mit Bad plus unglaublicher Halbpension zahlen wir 58€ pro Person. Es ist angenehm bewölkt, aber nicht kalt, und wir folgen auf den alten Walserwegen dem gut ausgeschilderten GTA. Auf der anderen Talseite steigen wir von Rimella (1193m) hoch auf die kleine Siedlung La Res auf einem Sattel in 1493m mit einem tollen Blick in zwei Täler. Viele bzw. die meisten der Häuser in den Siedlungen (z.B. Roncaccio Inferioro oder Superiore oder im Walserdeutsch Ubru oder Obru) sind verlassen und verfallen langsam. Auch Rimella hat – wie uns die Wirtin sagte – nur noch so 60 Einwohner (im Sommer). Von La Res, wo ein Mann mit Hund 10 Milchkühe beim Grasen beaufsichtigt, gehts abwärts ins Tal auf 1093m und dann am Hang entlang durch einige Häuseransammlungen weiter rein ins Tal. Wir gehen ein Stück an der Strasse entlang. Die endet im kleinen Ort S. Maria. Dann etwas steiler hinauf auf guten Wegen und einem schönen Wasserfall vorbei auf ein sich weitendes Tal mit dem Rifugio Alpe Baranca in einer Höhe von 1580m. Dahinter endet das Tal dann auch bzw. morgen gehts dort hoch hinaus auf unserem Weg nach Süden. Wir reservieren um kurz nach 14h unsere Betten im Lager und harren, ob die Feier der Alpini auf der Hütte uns heute Abend irgendwann schlafen lässt.
Speisesaal in Rimella…..vor dem grossen AbendessenRifugio Alpe Baranca
Tag 94: 16.08.2019, Freitag
Von Campello Monti nach Rimella. Strecke 8,7 km. Gehzeit 4:00 h. Aufstieg 650 m. Abstieg 800 m. Vormittags sonnig, nachmittags wolkig, angenehmes Wanderwetter.
Heute starten wir in Campello Monti am Ende des Val Strona zu einer klassischen GTA Etappe. Wir haben für wenig Geld in der ehemaligen Scuola Elementare in Stockbetten übernachtet und gehen um 09.00 Uhr los. Schnell haben wir die rund 600 Höhenmeter zum Pass bewältigt und stehen schon um 10.30 Uhr an der Bocchetta di Rimella (1924 m). So wird der Übergang von den Einwohnern in Campello Monti genannt. In Rimella heißt der Übergang umgekehrt Bocchetta di Campello. Die Walser haben diese Gegend schon ab 1250 besiedelt. Wir erfahren, dass Campello eine Ausgründung von Rimella ist. Bis zum Bau der Kirche in Campello gegen 1551 wurden die Toten über den hohen Pass bis nach Rimella zur Beerdigung transportiert. War der Pass im Winter wegen Schnee nicht gangbar, wurden die Leichen gefroren konserviert und erst im Frühjahr beerdigt. Wenn man die teils verfallenen Siedlungen sieht, bekommt man ein Gefühl für die damals immense Leistung dieses Volkes. Die Steinzeugen der Walser werden uns auch noch über längere Zeit in den kommenden Tagen auf der GTA begleiten. Bei klarem Wetter hat man von der Bocchetta di Rimella eine schöne Aussicht auf die Gruppe des Monte Rosa im Westen. Heute haben wir dort leider einen Wolkenvorhang. Schnell bewältigen wir die 800 Höhenmeter im Abstieg nach Rimella. Heute haben wir sehr viel Glück. Was früher für Bergsteiger der legendäre Philippo in Courmayeur war, ist heute in Rimella die bekannt Albergo Fontana. Das Essen, vor allem die Antipasti, haben den allerbesten Ruf. Wir sind zum Abendessen angemeldet und können 15!!!! Gänge erwarten. Darüber hinaus haben wir in der Albergo wohl das letzte noch freie Doppelzimmer mit Dusche ergattert. Was will man mehr?
Wir sind glücklich über unser Luxuszimmer in Rimella
Tag 93: 15.08.2019, Donnerstag
Von Vogogna nach Campello Monti. Strecke 21,6 km. Gehzeit 7.30 h. Aufstieg 1930 m. Abstieg 830 m. Sonnig, warm mit angenehmer Brise.
Frühstück gab es um 8h, so konnten wir erst um 9h starten. Vogogna liegt im Tal auf ca. 250m Höhe, wir wollen aber zurück auf den GTA und dessen Route führt halt über die Berge. Wir brauchen eine Stunde, bis wir am Fuss der Berge sind. Jetzt soll es erst mal auf 1730m gehen, zu einem Biwakplatz auf dem GTA. Fünf Stunden purer Aufstieg. Klingt nicht gut und ist auch so. Zuerst gehen wir so 1,5 Stunden eine Versorgungsstrasse hoch, immer steil und in Serpentinen. Es ist Niemand und nichts zu sehen. Dann geht es angenehm gerade am Hang auf einer abgedeckten Wasserleitung für fast eine halbe Stunde. Plötzlich weist ein Wegweiser runter von diesem Weg auf einen Pfad, der nicht erkennbar ist. Wir wollen es nicht glauben und gehen ein Stück weiter, bis uns wütendes Hundegebell zurück treibt. Wir trauen uns auf den völlig verkrauteten und zugewachsenen „Pfad“ am Steilhang und kämpfen uns Schrittchen für Schrittchen erst runter und dann wieder hoch. Nach einer schweisstreibenden Viertelstunde erreichen wir zu unserer Verblüffung wieder den ebenen Wasserleitungspfad und kommen hinter dem Haus hoch. Der Hund bellt heftig, ist aber im Zwinger und ein freundlicher Italiener sagt uns auf unsere Nachfrage, dass der weitere Weg nicht so gut sei. Da lag er richtig. Die erste Stunde war noch relativ locker, aber dann suchen wir nur noch nach Schrittspuren in der Hoffnung, dass wir dabei in die richtige Richtung gehen. Um 15h sehen wir das Bivacco de Alpe Lago vor uns. Rd. 1500 Höhenmeter im Aufstieg in 5 Stunden durch mieses Gelände sind geschafft. Es war eine ausgesprochene Qual und dieses Wort ist absolut angemessen. Besonders tückisch sind die Passagen mit langem, überhängendem Gras am Steilhang. Entweder man rutscht auf diesen Gräsern leicht aus. Oder man sieht nicht, wie der Untergrund ist (Stein, Erde, ein Loch) und wie breit der Pfad ist, so dass man auch leicht ins Leere tritt. Wir ziehen unsere völlig verschwitzten Hemden aus, essen Brot und Käse bzw. Wurst, trinken viel und unterhalten uns mit einem Münchner Pärchen, das schon zweimal unseren Weg gekreuzt hat. Klar ist, dass wir nicht im Bivacco (aus hygienischen Gründen) übernachten würden. Die Alternative wäre unser Biwaksack. Kurz vor 16h entschliessen wir uns doch noch, die 3h nach Campello Monti zu gehen. Gemeinerweise gehts erst mal runter, dann hoch über einen Kamm, wieder runter und dann hoch zum Colle dell’Usciolo (2037m) und dann gehts stetig und steil runter auf etwas über 1300m nach Campello Monti. Trotz unserer müden Beine schaffen wir es in 2 Std. und 15 Minuten. Wir sind uns sicher, dass alle Unterkünfte wegen des heutigen Feiertages (Ferragosto) ausgebucht sind und halten schon Ausschau nach flachen Stellen, wo wir unseren Biwaksack aufbauen können. Da sehen wir ein Schild „GTA“, fragen die davor sitzenden Frauen nach einem Zimmer und haben bald den Schlüssel in der Hand für einen ehemaligen Schulraum mit 7 Doppelstockbetten plus Bad. Und: Wir sind die einzigen Gäste! Wir sind in einem Posto Tappa gelandet. Duschen, umziehen, essen und trinken im Restaurant daneben, schlafen mit Hütten- und Daunenschlafsack, unser Abendprogramm orientiert sich eindeutig an unseren Grundbedürfnissen. Die letzten drei Tage waren auch hart: Wir sind fast 77 km gegangen und haben dabei rd. 4250 Höhenmeter im Aufstieg und gut 3700 Höhenmeter im Abstieg bewältigt. Jetzt müssen wir etwas langsamer werden und uns etwas schonen. Trotz unseres Regen- und Pausentages in der Schweiz hat die Umplanung von Alex uns 2 Tage gegenüber unserer eigenen Planung und sogar 3 Etappen gegenüber dem Rother-Führer eingespart und wir bewegen uns vor den Leuten, die wir am Anfang des GTA ständig auf den Hütten getroffen hatten. Und wir folgen nun auf den Spuren von Dietmar, unserem zeitweisen Kollegen, der aktuell so ca. 3 Wochen im Vorsprung ist. Ach ja: Wir sind jetzt auch schon 3 Monate unterwegs.
Unsere Unterkunft in Campello Monti – die ehemalige Schule
Tag 92: 14.08.2019, Mittwoch
Von Domodossola nach Vogogna. Strecke 25 km. Gehzeit 5:40 h. Aufstieg 650 m. Abstieg 680 m. Sonnig, warm mit angenehmer Brise.
Inzwischen haben wir ein gutes Gespür dafür entwickelt, was wir uns zumuten können. Das Marschieren, die Höhenmeter, die Entfernungen, das Gewicht des Rucksacks, die körperliche Anstrengung sind für uns kein Problem mehr. Schließlich sind wir seit 3 Monaten fast täglich im „Trainingslager“. Problematisch sind die Unterkünfte. Derzeit sind alle Hütten auf der GTA chronisch überbelegt. Oft sind organisierte Gruppen unterwegs, die allein schon die gesamte Kapazität für sich in Anspruch nehmen. So haben wir derzeit auf den Hütten der GTA keine Chance einen Platz zu bekommen. Auf unsere Anfrage an die Gattascosa haben wir noch nicht einmal eine Antwort erhalten. Diese Woche ist zudem Ferragosto, da ist ohnehin ganz Italien unterwegs. Zudem ist die Situation in den überfüllten Unterkünften alles andere als angenehm. Vor allem an die hygienischen Verhältnisse in den Toiletten und Waschräumen kann man sich nicht gewöhnen. Die Situation wird die kommenden zwei Wochen anhalten, dann aber wird es mit dem Ende der Ferien in Italien und Frankreich leichter. Wir versuchen das Problem elegant zu lösen. Gestern haben wir nach dem Pausentag zwei GTA Etappen auf einmal gemacht und nachdem wir Vorort die Situation auf der Gattascosa in Augenschein genommen haben, einen Themenweg, den Stockalperweg, bis Domodossola gleich angeschlossen. Heute sind wir entlang des Val Grande bis Vogogna marschiert. Damit haben wir Rifugio Laghetto, die Alpe Cheggio, die Alpe della Colma und das Refugio del Lago ausgespart. Irgendwann wollen wir aber wieder in die GTA einsteigen. Wir werden dies voraussichtlich in Campello Monti oder Rimella tun. Heute geht es nach einem Frühstück in einer Bar (Panini und Americano) erst um 09.30 Uhr los. Von der Innenstadt wandern wir gleich hinauf zu einem UNESCO Weltkulturerbe. Das ist der Sacro Monte von Domodossola. 1656 wählten zwei Kapuziner den Hügel Colle Mattarella oberhalb von Domodosso, um ihn zu einer Wallfahrtsstätte zu machen. Es entstanden zwölf Kapellen mit einem Kreuzweg und eine zusätzlichen Kapelle für die Darstellung der Auferstehung Christi. Auf dem Gipfel des Colle Mattarella erhebt sich auch die achteckige Wallfahrtskirche zum Heiligen Kreuz. Nach Besichtigung der Anlage wandern wir auf einem in dieser Form nicht erwarteten attraktivem Themenweg, der Via dei torchi et dei mulini, oberhalb des Val Grande nach Süden. Wir sehen alte Mühlen und gut restaurierte Granitweiler. Bei Villadossola steigen wir etwa 300 m ins Tal ab und marschieren im Tal dann bis zu unserem Tagesziel Vogogna. Wir geben soviel Gas, dass wir zum Schluss an der Unterkunft vorbeistürmen und dadurch etwa 5 Extrakilometer zurücklegen. Gegen 17.00 Uhr kommen wir an.
Lebensgrosse Figuren auf dem Sacro Monte oberhalb von DomodossolaUralte, ehemalige und verlassene MühleWieder hergestellte und belebte Berghäuser
Tag 91: 13.08.2019, Dienstag
Von Gondo/Schweiz nach Domodossola/Italien. Strecke 30 km. Gehzeit 8.15 h. Aufstieg 1660 m. Abstieg 2210 m. Sonnig mit kaltem Wind in der Schweiz. Sehr gutes Wanderwetter.
Gestern haben wir nichts gemacht, heute dafür mehr als an allen anderen Tagen. Eigentlich klingt es einfach: Von Gondo in der Schweiz von 850m nach Domodossola in Italien auf 280 m. Aber: Zwischen 8.30 und 18.45h sind wir 30 km gegangen und haben fast 3.900 Höhenmeter im Auf- und Abstieg bewältigt. Wir haben die Schweiz nun endgültigt verlassen und sind nun für lange Zeit in Italien. Und das ist gut so. Dies betrifft natürlich nur die Kosten für unsere Geldbeutel. Jetzt aber einen ordentlichen Bericht von diesem Tag. Wir frühstücken sehr gut und üppig und wollen den Bus um 7.50h nach Gondo Kirche nehmen, wo wir vorgestern unsere Tour beendet haben. Peinlich für ehemalige Nahverkehrsexperten, dass sie das Kleingedruckte nicht gelesen haben, dass dies ein Rufbus ist und zwei Stunden vorher angefordert werden muss. Um 8.07h kommt der Postbus regulär. Es verspricht ein sonniger Tag zu werden, aber es weht ein kräftiger und kalter Wind. Um 8.30h setzen wir unsere Wanderung ab Gondo fort mit einem gleich steilen Aufstieg auf das Seitental von Zwischbergen. Ein ganz enges und dunkles Tal und wir bleiben auf der wenig befahrenen Strasse, um möglichst schnell voran zu kommen. Nach einer guten Stunde nehmen wir uns den Passo di Monscera mit einer Höhe von 2080m vor. Der Weg ist gut beschildert und leicht zu gehen, vor allem geht der Aufstieg direkt hoch zum Pass mit Hunderten kurzer Baumstämme auf den letzten 300 Höhenmetern, so dass es wie eine fast endlose Treppe wirkt. Das geht aber kräftig in die Oberschenkel! Verschwitzt, aber erleichtert verlassen wir den zugigen Pass sofort und befinden uns nun auf einem lieblichen Hochtal mit kleinen Seen in Italien. Der kalte Wind ist in der Schweiz geblieben. Viele Tagesausflügler und das Rifugio Gattascosa, die mal eine Übernachtungsmöglichkeit in unseren Planungen war, ist voller Ausflügler, klein und ein touristischer Hotspot. Es ist 12.30h und wir waren echt schnell unterwegs. Jetzt liegen nur noch 20 km und 1700m Abstieg vor uns. So schaffen wir es locker runter ins Tal. Dachten wir. Nach dem grossen Touristenparkplatz essen wir unseren gestern in der Sennerei gekauften Käse mit einem kernigen Roggenbrot und machen uns nach 30 Minuten Pause auf zum weiteren Abstieg. Mal die Fahrstrasse, dann fast senkrecht und kniebelastend durch Wiesen und Wald und bald sind leider die Orientierungen kaum noch zu finden. Ein alter Maultierpfad, über den Waren zwischen der Schweiz und Italien jahrhundertelang ausgetauscht wurden, bringt uns in eine Höhe von 7-800m. Hier wird es dann ganz schwierig und im stetigen Auf und Ab auf meist schmalen Pfaden im Wald am Steilhang suchen wir entlang verfallener Häuser den Abstieg bzw. den Weg nach Domodossola. Menschen sind für Stunden fast keine zu sehen. Ebenso wenig Strassen. Alles musste hier von Menschen oder Tragtieren transportiert werden. Wir sehen viele schon lange verlassene Häuser und z.T. alle paar Hundert Meter ein der Maria geweihtes und gross ausgebautes Marterl. Diese und ab und zu eine Kirche sind noch intakt und nicht verfallen. Wir sind nun auf dem Stockalperweg am Hang unterwegs. Weitere Wege ins Tal gibt es keine oder wir finden sie halt nicht. Um 16h ein Schild „Domodossola 3 h“. Runter zur alten Brücke, wieder hoch zum Weg, immer so in einem Bereich zwischen 850 und 700m bewegend. Am Ende eines eng bebauten Bergdorfes, wo die Hunde nur bei uns bellten und nicht bei den Dorfbewohnern (möglicherweise riechen wir so unbekannt) beginnt eine schmale Fahrstrasse, die auch in engen Serpentinen abwärts führt. Wir folgen ihr, gehen dann mal wieder Wege durch den Wald und nach einem endlos erscheinenden Weg, wo wir Domodossola zwar häufig sehen, aber auch dem Tal irgendwie nicht näher kommen, haben wir es bis 18.45h und mit heissen Sohlen ins sehr warme Domodossola geschafft. Da war dann nur noch duschen, frische Kleidung, essen und trinken und schlafen auf dem Programm. Nicht mal mehr zur zentralen Piazza für ein Absacker haben wir es noch geschafft.
Der Stockalperturm in GondoDas Tal von ZwischbergenMittagszeit auf der Rifugio Gattascosa
Tag 90: 12.08.2019, Montag
Wegen ganztags prognostizierter starker Regenfälle und Gewitter pausieren wir heute.
Für heute ist über den ganzen Tag zu neunzig bis hundert Prozent Wahrscheinlichkeit Regen angesagt. Dazu starke Gewitterneigung. Heute zu gehen, wäre eine reine Härteübung und zudem wegen der Blitze auch noch gefährlich. Wir müssen ja nicht gehen, sondern sind zum Vergnügen unterwegs und haben Zeit – welch ein Glück! Deshalb beschließen wir bei einem hervorragenden Frühstück heute zu pausieren, zumal für morgen wieder gutes Wetter prognostiziert ist. Morgen werden wir dann in Gondo exakt an der gleichen Stelle weitergehen, wo wir am Sonntag aufgehört haben. Unser selbst auferlegten Credo lautet weiter: Jeder Meter von Wien nach Nizza wird lückenlos zu Fuß bewältigt, kein Fahrzeug, kein Schiff, keine Bergbahn. Exkursionen an Pausentagen oder bei fehlender Unterkunft sind motorisiert natürlich erlaubt, sofern wir immer dorthin zurückkehren, wo wir den Fussmarsch zuvor beendet haben und auch von dort weitergehen. Die freie Zeit heute nutzen wir für die Überplanung der Etappen. Wir fühlen uns inzwischen stark genug, zwei Etappen an einem Tag zu erledigen. Genau das haben wir für morgen vorgesehen. Auch kulturell sind wir heute aktiv und besuchen ein Heimatmuseum. Wir erfahren einiges über den Simplon Pass. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts wurde der Saumpfad über den Pass vom Inhaber des Salzmonopols Kaspar Stockalper ( eine Schweizer Fuggernatur) ausgebaut,. Die Ware wurde in dieser Zeit mit Maultieren über den Pass geführt, eine im Wallis bis ins 20. Jahrhundert gebräuchlich Methode. Der Pass bekam seine überregionale Bedeutung erst, nachdem Napoleon I. 1801–1805 eine befestigte Passstrasse hatte bauen lassen, um den Pass für seine militärischen Zwecke zu nutzen. Der Simplon war die kürzeste Verbindung von Paris nach Mailand. Seit dieser Zeit war der Simplon mit Postkutschen befahrbar. Im September 1910 überflog Jorge Chávez Dartnell von Brig kommend den Pass, überquerte damit erstmals mit einem Motorflugzeug den Alpenhauptkamm und stürzte bei der Landung in Domodossola aus 10–20 m Höhe ab. Am heutigen Tag machen wir bei dem trüben Wetter keine Fotos, dafür stellen wir einige bunte sonnige Bilder von schönen Alpenblumen, die wir am Wegesrand gesehen haben, ein.
Tag 89: 11.08.2019, Sonntag
Von der Alpe Veglia nach Gondo in der Schweiz. Strecke 20 km. Gehzeit 6:30 h h. Aufstieg 900 m. Abstieg 1730 m. Sonnig am Morgen, dann bewölkt und oftmals nebelig. Zum Glück hat es fast nicht geregnet.
Die Sonne schien auf die gegenüberliegende Bergkette mit dem Monte Leone (3553m), als wir um 8h nach einem italienischen Frühstück (leider mit einem unglaublich schlechten Kaffee, ganz unitalienisch) starteten. Das Hochtal von Veglia (1760m) sollte für einen Staudamm geflutet werden, ist jetzt aber ein Naturschutzgebiet. Der angenehme und bequeme Weg ging nach einer halben Stunde über in einen steilen Pfad. Unten stand als Warnung, dass der Weg nur was für trittsichere, geübte Wanderer wäre. Der Hinweis war berechtigt. So ca. 14 andere Personen aus dem Rifugio nahmen die gleiche Route. Über eine schöne Hochebene kamen wir gegen 12h am Passo dei Gialit (2225m), wo uns dann etwas die Beschilderung verwirrt bzw. im Stich lässt. Klar ist, dass wir von 2200m runter müssen nach Gondo (855m). Nur wo? Entlang des Kamms schaffen wir es bis zur Alpe Corwetsch (2025m). Das Tal unten ist sehr eng, die Wände steil abfallend und vielfach ist kein Talboden von oben zu erkennen, weil alles so steil ist. Endlich steht da mal Gondo, und wir gehen in den Steig abwärts. Wald, Steinfelder, Kletterhilfen, es geht gut erkennbar, aber im stetigen Auf- und Ab doch verdammt langsam abwärts. Nach einer Stunde machen wir Pause an einen verfallenen Haus, um unseren Knien mal Erholung zu gewähren. Wir sitzen eine Viertelstunde da, sprechen nichts und hängen unseren Gedanken nach. Rudi stellt fest, dass die Vielfalt bei Schmetterlingen, Raupen, Grashüpfern auch bei Ameisen gegeben ist. Er hat noch nie so kleine, winzige Ameisen gesehen und auch nicht so grosse Ameisen, die locker 20x grösser sind als die winzigen Ameisen. Dann starten wir wieder, aber leider in die falsche Richtung. Weitere 45 Minuten am Hang und abwärts entlang, bis ein Schild uns wieder zurück schickt. Kurze Diskussion, dann schnell und schwitzend in 35 Minuten zum verfallenen Haus und dann rd. 900m runter bis Gondo, wo wir ziemlich kaputt (besonders die Knie) um 17.00h ankommen. Hier endet heute unsere Tour, die wir morgen an dieser Stelle wieder fortsetzen. Es war heute viel anstregender, als es die nackten Daten erkennen lassen. Nach Biwak und Hütten haben wir ein Hotel in Simplon Dorf gebucht, wohin wir nach 18.00h mit dem Postbus losfahren. Eine heisse Dusche ist etwas wundervolles.
Typische Häuser auf einer AlmMonte Leone (3553m) am MorgenUnsere Übernachtung: Rifugio Citta di Arona
Tag 88: 10.08.2019, Samstag
Von der Alpe Devero zur Alpe Veglia. Strecke 15 km. Gehzeit 5:30 h. Aufstieg 1160 m. Abstieg 1020 m. Zu Beginn Regen, dann bewölkt, teilweise sonnig. Nach dem Regen gutes Wanderwetter.
Die erste Biwaknacht liegt hinter uns. Das war eine spannende Erfahrung mit unseren neuen Behausungen, einer Mischung zwischen Biwaksack und Zelt. Pünktlich morgens um 06.30 Uhr, also zu einem ungünstigen Zeitpunkt, fängt es auch noch zu regnen an. Zunächst leicht, dann immer stärker. Ein Zelt im Regen abzubauen macht keine Freude. In Windeseile packen wir wortlos unsere sieben Sachen zusammen und retten uns zunächst in ein großes, leeres Indianerzelt, das in etwa 150 m Entfernung auf dem Platz aufgebaut ist. Dort beraten wir, wie der heutige Tag anzugehen ist. Zunächst gehen wir in die Bar Fattorini italienisch frühstücken. Italienisch bedeutet in diesem Fall, dass der Kaffee gut ist und man alles andere getrost vergessen kann. Bei der Rückkehr auf den Campingplatz empfängt uns der Eigentümer mit seinem Sohn. Sie haben von unserem Vorhaben gehört und wollen unbedingt ein gemeinsames Foto für Ihre Facebookseite. Symbolisch überreichen Sie uns auch noch einen Siegerpokal. Nicht nur hier erfahren wir von den Italienern sehr viel Freundlichkeit und Gastfreundschaft. Außerhalb vom Massentourismus sind das herzliche Menschen. Nach der Siegerehrung, der Regen hat mittlerweile aufgehört, starten wir um 09.00 Uhr vom Campingplatz und gehen einen schweißtreibender Anstieg in das Buscagna-Hochtal. Es ist schön hier, noch schöner wäre es bei gutem Wetter. Ein junges Schweizer Paar kommt uns entgegen. Sie sind Ende Mai in Ventimiglia gestartet und gehen die GTA von Süden nach Norden. Sie erzählen uns, dass sie unterwegs einen alleinwandernden Deutschen getroffen haben, der auch nach Nizza will. Alle Beschreibungen passen auf Dietmar. So klein ist die Weitwandergemeinde. Über sumpfige Wiesen geht der Aufstieg nun zum Sattel Scatta d’Orogna, wo sich normalerweise ein sagenhaftes Panorama öffnet. Wir sehen heute nur Wolken und müssen uns auf die Wegfindung konzentrieren. Hinter dem Sattel folgt ein kurzer Abstieg, dann ein kurzer Anstieg auf den Passo di Valtendra (2222 m). Wieder geht es über etliche Schneefelder bis wir in das Tal der Alpe Veglia schauen können. In engen Serpentinen erfolgt der Abstieg. Durch Lerchenwald erreicht man die bewirtschaftete Alm Plan Du Scricc. Die GTA führt nun immer parallel zum rauschenden Bach zur Alpe Veglia, wo wir um 16. 00 Uhr ankommen. Wir bekommen einen Platz im Lager der Refugio Citta di Arona. Die Hütte ist voll, unser Lager natürlich bis auf die letzte Matratzeiin drei Stockwerken belegt. Waren wir zu Beginn der Tour oft die einzigen Gäste, können wir uns nun über fehlende Mitwanderer nicht beklagen. Ab Ende August wird sich das alles wieder entspannen.
Unsere BiwaksäckeOrt des Abendessens und des FrühstücksTypisches Almhaus
Tag 87: 09.08.2019, Freitag
Vom Refugio Margaroli zur Alpe Devero. Strecke 15,7 km. Gehzeit 4.30h h. Aufstieg 510 m. Abstieg 1040 m. Gutes, sonniges Wanderwetter.
Gegen 8.30h brechen wir nach einer wenig erholsamen Nacht im stickigen, warmen Zimmer auf und steigen am Rand des Lago Vannino stetig auf. Die Sonne scheint, die Berge spiegeln sich im See, Wolken sind fast keine zu sehen. Vom Rifugio in 2200m erreichen wir nach knapp 2 Stunden den Pass (Scatta Minoia) in einer Höhe von 2599m. Einige Schnee-und Geröllfelder sind dabei zu bewältigen. Der Weg ist aber gut ausgeschildert und gut zu erkennen. Am Pass dann das (Notfall)Bivacco Ettore Conti, das wir auch nur im Notfall nutzen würden. Anders als sonst, sind einige Personen oder Gruppen vom Rifugio Margaroli mit dem gleichen Ziel gemäss den Etappen des GTA unterwegs. Am Pass ist es windig und kühl, aber bald gehen wir wieder nur in T-Shirt und kurzer Hose. Nach einem steileren Abstieg über steinige Wege wird das Tal sehr breit und wir können den Wegen entlang von Wiesen folgen. Allerdings ist es ein sehr einsames Tal mit vielen Bachläufen. Wir machen so 20 Minuten Rast an einem alten Steinhaus und geniessen die Weite, die Ruhe und die Sonne. Dann folgen wir der steilen und steinigen Versorgungsstrasse und sind bald auf gut 2200m bei der Alpe Forna, wo wir den sehr schön gelegenen Lago di Devero inmitten dichter Nadelwälder (es ist schön, mal wieder Wald zusehen) von oben sehen. Auf einem angenehmen Weg oberhalb des Sees kommen wir um 13.15h in Crampiolo (1773m) an, das einen Agroturismo anbieten soll. Vorher lädt ein junger Bauer, den wir weit oben schon mal gesehen hatten, runde Käselaibe von ca. 20cm Durchmesser in einen Kellerraum. Er zeigt uns auch den zweiten Raum, wo die Laibe geschrumpelt liegen, die die üblichen 2 Monate Reifezeit schon absolviert haben. Wir bekommen Hunger und gehen schneller. Crampiolo mit sehr schön renovierten Häuser, daneben auf alt getrimmte neue Häuser, ein richtig kleines Dorf wie früher mal und absolut voll von Touristen. Hier hätten wir gerne übernachtet, aber es gibt keine Zimmer mehr. So essen wir sehr gemütlich eine grosse und ausgezeichnete Käse-/Speck-/Schinken-/Salamiplatte mit eingelegten Antipasti, trinken gemeinsam einen halben Liter sehr guten Rotwein (natürlich auch Wasser) plus 2 Espressi, für die wir 21€ zu zahlen haben. In der Schweiz hätte uns dies (in schlechterer Qualität) mindestens 60€ gekostet. So gestärkt gehen wir bequem die restlichen 30 Minuten bis Alpe Devero (1634m), wo wir uns ab 15h bei dem schönen Wetter für den Campingplatz und unseren Biwaksack entscheiden. Am Rande neben dem Bach bauen wir es auf, duschen, waschen einige Kleidungsstücke und sind gespannt, wie die Nacht im Biwaksack sein wird. Wir haben Mühe, alle unsere Ausrüstung (auch Rucksack und Schuhe) in dem 2,20m und oben 0,80m (unten 0,60m) breiten Biwacksack unterzubringen. Schliesslich sollen wir da ja auch noch rein.
Käsekeller (die Frischlinge)Die Kleinigkeit zum MittagessenCriampiolo
Tag 86: 08.08.2019, Donnerstag
Von der Capanna Corno Gries zur Refugio Margaroli. Strecke 17,00 km. Gehzeit 5:50 h. Aufstieg 990 m. Abstieg 1120 m. Gutes, sonniges Wanderwetter.
Nach einem mageren Frühstück starten wir um 07.30 Uhr von der Hütte. Nach dem gestrigen Regenwetter ist es heute sonnig, aber auf über 2000 Metern morgens noch relativ frisch. Weil wir etwas frieren, geben wir Gas und sind deshalb schon nach 45 Minuten auf dem Passo del Corno (2500 m). Das ist der erste von drei Pässen, die wir heute überschreiten. Nach 30 weiteren Minuten stehen wir dann am Griespass mit schönem Ausblick zum Stausee und auf die Gletscherwelt. An der Passkapelle ist Richard Wagner eine Gedenktafel gewidmet, der sich im Jahr 1852 hier noch über Gletschereis über den Pass quälte. Über den Griespass ging früher ein Saumweg. Die Schweizer transportierten ihren aromatischen Hartkäse, den Sbrinz nach Italien. Er ließ sich auf den Märkten in Mailand gut verkaufen. Im Gegenzug nahm man Rotwein mit. Mit Eröffnung des Gotthard im Jahr 1882 brach dann der Handel über den Griespass ab. Am letzten Sonntag fand hier ein Walslserfest statt, zum Gedenken an die frühere alljährliche Wallfahrt der Pomatter zum Kloster Einsiedeln. Nun steigen wir in schöner Landschaft aussichtsreich 700 m ab zum Lago di Morasco. Im Stausee verschwand 1940 das ganze Dorf Moraschg, damals die höchste Siedlung der Pomatter. Nun geht es zunächst angenehm halb um den Stausee herum und dann ungewöhnlich anstrengend steil 700 m hoch zum Passo Nefelgiu (2583 m). Wir queren dabei zahlreiche Schneefelder, die allerdings alle harmlos sind. Vor unterspülten Schneebrücken mit ungewisse Statik halten wir uns allerdings fern. Von der Passhöhe erreichen wir nach 40 Minuten in steilem Abstieg das Rifugio Margaroli (2196m) um 14.15 Uhr. Die Hütte ist ausgebucht. Wir haben keine Reservierung. Überhaupt merkt man, dass wir nun mitten in der Urlaubssaison sind. Es sind sehr viele Wanderer unterwegs. Ab Ende August werden wir wieder leichter Schlafplätze finden. Wo und wie wir heute Abend nächtigen, wissen wir zunächst nicht. Der freundliche Wirt bietet uns an, in seinem privaten Schlafraum mit ihm zusammen zu nächtigen, warnt uns aber, dass er ein starker Schnarchen sei. Wenn das keine gelebte italienische Gastfreundschaft ist. Die Frage, wo seine Moglie schläft, bleibt unbeantwortet. Wahrscheinlich hat sie den Schnarcher ausquartiert. Schließlich bekommen wir im Lager gegen 18.30 Uhr überraschend doch noch zwei Matratzen zugewiesen, weil zwei Wanderer nicht gekommen sind. Rudi schläft im dritten Stock direkt unter der Decke des Zimmers. Unsere Mitbewohner sind alles alte Männer, die schnarchen und nachts oft raus müssen. Wahrscheinlich steht uns keine ruhige Nacht bevor. Das Abendessen und der Rotwein sind wenigstens gut, über die hygienischen Verhältnisse in den Waschräumen mit bei uns nicht mehr gebräuchlichen Stehklos breiten wir den Mantel des Schweigens. Hilfreich ist manchmal an ungewohnten Orten unsere trainierte Oberschenkelmuskulatur.
Blick vom Griespass nach SüdenUnsere Hütte (links unten)
Tag 85: 07.08.2019, Mittwoch
Von Airolo zur Capanna Corno Gries. Strecke 20, 5 km. Gehzeit 5.30 h. Aufstieg 1170 m. Abstieg 110 m. Wolken, meist Regen, nur kurze Auflockerung.
Die Pausentage haben uns nach 1.250 km und 59.000 Höhenmetern im Aufstieg gut getan. Vor uns liegen noch ca. 800 km und 53.000 Höhenmeter bis Nizza, wo wir Anfang Oktober ankommen wollen. Unsere Rucksäcke sind nun etwas schwerer für die fast 5 Wochen bis Susa, wo wir noch eine Pause einplanen. Die Schuhe bzw. Sohlen machen nur so 1200-1400 km mit. Rudi hat ein Schuhpaar mit einem Riss an der Seite (Ergebnis eines Stockstiches) entsorgt und geht mit Schuhpaar Nummer Zwei, Alex hat sich komplett neue Sohlen auftragen lassen. Dietmar, unser zeitweiser Begleiter, hat sich schon vor zwei Wochen neue Schuhe besorgen müssen. Heute gibt es einen Tag in voller Regenbekleidung. Beim Start in Airolo (1100m) regnet es und bis zur Hütte auf 2330m ändert sich nicht viel. Regen, Nieselregen bei tiefhängenden Wolken, kurze Regenpausen, nur die Sonne sehen wir heute nicht. Es ist kühl, aber zumindest bläst kein Wind. Wir nehmen den talnahen Wanderweg (strada bassa) und entlang der Nufenen-Strasse oder auch direkt dort (es ist nur wenig Verkehr) geht es langsam, aber stetig aufwärts. Wir hören Serien von Gewehrschüssen und sehen dann Gruppen von schweizer Soldaten im Tal, die Schiessübungen in verschiedenen Haltungen und Entfernungen auf Scheiben absolvieren. Auf einem schmalen Wanderweg im Wald kommt uns eine Gruppe von ca. 10 Einradfahrern entgegen. Die Mehrzahl ist zwischen 8 und 12 Jahren alt (auch Mädchen sind dabei) und es muss unglaublich anstrengend sein, am Hang auf dem holprigen, nassen Waldweg rauf und runter auf dem Einrad (mit einem dicken Reifen) unterwegs zu sein. Um 12h kehren wir in All’aqua ein, weil es stark (von oben) regnete, das Wasser auf der Strasse uns (von vorne) entgegen kommt und (unter uns) der Bach rauscht. Auch unter der Regenkleidung sind wir teilweise nass. Nudeln, Käse, Mineralwasser, die Pause von 45 Minuten tut uns gut. Aufgewärmt und gestärkt in einer Regenpause geht es 2,5 Stunden schliesslich steil hoch zur Hütte, wo wir unsere Betten in einem 10er Zimmer raussuchen können. Die Hütte soll voll werden, aber wir brauchen – zumindest für heute – die Regenkleidung nicht mehr.
Von Aquacalda am Lukmanierpass nach Airolo am Gotthard. Strecke 25, 00 km. Gehzeit 6.15 h. Aufstieg 1350 m. Abstieg 1930 m. Zunächst Regen, ab Mittag bewölkt und trocken mit angenehmer Wandertemperatur.
Wir starten gemütlich um 08.45 Uhr in Richtung Airolo. Airolo ist für uns ein Meilenstein auf unserer Alpentraverse. Hier werden wir die dritte mehrtägige Erholungspause einlegen. Das Erreichen unseres finalen Zieles am Mittelmeer ist nun ein grosses Stück wahrscheinlicher geworden. Zunächst geht es aber von Acquacalda am Lukmanierpass hoch zum Passo del Sole auf 2376 m. Der Pass macht seinem Namen heute aber keine Ehre, da sich die Sonne nicht blicken läßt. Er sollte eher Passo della Pioggia heißen, weil es bald ziemlich heftig zu regnen beginnt. Wir ziehen unsere Ganzkörperkondome aus Goretex an. Die werden bald – um bei der anzüglichen Terminologie zu bleiben – aussen wie innen feucht. Die zugesicherten Eigenschaften von Goretex gelten offensichtlich nur unter Laborbedingungen. In der täglichen Praxis ist der Autor dieser Zeilen zu Fuß, auf dem Fahrrad und auf dem Motorrad in Goretexkleidung verschiedener Hersteller mehr als einmal nass geworden. Beim Bergschuh mit Goretex Membran läuft neuerdings das Wasser leicht hinein, dann aber nicht mehr hinaus. Vice versa wäre besser. Nun nach Überschreiten des Passes wird das Wetter im schönen Val Piora aber bald besser. Wir haben nun gute Sicht auf eine der grössten und stillsten Hochebenen der Schweizer Alpen. Das Val Piora mit seinen 28 Bergseen gilt als eine der schönsten Regionen des Tessins und ist bekannt für seinen Pflanzen- und Tierreichtum. Stetig abwärts geht es nun zur modernen und gut geführten Capanna Cadagno auf 1987m. Dort machen wir Mittagspause bei Pasta, Merlot und einem guten Kaffee. Anschließend wandern wir locker zum Ritomsee, dem größten Stausee des Tessins. Über abwechslungsreiche und bestens beschilderte Wege und Steige marschieren wir hinunter nach Airolo, wo wir gegen 17.00 Uhr ankommen. Die fast 2000 Höhenmeter im Abstieg merken wir natürlich in den Knien. Daher sind die nun anstehenden Erholungstage sehr willkommen. Ab jetzt wird sich der Charakter der Tour allerdings etwas verändern. Nun folgen wir über die noch ausstehenden etwa 52 Etappen weitgehend der gut beschriebenen Grand Traversata Alpi (GTA) und die letzten 2 Wochen dem französischen GR 5. Das bedeutet weniger eigene Anstrengung bei der Routenplanung. Die Übernachtungen werden wir nun auch nicht mehr mehrere Tage im voraus reservieren. Das bedeutet einerseits mehr Spontanität bei den Gehzeiten, der Wahl der Übernachtungsorte, der Reaktion auf Schlechtwettertage, andererseits aber auch mehr Risiko, das ein oder andere Mal biwaken zu müssen. Darauf haben wir uns beide mit einer Erweiterung der Ausrüstung eingestellt. Biwakzelt, Isomatte und Daunenschlafsack sind nun immer dabei. Es bleibt spannend. Wir verabschieden uns nun bis Mittwoch, dem 07.08.2019. Dann geht es mit der Tagesberichterstattung weiter. Bis dahin allen Lesern schöne Sommertage.
Am Passo del Sole (2376m)……ohne SonneBlick auf Airolo (rechts der Gotthard)
Tag 77: 30.07.2019, Dienstag
Von der Scaletta Hütte nach Aquacalda. Strecke 22,3 km. Gehzeit 6.15 h. Aufstieg 1210 m. Abstieg 1700 m. Sonne und Wolken, leichte Brise, bestes Wanderwetter.
Nach einer alles andere als entspannten Nacht im Massenlager der Scaletta-Hütte (2200m) starten wir nach einem hektischen Frühstück schon um 7.45h. Die Hütte war mit ca. 50 Personen belegt, für die es genau 1 Toilette gab. Es ist also eher eine frühe Flucht als ein entspannter Start. Ein sehr kalter und starker Wind von der Greina lässt uns dick angezogen losgehen. Wir nehmen den Talweg nach Blenio und da bald die Sonne scheint, wird es schnell wärmer. Nach 9 km und 1000 Höhenmeter im Anstieg sind wir kurz vor 11h im einzigen Cafe von Blenio und trinken etwas, essen dazu auch ein Sandwich. Das tut uns gut, denn jetzt ist die Scaletta-Hütte Vergangenheit. Gestärkt geht es dann richtig steil hoch auf den Passo Cantonil (1937m), was wir nicht in 2, sondern in 1,5 Stunden schaffen. Dafür sind nicht nur unsere T-Shirts verschwitzt. Deshalb machen wir dort eine Pause von 30 Minuten und geniessen die fast lieblichen Berge und Täler mit ihren Wiesen und Wäldern. Alles grün, Schmetterlinge sitzen auf unseren Rucksäcken vor allem an den Stellen, wo wir geschwitzt haben. Keine Mücken oder Bremsen, weil es keine Rinder/Kühe gibt. Die restlichen 3 Stunden sind dann ein permanentes Auf und Ab über verschiedenste Wege, bis wir endlich über das Croce Portera 1958m auf einem schönen Weg in Aquacalda um 16.00 Uhr ankommen. Eine Dusche im Zimmer kann der Himmel sein. Es war heute dennoch eine lange Wanderung mit vielen Höhenmetern bei sehr angenehmen Temperaturen. Zum Abschluss des Tages sehen wir nach einem kräftigen Gewitterregen einen wunderschönen, vollkommen geschlossenen Regenbogen.
Blick von der Scaletta-Hütte auf das Tal von Campo Blenio
Tag 76: 29. 07.2019, Montag
Von Vrin über den Passo Diesrut und die Greinaebene zur Scaletta Hütte. Strecke 18,1 km. Gehzeit 5.35 h. Aufstieg 1480 m. Abstieg 720 m. Sonne und Wolken, leichte Brise, bestes Wanderwetter.
Der Morgen beginnt mit einem guten schweizer Frühstück. Ein Müsli mit frischen Früchten ist auch dabei. Draußen ist es noch neblig, gutes Wetter aber angesagt. Etwas Überwindung kostet es, die vom Vortag noch feuchten Schuhe anzuziehen. Der Wirt hatte kein Zeitungspapier zum Ausstopfem der Schuhe, weil er die Nachrichten digital liest. Ein weiterer, bislang wenig bekannter Nachteil der Digitalisierung: morgens feuchte Bergschuhe. Start unserer Tour ist um 08.15 Uhr. Zu Beginn geht es ca. 3 km der Strasse entlang in Richtung der Weiler Cons und Sogn Giusep (ladinisch – deutsch St. Josef). Jeder Weiler hat nur ein paar Häuser aber immer sein eigenes Kirchlein. Auf dem Weg zum Pass Diesrut (2428 m) lockert das Wetter immer mehr auf. Steilere Abschnitte wechseln sich mit langgezogenen Anstiegen ab. Wir wandern nun vom rätoromanischen/ Walser in den italienischen Sprachraum. Man nimmt an, dass der Pass schon in der Bronzezeit als Übergang genutzt wurde und seit dem Mittelalter ein Saumweg vorhanden ist. Kurz nach der Passhöhe öffnet sich der Blick auf die weite Ebene der Greina. Die Greinaebene ist eine herausragende Naturschönheit. Der Weg senkt sich sanft in die von Flussarmen durchzogene Ebene ab. Die Greinaebene hat zahlreiche Sümpfe, ausgedehnten Weiden und imposanten Bergkulissen. Wir bewegen uns heute fast immer deutlich über 2000 m Seehöhe. Im Bereich des Passo della Greina (2357 m) stehen die gelblichweissen Rauhwacketürme und man sieht plötzlich an den Farben die geologischen Gegensätze: im Norden die kristallinen Gesteine des Gotthardmassiv, angrenzend die hellen Dolomite und südlich die schwarzen Tonschiefer. Vom Pass aus sind es dann nur noch wenige Minuten bis zur Capanna Scaletta auf 2205 m, die wir um 15.00 Uhr erreichen. Zum Schluß noch eine allgemeine Reflexion zum Wetter. Der Bergsteiger steckt in einem Dilemma. Meist ist das Wetter entweder zu warm oder zu kalt, zu feucht oder zu trocken. Nach dem miesen Tag gestern, haben wir heute mal Idealverhältnisse. Sonne und Wolken, mittlere, angenehme Temperatur, kein Niederschlag, abwechslungsreiche, schöne Landschaft. Ein rundum gelungener Wandertag, Alpenspaziergang!
Abschließend ein paar Worte zur Erstellung der Tagesberichte: Das Tippen mit einem Finger auf der Handytastatur zumal nach einer langen Wanderung ist mühsam und fehleranfällig. Dazu kommt die teilweise lästige Autokorrektur. Da wird dann beispielsweise aus einem bitteren Wermutstropfen ein „Wehmutstropfen“. Wir bitten den geneigten Leser deshalb um Nachsicht für die ein oder andere Stilblüte oder Fehler im Satzbau oder Rechtschreibung.
Blick vom Passo Disrut zum Piz PalasDas Greina-Hochtal
Tag 75: 28.07.2019, Sonntag
Von Vals nach Vrin. Strecke 18,8 km. Gehzeit 7.15 h. Aufstieg 1620 m. Abstieg 1400 m. Bewölkt und kühl. Häufig Nieselregen bzw. Feuchtigkeit von Wolken oder Nebel.
Der heutige Tag fällt sicherlich nicht unter die Kategorie „Alpenspaziergang“. Wir gehen seit einigen Tagen und bis Airolo konsequent von Ost nach West, nur dummerweise verlaufen die Täler jetzt von Süd nach Nord. Heisst: Vom Tal hoch über den Berg und wieder runter ins Tal. Bis Airolo (Mittwoch) sind wir dann 22 Tage am Stück gewandert und machen dann ein paar Tage Pause. Trotz des Wetters müssen wir also über den Berg. Nur einmal vorher hatten wir an einem Tag mehr als 3000 Höhenmeter im Auf- und Abstieg zu bewältigen. Die heutige Strecke gliedert sich in 3 Abschnitte. Von Vals (1300m) in 4 Stunden (10km) steil hoch zum Fuorcula da Patnaul (2772m), dann innerhalb von 3km sehr steil runter um 1000m auf 1640m, dann gut 5km im leichten Auf und Ab bis Vrin. Eigentlich schon keine leichte Tour. Allerdings regnete es gestern und in der Nacht und jede Wettervorhersage für die beiden Täler (und natürlich den Gipfel) sagte Regen voraus. Wir kommen erst um 8.45h los, weil es das Frühstück erst um 8.00h geben soll. Wir ziehen neben den kurzen Hosen gleich die Regenhosen an, Rudi erstmals auch mit langärmigen TShirt. Es ist kühl, der Himmel vollständig wolkenbehangen. Ab Vals gehts gleich steil hoch durch nasse, rutschige Wiesen, dann weiter über einige Fahrstrassen und durch Wald. Die grösste Gefahr ist erstmal, nicht auf den vielen (Nackt-)Schnecken auszurutschen. Es fängt bald zu nieseln an und wir ziehen unsere Regenjacken an. Trotz der kühlen Temperaturen kommen wir ins Schwitzen. Der Weg ist gut markiert und wir steigen schnell auf. Wir kommen durch ein Waldstück mit einem angenehmen „Ave Maria Weg“ (die Walser hier im Tal sind stets katholisch geblieben) und kehren auch nicht auf der Leisalm (2100m) ein, sondern ziehen in Richtung Schwarte. Ab hier sind wir auch über der Waldgrenze, es wird feuchter, windiger und vor allem kälter. Es zieht sich, bis wir die fast 2800m auf der Fuorcola Patnaul erreichen, halten uns um 11h dort so bei 5-6 Grad, peitschenden Wind und Feuchtigkeit von oben gar lang nicht auf. Wir waren in 4.15h oben, die Angabe der Tafeln war 5.30h. Die Hoffnung, dass wir das Schlimmste überstanden haben, verflüchtigt sich aber schnell. Für ca. 45 Minuten geht es bei böigen, kalten Wind sehr steil ab über nasse, rutschige Stein- und Geröllfelder sowie sandigem Boden, was kräftig auf die Knie geht. Anschliessend noch 30 Minuten steil über holprige Gras-/Steinflächen, mit Murmeltierlöchern, die ebenfalls sehr rutschig waren. Allerdings war kein besonderer Regen festzustellen und es wurde langsam wärmer. Daher machen wir neben dem Camp eines Schäfers unsere fast einzige Pause und essen auch einen Teil unserer gestern eingekauften Brote. Weil es so feucht war, haben wir fast nichts getrunken. Dann noch eine lange und steile Passage mit hohen Gräsern am Steig, der voller Schaf- und Kuhscheisse war. Der Weg abwärts war viel schlimmer als der Aufstieg. Es tat gut, unten angekommen zu sein und wieder „normal“ über Forststrassen hoch und runter nach Vrin gehen zu können. Eine Viertelstunde vor Vrin kam der Regen zurück (darauf hätten wir gern verzichtet) und wir kamen nass, müde und erleichtert in unserer Unterkunft an. Eigentlich unverständlich, dass eine heisse Dusche so angenehm sein kann, obwohl wir heute genügend Feuchtigkeit bekommen hatten.
Walserhäuser beim Aufstieg zum PatnaulpassBlick auf die Kirche in Vrin bei Dauerregen
Tag 74: 27.07.2019, Samstag
Vom Turrahus im Safiental über den Tomülpass ins Valsertal zum Ort Vals. Strecke 13,5 km. Gehzeit 3.45 h. Aufstieg 710 m. Abstieg 1130 m. Bewölkt, morgens Gewitter mit Regen, dann bewölkt und trocken, angenehme Wandertemperatur.
Das Safiental ist im Sommer als Wander- und im Winter als Skitourendestination interessant. Alex war mit Hans Wecker vor 6 Jahren zu dessem 60. Geburtstag einige Tage zum Skitourengehen hier unterwegs. Unsere Tagestour beginnt um 08.00 Uhr vom Turrahus auf 1700 m und geht Richtung Tomülpass. Es ist zunächst stark bewölkt, dann fängt es leicht an zu nieseln. Wir ziehen die Regenjacken an. Der Regen wird stärker und stärker, Donner und Blitz gesellen sich dazu. Wir beschleunigen unsere Schritte und suchen Schutz. Gerade noch rechtzeitig am Wegesrand entdecken wir einen Kaser. Die Tür lässt sich öffnen und wir können hinein und im Trockenen das Ende des Gewitter und der nun starken Regenfälle abwarten. Dann folgen wir dem sogenannten Polenweg über den Tomülpass (2412 m) nach Vals im gleichnamigen Tal. Der Polenweg heißt so, weil internierte polnische Soldaten maßgeblich am Bau beteiligt waren. Sie leisteten während des 2. Weltkriegs Arbeitseinsätze für die Landesverteidigung im Strassen- und Brückenbau sowie in der Landwirtschaft. Während des Zweiten Weltkrieges nahm die Schweiz ab Juni 1940 ausländische Militärpersonen als Internierte auf und brachte sie in Lagern in verschiedenen Landesteilen unter. Unser heutiges Ziel Vals ist eine walserdeutsche Sprachinsel im rätoromanischen Val Lumnezia. Die Walser sind Nachkommen von Oberwallisern, die vor rund 700 Jahren einwanderten und die höchsten Täler Graubündens besiedelten. Die beiden Walsersiedlungen Vals und Safien waren in früheren Jahrhunderten mit der Aussenwelt nur über hohe Pässe verbunden, weil in Richtung Vorderrhein beide Täler durch unbegehbare Schluchten isoliert waren. Die Etappe verläuft nach dem Gewitter ruhig bei angenehmen Temperaturen. Nach dem Regen kommen viele Alpensalamander (Rudi hat 33 gezählt) aus ihren Verstecken. Die Alpe Tomül ist noch bewirtschaftet. Viele Rinder stehen auf den Almen bis in Höhe von über 2000. Ab Pradätsch (1953 m) sehen wir tief unter uns Vals auf ca 1300 m liegen. In einer knappen Stunde, steil bergab, erreichen wir den Ort gegen 13.15 Uhr. Wir gehen für die anspruchsvolle Tour morgen Proviant einkaufen, betreiben Körperpflege und gönnen unserer Funktionsunterbekeidung eine Handwäsche.
Einer der 33 schwarzen Alpensalamandern, etwa 15-20 cm langZwischen Regen und Sonne auf dem Tomülpass (2412m)Walserdorf Vals mit typischen Dächern aus Granitplatten
Tag 73: 26.07.2019Freitag
Vom Ort Splügen nach Turrahus/Safiental. Strecke 14,5 km. Gehzeit 4.30 h. Aufstieg 1030 m. Abstieg 800 m. Heiss am Anfang, ab Mittag angenehm kühler Wind und teilweise bewölkt.
Das gute Frühstück, das es erst ab 7.30h gab, war der Grund, dass wir erst um 8.45h unterwegs waren. Vom Ort Splügen (1470m) hoch auf den Safienberg (2482m), dann runter zum Turrahus/Safiental (1700m). Klang einfach bei angenehmen Temperaturen. Allerdings geht es gleich ab Splügen konsequent steil – richtig steil – für 45 Minuten in die Höhe und ohne Schatten brennt die Sonne uns direkt auf Kopf und Rücken. Das Gute ist, dass wir schnell Höhe machen. Das Schlechte ist, dass wir nach 5 Minuten schwitzen und uns nach 10 Minuten fragen, warum wir eigentlich unsere Kleidung am Vortag gewaschen haben. Jetzt war sie wieder nass. Irgendwann wird es etwas flacher, kälter wird es nicht. Ein einziger Bauernhof mit neugierigen Kälbern, einigen Ziegen und vielen Schafen am gegenüberliegenden Berghang ist das einzige Zeichen von Leben im immer enger werdenden Tal. Das Blöken der Schafe in einer Höhe von 2000-2400m Höhe begleitet unseren Aufstieg eine ganze Weile. Um 12.00h sind wir auf dem Sattel mit einem alten Militärhaus, wo wir eine längere Trinkpause machen und uns von dem kräftigen und kühlen Wind abkühlen lassen. Gut 2 Stunden geht es dann bergab, erst noch auf schmalen Pfaden mit vielen Steinen und Geröll, dann mehr auf angenehmeren Graswegen. Es ist nun bewölkt und angenehmes Wanderwetter. Ein roter Hubschrauber landet an einem Berghof und verlässt ihn wieder Richtung Tal mit einer Bergziege, Gemse oder Kalb am ca. 10m langen Seil, das an den Hinterfüssen aufgehängt ist (lebend oder tot). An einem See schon fast im Tal kommen wir bei einem schweizer Ehepaar vorbei, das uns anspricht (woher, wohin…). Die Frau sagt zum Schluss, dass wir für sie Helden seien für unser Vorhaben. Das hat uns gefreut. Wir waren schnell und dann bald bei unserer Unterkunft, einem ca. 400 Jahre alten Walserhof (inzwischen natürlich renoviert). Im Garten ein Kübel Bier (0,5 l) und was zu essen. Da kommt das schweizer Paar und wir unterhalten uns eine Weile. Überrascht sind wir, dass sie unser Bier bezahlen. Vielleicht werden sie im nächsten Jahr eine vergleichbare Route versuchen. Der Himmel verdunkelt sich und ein kräftiges Gewitter mit schweren Tropfen donnerte herunter. Und es kühlt kräftig ab. Wir sind froh, dass wir rechtzeitig vorher angekommen sind.
Der einzige Hof zwischen Splügen und Pass, die Stutzalp 2019m Kaputte Brücke auf dem Weg zum SafierbergpassOberes Safiental
Tag 72: 25.07.2019, Donnerstag
Von Montespluga/Italien zum Ort Splügen/Schweiz. Strecke 9,3 km. Gehzeit 2.30 h. Aufstieg 200 m. Abstieg 730 m. Sonnig, leichter Wind, sehr angenehmes Wanderwetter.
Wir sind inzwischen zu Jochgeiern mutiert. Als junge Bergsteiger, die immer nur die Gipfel als lohnende Ziele sahen, haben wir die Bergwanderer, die vornehmlich über Pässe marschiert sind, despektierlich als „Jochgeier“ bezeichnet. Im Gegenzug frotzelte es „Felsenkasper“ zurück. Tatsächlich wandern wir bei der Transversale nur auf wenige Gipfel, dafür aber über zahlreiche Übergängen. Also von Joch zu Joch, von Forcola zu Forcola, von Passo zu Passo, von Col zu Col. Das ist landschaftlich oft sehr schön, historisch interessant und körperlich für uns ältere Semester durchaus herausfordernd. Abgesehen davon, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt, sind wir somit gerne Jochgeier. Gestern Passo di Niemet, heute Splügenpass, morgen Pass Safierberg, übermorgen Tomülpass etc. Während der langen Abende im Advent werden wir in einer Tabelle alle Übergänge während der Tour in einer Liste zusammenstellen. Jetzt ist aber nicht Advent, sondern Hochsommer. Deutschland stöhnt gerade unter der Hitze und erwartet heute die Jahresspitzenwerte. Wir aber haben in der Höhe eher angenehme Temperaturen. In Montespluga starten wir um 09.30 Uhr zum nächsten Pass, dem Splügen. Ein gemütlicher Wandertag steht an. Bis ins 19. Jahrhundert diente der heute noch in weiten Teilen erhaltene Saumweg als einzige Transitroute. Im Winter muss darauf Hochbetrieb geherrscht haben, weil auf den Schlitten mehr transportiert werden konnte als auf Saumpferden. Teilweise erreicht der gepflasterte Weg eine Breite von über drei Metern. Über den Splügenpass nimmt er die Form eines Hang- und Hohlweges an. Mitte der 1990er-Jahre konnte der Saumweg mit Geldern des Schweizer Heimatschutzes saniert werden. Erst nach 1817 wurde der Saumweg durch die moderne Passtraße ersetzt. Das Österreichische Kaiserreich unterstützte den Bau finanziell. Es hatte nach dem Zusammenbruch des Napoleonischen Reiches in der Lombardei und Venetien kurzfristig das Machtvakuum gefüllt. Mit Bau des Gotthard und des Bernardinopasses verlor der Splügenpass nach kurzer Blüte dann rasch an Bedeutung. Bei unserer heutigen Tour erreichen wir nach kurzer Zeit die Passhöhe, dann geht es abwärts bis in den Ort Splügen. Der Splügenpass liegt auf einer Höhe von 2114 m, verbindet Splügen im schweizerischen Rheinwald im Kanton Graubünden (Nordseite) mit Chiavenna in der italienischen Provinz Sondrio sowie dem Comer See (Südseite). Er liegt auf der Trennlinie zwischen Westalpen und Ostalpen. Über den Pass verläuft die Wasserscheide zwischen dem Rhein und dem Po, die hier der Grenze zwischen der Schweiz und Italien entspricht. Im Ort Splügen kommen wir um 12.15 Uhr an. Wir machen uns einen gemütlichen Nachmittag im Schatten des Hotelrestaurant mit kühlen Getränken und leichter Brotzeit. Nun heißt es in den kommenden Tagen weiter „go west“. Schon am Ende des Monats werden wir Airolo erreichen.
Italienisches Flair: Unsere Unterkunft in MontesplugaSaumstrasse Splügen kurz vor der Passhöhe Saumpfad kurz vor dem Ort Splügen
Tag 71: 24.07.2019, Mittwoch
Von Innerferrera/Schweiz nach Montespluga/Italien. Strecke 16,5 km. Gehzeit 4.30 h. Aufstieg 850 m. Abstieg 430 m. Sonnig bei 20-22 Grad, bei bewölktem Himmel sehr angenehmes Wanderwetter.
Nach einem etwas späteren Frühstück gehen wir um 8.30h in Innerferrara (1470m) los. Auf die eine Seite des Tales scheint die Sonne hin und auf dieser Seite gehen wir einen gut beschilderten Wirtschaftsweg steil nach oben. Wir tun dies in gemächlichem Tempo, denn er führt uns in drei Stunden auf den Passo di Niemet (knapp 2300m), der auch wieder die Staatsgrenze zwischen Italien und der Schweiz ist. Und allzusehr schwitzen wollen wir auch nicht. Wir folgen hier den Spuren von Dietmar, der uns gestern Nachmittag leider uns verlassen musste. Im Wald bzw. im Schatten lässt es sich angenehm gehen. Der befahrbare Weg hört an einem Hof mit Pferden, Ziegen (waren gerade irgendwo unterwegs) und wenigen Rindern auf. Dort erfrischen wir uns am ziemlich kalten Wasser. Mit einem markierten Trampelpfad geht es in einem anfangs sehr breiten, später enger werdende Hochtal bis zum Sattel weiter. Um 12.00h sind wir fort und sehen schon das exponiert liegende Rifuggio Giovanni Bertacchi, davor der grosse dunkle Lago Emet mit einigen Anglern. Überraschenderweise mussten wir gleich anfangs noch ein Schneefeld überqueren. Anschliessend war der Weg einfach. Erstaunlich viele italienische Tageswanderer waren zu sehen. Wir essen Nudeln, dazu Wasser und ein Viertel Wein, was wir uns in Italien im Vergleich zur Schweiz auch leisten können. Das war angenehm. So gestärkt gehts dann auf einem sehr gut gepflegten Weg (viele flache Steinplatten) am Hang für 1,5 Stunden runter zum Stausee bei Montespluga (1900m) und unserer Unterkunft. Kurz nach unserer Ankunft regnet es leicht.
Das Pony war neugierigDer Lago Emet, oberhalb das Rifugio Giovanni Bertacchi
Tag 70: 23.07.2019, Dienstag
Von Juf nach Innerferrera. Strecke 18,5 km. Gehzeit 4.15 h. Aufstieg 680 m. Abstieg 1320 m. Wolkenloser Himmel, warm mit teilweise angenehmem Wind.
Wir starten um 08.15 Uhr in Juf. Der Ort liegt auf 2126 m und damit oberhalb der Baumgrenze. Alex hat hier im Frühjahr schon mal eine Woche Skitouren gemacht. Heute ist eine einfache Etappe angesagt. Auf beiden Seiten des Averser Rheins steigen wir in Richtung Innerferrera ab. Am Wegesrand können wir aus nächster Nähe eine Murmeltierfamilie beobachten. Während uns die Alten aufmerksam mustern, üben sich die Jungen in Raufspielen. Ein schönes und seltenes Tiererlebnis. Unterwegs machen wir beim Ort Cresta einen Halt an der Edelweißkirche. Sie ist die älteste, einheitlich romanische Talkirche aus dem ausgehenden 13. Jahrhundert und erfüllte jahrhundertelang die Funktion als Haupt- und Taufkirche. Der auffallend breite Kirchturm mit zweigeschossigem Glockenturm stammt aus dem 18. Jahrhundert und beherbergt drei Glocken noch aus vorreformatorischer Zeit von 1513. Auf schattigen Steigen, zum Schluß bequem auf der restaurierten alten Averser Straße steigen wir zur bemerkenswerten Valle di Lei Brücke ab. Nachdem wir den Wasserfall aus dem Val Starlerla passiert haben, sind wir bald an unserem Ziel in Innerferrera. Gegenüber den letzten Etappen war das heute eine Erholungstour. Einen großen Wermutstropfen gibt es allerdings an diesem Nachmittag. Wir wollten uns heute Abend von Dietmar angemessen mit einem guten Essen und ein paar Gläschen Rotwein verabschieden. In der Alpenrose, dem einzigen Beherbergungsbetrieb in Innerferrera, gibt es kein Zimmer mehr für ihn. So verabschieden wir uns am frühen Nachmittag etwas wehmütig zwischen Tür und Angel und Dietmar zieht alleine weiter. Immerhin sind wir ein Stück eines langen Weges gemeinsam gegangen und haben uns gut verstanden. Deshalb verabreden wir, dass wir elektronisch in Kontakt bleiben und uns auch wiedet einmal persönlich treffen wollen. Dir alles erdenklich Gute Dietmar und ein herzliches Dankeschön für die gemeinsame Zeit!
Edelweisskirchlein in Cresta zwischen Juf und InnerferraraValle di Lei Brücke
Tag 69: 22.07.2019, Montag
Von Maloja nach Juf. Strecke 15,6 km. Gehzeit 5.15 h. Aufstieg 1210 m. Abstieg 990 m. Morgens kurz bewölkt, dann sonnig und warm bei 20 Grad.
Da es keinen durchgehenden Wanderweg von Wien nach Nizza gibt, haben wir uns unsere Etappen selbst zusammengestellt. Dabei allerdings schon bestehende Fernwanderwegen berücksichtigt. Der Streckenabschnitt von Meran bis zum Maloja-Pass ist nun bewältigt. Wir werden weitere 10 Tage in der Schweiz sein und in Airolo ein paar Tage Pause machen. Aktuell haben wir rd. 1.100 km und fast 50.000 Höhenmeter im Aufstieg bewältigt. Die Streckenabschnitte sind unter der Tabelle (von Tag zu Tag) beschrieben. Jetzt aber zum heutigen Tag: Nach einem guten schweizer Frühstück sind wir um 8.15h bei noch bewölktem Himmel unterwegs und um 8.30 h zieht Dietmar von dannen. Die Wolken verziehen sich und es wird sonnig und heiss. Der Weg bis Juf ist sehr einfach: Erst mal gut 2 Stunden steil hoch von Maloja (1815m) zum Pass Lunghin (2645m), dann runter in 45 Minuten zum Septimerpass (2313m), dann wieder eine Stunde steil hoch zur Forcellina (2672m), je eine Viertelstunde runter und wieder hoch auf 2650m, und dann 45 Minuten steil einen knietestenden Geröllweg runter auf 2117m, und schon ist man angekommen. Unterwegs sind auch ein gutes Dutzend harmloser Schneefelder zu überqueren. Wegen der Höhe, der Sonne und den Höhenmeter ist es doch ziemlich anstrengend. Sehr schön sind die Ausblicke. Beim Aufstieg von Maloja sieht man über dem Pass im Forno Tal die Cima Rosso mit ihrer immer noch eisgepanzerten Nordwand. Im Süden richtet sich der Blick auf die imposanten Granitberge des Bergell. Besonders auffallend der Piz Badile mit der Nordostwand und der Nordkante. Das Kabinettstück von Herrmann Buhl kommt in den Sinn. Von der Forcellina zeigt sich ganz im Osten erstmals die Bernina ohne Wolken. Der Biancograt ist deutlich erkennbar. Auch die Querung des Septimerpasses ist interessant. Er diente lange als relativ gut gangbarer Saumpfad und Handelsweg vom Comersee über Bivio zur Bischhofsstadt Chur. Zum Schluß erblicken wir noch von hoch oben Juf. Es liegt in einem weiten Tal wie in der Mongolei und besteht aus kaum mehr als einem Dutzend Häuser. Wir kommen um 14.45h dort an und treffen Dietmar. Die Orientierung war leicht und anders als bisher – waren viele (Tages-)Wanderer in beiden Richtungen unterwegs. Am Pass Lunghin ist übrigens die einzige Wasserscheide in Europa, wo Flüsse in drei Richtungen/Meere fliessen. Nämlich die Julia zur Nordsee, die Maira nach Süden ins Mittelmeer und der Inn nach Osten zum Schwarzen Meer. Juf mit seinen 31 Einwohnern soll die höchstgelegene, ständig bewohnte Gemeinde der Schweiz und evtl. in Europa sein.
Schilderbaum auf dem Pass Lunghin, eine Wasserscheide in drei MeereUnsere Unterkunft in Juf
In folgender Tabelle wollen wir unseren Weg sowie weitere Informationen möglichst zeitnah dokumentieren. Falls möglich, wollen wir es jeden Abend aktualisieren.
Wien bis Graz(Hohe Wand/nördlich vom Mürztal zum Semmering/südliches Mürztal und Fischbacher Alpen) – 13 Wandertage + 1 Ruhetag – 215 km, 8.400 hm Aufstieg, 8.150 hm Abstieg –15.5.19 – 28.05.19
Graz bis Bleiburg(Lavantaler Alpen) – 6 Wandertage – 135 km, 4.400 hm Aufstieg, 4.150 hm Abstieg –29.05.19 – 03.06.19
Von Chiareggio nach Maloja. Strecke 17,2 km. Gehzeit 5.00 h. Aufstieg 1000 m. Abstieg 800 m. Morgens kurzer Schauer, sonst angenehm, Wolken mit Sonne.
Es ist 07.00 Uhr. Im hintersten Tal Valmalenco sitzen ein pensionierter Zahnarzt, ein promovierter Verkehrswissenschaftler im Ruhestand und ein Ex- Geschäftsführer an einem schmucklosen Holztisch in einer dunklen Ecke einer italienischen Bar. Am Vorabend haben die drei einem Rockkonzert der „Flashovers“ gelauscht. Die performen ziemlich direkt vor der Unterkunft und das gar nicht mal so schlecht. Nicht nur deshalb haben wir nicht ganz so gut geschlafen. In der Unterkunft ist es nicht ganz sauber, muffiger Geruch, alles sehr provisorisch, alt und gebraucht. Der Bettwäsche trauen wir nicht und schlafen in den eigenen Schlafsäcken. Ein Frühstück gibt es hier in der Bar heute morgen sowieso nicht. Deswegen haben wir uns am Vorabend in einem Tante Emma Laden ein Stück Bergkäse und Speck gekauft, den wir nun mit trockenem Brot zum Frühstück verzehren. Wir essen vom Tisch, ohne Teller. Als Unterlage dient das Einkaufspapier. Natürlich gibt es auch kein Besteck. Wir nutzen zu dritt das scharfe Fahrtenmesser von Rudi. Ein Besteck wäre auch hinderlich, weil wir die Hände frei haben müssen, um die zahlreichen Fliegen zu verscheuchen, die auch Gefallen an unserem Käse finden. Einer von uns drei bemerkt, dass die Situation zur gleichen Zeit auf einem Kreuzfahrtschiff günstiger sein könnte. Alle stimmen zu, keiner möchte aber wirklich tauschen. Ein Lichtblick sind die beiden Capucchini und der Americano, die der freundliche Wirt kredenzt. Die Einheimischen verwickeln uns auch in angeregte Gespräche. In einem Mischmasch von Italienisch mit ein paar Brocken deutsch haben wir eine nette Konversation. Die Italiener sind voll des Lobes für unser Vorhaben. Nach einem Regenschauer und so viel Lob starten wir in Chiareggio vor der Bar besonders motiviert um 08.00 Uhr. Dietmar ist bald von dannen. Unser Weg geht wieder mal kontinuierlich bergauf nahe an der Oro Alm (2010 m) vorbei, und weiter in das Tal hinein. Wir folgen teilweise historischen Maultierpfaden bis zum Muretto Pass (2562 m). Hier wechseln wir wieder von Italien in die Schweiz. Den ganzen Vormittag haben wir den sich mächtig aufrichtenden 3678 Meter hohen Monte Disgrazia im Blick. In Verbindung mit dem Septimerpass war die heutige Route über den Passo da Muretto im Mittelalter die kürzeste Verbindung von Chur ins mittlere Veltlin und wurde in den schneefreien Monaten intensiv genutzt. Es war ein Saumweg durch eine gewaltige Kulisse. Im Valmalenco aus dem Veltlin von Sondrio heraus steht im Norden die Berninagruppe und im Westen der Monte Discrazia. Wir gelangen heute nach dem Murettopass taleinwärts zum Vadrett del Forno. Etwas weiter oben steht die Fornohütte SAC. Alex erinnert sich an die Fahrt der Jungmannschaft Kaiserslautern Anfang der 70er unter Leitung von Klaus Jung auf die Forno Hütte. Aufstieg und Abfahrt mit Tourenski waren für uns Skianfänger die reinste Katastrophe. Damals gelang aber immerhin die Durchsteigung der klassischen Cima Rosso Nordwand. Unsere Wanderung heute führt aber durch den leichten Föhren- und Arvenwald zum Lago di Cavloc. Dort wartet schon Dietmar auf uns und wir machen in einer Hütte eine Pause. Von dort erreichen wir Maloja gegen 15.30 Uhr. Wenn man wie Alex seit über 50 Jahren in die Berge geht, gäbe es aus Erzählungen, eigenen Erlebnissen und der Bergliteratur immer viel zu berichten, natürlich auch zum Gebirgsstock, den wir gerade durchwandern. Hier könnte man die unvergleichliche Himmelsleiter des Biancogrates auf die Bernina erwähnen oder die Durchsteigung der Piz Rosegg Nordostwand von Alex mit Heinz Zembsch (dem späteren „Hausmeister“ der Watzmann Ostwand), den in den 70 er Jahren sehr wunderlichen Hüttenwirt der Tschiervahütte, der allmählich den Verstand verlor. Unvergessen bleibt der Todessturz des Heini Holzer beim Versuch, die Nordostwand des Rosegg mit Ski abzufahren. Eigene erlebnisreichen Skiabfahrten von der Diavolezza etc. bleiben in Erinnerung. Wenn man nur annähernd auf einzelne Begebenheiten eingehen wollte, würde das den Rahmen der Tagesberichte bei weitem sprengen. Einem breiten Kreis, auch der Nichtalpinisten, ist der Film von 1929 über die „weisse Hölle vom Piz Palü“ bekannt. Mit Leni Riefenstahl und dem Fliegerass Udet in Hauptrollen. Uns zeigen sich die Berge Gott sei Dank heute ganz undramatisch von der freundlichen Seite. So könnte es bis Nizza bleiben.
Der Monte Disgrazia (3678 m) am VormittagZiegenherde in der Schweiz
Tag 67: 20.07.2019, Samstag
Vom Refugio Ca Runcasch nach Chiareggio. Strecke 19,7 km. Gehzeit 5.15 h. Aufstieg 820 m. Abstieg 1380 m. Bewölkt, aber angenehm, ab Mittag sonnig.
Kaum gestärkt vom italienischen Frühstück starten wir um 8.15h. Da ist Dietmar schon längst unterwegs. Die Berge sind in Wolken gehüllt, es ist bewölkt, aber nicht kalt und es lässt sich gut gehen. Seit gestern findet ein 24-Stundenlauf über 90 km und 6000 Höhenmeter statt und die ersten Läufer kommen uns schon nach 15 Minuten entgegen. Es sollen so 300 Teilnehmer (und auch einige Teilnehmerinnen) sein. Nach 30 Minuten sind wir am Stausee am Campo Moro, wo jetzt am Wochenende auch einige Kletterer unterwegs sind. Für gut 1,5 Stunden gehen wir angenehm durch trockenen Wald, nur belästigt von kleinen Stechmücken, die sich sehr für unsere Kniekehlen interessieren. Dann gehen wir auf der Rennstrecke, wo uns die Athleten entgegen kommen. Manche ganz verbissen, in sehr unterschiedlicher Ausrüstung und Aufmachung und meist grüssen wir uns kurz (Salve, Ciao, Buon giorno, buon di). Gegen 11h keuchen wir steil so 500m den Berg hinauf, als Dietmar uns von hinten einholt. Er hat mal wieder einen etwas längeren Track genommen. Um 12h sind wir bei der Piz Palü Hütte, nachdem wir einen steilen Abstieg geschafft hatten (den gehen die Teilnehmer hinauf). Viele Ausflügler und wenige Wanderer. Wir essen Penne mit Ragu und trinken etwas und nach einem Espresso sind wir gestärkt für den Weg entlang des Hanges nach Chiareggio, wo wir um 15h bei Sonnenschein ankommen. Wir haben keine Reservierung. Alle 5 Hotels sind am Wochenende ausgebucht. Ein hilfsbereiter Kellner vermittelt uns ein Dreierzimmer über der Bar S. Anna, das wir aus Mangel an Alternativen nehmen. Wir duschen, trinken ein Bier und kaufen Brot, Käse, Speck und Obst für unser morgiges Frühstück ein. Den Kaffee wird es dann in der Bar geben.
Ein typisches Steinhaus in der Valmalenco, Südseite Bernina
Tag 66: 19.07.2019, Freitag
Von Poschiavo (Schweiz) zur Refugio Ca Runcasch, Nähe Lago Campo Moro. Strecke 14,8 km. Gehzeit 5.00 h. Aufstieg 1610 m. Abstieg 450 m. Gutes Wetter, ab mittags bewölkt.
Die heutige Etappe führt uns von der Schweiz zurück nach Italien. Das Puschlav-Tal unter dem Berninapass gehört zum Kanton Graubünden. Los geht es um 08.30 Uhr. Wir absolvieren am Vormittag gleich anstrengende 1500 Höhenmeter auf den Pass da Cancian, wo wir wieder auf italienisches Staatsgebiet wechseln. Zuvor passieren wir die Maiensäss Selva auf 1452 m. Vom Pass da Cancian geht es noch rund 150 Höhenmeter hoch zum Passo di Campagneda. Heute sind wir wieder auf einer Etappe der Via Alpina. Südlich des Passes liegt der Scalino- Gletscher, den kaum jemand kennt. Der Blick vom Pass auf den Piz Bernina, den einzigen Viertausender der Ostalpen und die gletscherumrandeten Gipfel des Argient, Zupo, Bellavista und Piz Palü bleibt uns wegen der Wolken verwehrt. Von der Nordseite ist das Panorama ohnehin schöner als von der Südseite. Eine botanische Rarität ist die schnittlauchähnliche Grasnelke. Sie wächst hier zuhauf auf dem Moränenschutt. Blüht aber derzeit nicht. Nach dem Pass geht es Richtung Tal. Weit unten sieht man schon die Alpe Campagneda. Darüber sieht man den grandiosen Monte Disgrazia. Er misst 3678 Meter und steht abseits des Hauptkammes der Südlichen Bergeller Berge zwischen zwei Seitentälern des Veltlin, dem Val Malenco im Osten und dem Val Masino im Westen, vollständig auf italienischem Boden. Wir bekommen unterwegs den Tipp von zwei Schweizern auf der Refugio Runcasch zu übernachten. Das Essen sei gut und die Hütte leer. Gian Carlo erweist sich auch als sehr freundlich und kommunikativ. Alles super und perfekt. Wir kommen schon um 14.30 Uhr an der Hütte auf 2169 m an. Dietmar ist schon dort. Er ist so schnell, dass er uns morgens davonstürmt und uns dann im Laufe des Tages gleich nochmal überholt. Ja, Augen auf bei der Orientierung. Wir nennen ihn heute Dietmar Hase, weil Rudi und Alex Igel, obwohl sie langsamer gehen, schon manchmal wieder voraus waren, bevor er sie dann erneut einholt….
Blühende Wiese auf 2250m Höhe noch auf schweizer Seite Alex am Passo di Campagneda auf 2636 mScalino-Gletscher am Pass Schweiz/Italien
Tag 65: 18.07.2019, Donnerstag
Vom Refugio Malghera nach Poschiavo (Schweiz). Strecke 15,6 km. Gehzeit 4.45 h. Aufstieg 560 m. Abstieg 1510 m. Sehr kalt am Morgen, bewölkt, sonnig und angenehm ab Mittag.
Am Vorabend hatte es noch ein kräftiges Gewitter mit schönem Regenbogen gegeben. Die Wolken hingen tief und der Wind war kalt, als wir um 8.00h bei ca. 8 Grad starteten. Diesmal hatten wir die langen Hosen und mehr Bekleidung an als sonst. Das Frühstück war sehr italienisch, also Weissbrot, Butter und Marmelade. Nicht unbedingt die richtige Grundlage für Weitwanderer. Vom Refugio gings gleich mal kräftig und stetig in die Höhe, vorbei u.a. an drei ganz eng nebeneinander stehenden schwarzen Eseln, die uns Drei konzentriert beobachteten. Der Weg war klar und gut erkennbar, trotz der sich absenkenden Wolken. Unser Weg bringt uns über den 2543 hohen Forcola di Sassilion ins schweizerische Puschlavtal. Nach gut 1,5 Stunden haben wir die knapp 600 Höhenmeter geschafft. Vorher am 2316m hohen Lago di Malghera vorbei, in dem erstaunlicherweise ca. 10cm lange Fische schwimmen. Auf schweizer Seite geht es mit einem kleineren Kieselfeld weiter, dann sind wir auf einer Hochalm, wo das Gras höher und die Wiese bunter ist als auf italienischer Seite. Später kommen wir auf eine lange Forststrasse. Es wird sonniger und wärmer und wir werden von freundlichen Schweizern u.a. nach unserem Weg gefragt. Die Wolken auf der gegenüber liegenden Talseite lösen sich auf. Wir gehen auf langen Wegen knieschonend abwärts. Um 11.45h machen wir eine Pause, ziehen uns für einen sonnigen Tag um, und betrachten fast ohne Worte von oben (ca. 1500m hoch) das Tal (liegt auf 1000m Höhe) und die Bergkette mit den Schneeresten. Wenn dann die rote Rhätische Bahn ganz langsam durch Tunnels und über Brücken sich am Tal windet, um in Richtung Bernina zu fahren, lag vor uns eine richtige Spielzeugeisenbahnbilderbuchlandschaft (schön, dass im Deutschen solche Wortungetüme möglich sind). Wir genossen den Blick wirklich sehr. Es fiel uns etwas schwer, uns loszureissen und den immer noch langen Abstieg zu machen. Um 13.30h waren wir dann in Poschiano, wo wir dann erst mal ein Mittagessen zu uns nahmen.
Hinter uns das schweizer PuschlavtalDas noch wolkenverhangene PuschlavtalWas Buntes im Grauen
Tag 64: 17.07.2019, Mittwoch
Von Eita zur Refugio Malghera. Strecke 13,1 km. Gehzeit 6.30 h. Aufstieg 1070 m. Abstieg 810 m. Sonnig, einige Wolken, manchmal kühl, insgesamt aber angenehm.
Im Rifugio Eita hatten wir gestern Abend ein gutes Essen, ein paar Bierchen und zu Dritt zwei Liter Rotwein genossen. Ein paar Schnäpse mussten wir auf Drängen des Wirtes auch probieren. Wir hatten das Erreichen der Tausendkilometermarke zu feiern. Am Morgen bekommen wir von der fürsorglichen Dame unseres Privathauses nach dem Aufstehen einen original italienischen Kaffee, den dazu gehörigen Grappa lehnen wir aber ab, und als Wegzehrung eine Plastiktüte überreifer Aprikosen. Nach dem gestrigen Abend können wir den Kaffee gut brauchen. Dietmar aus Düsseldorf ist auch wieder dabei. Um 08.45 Uhr starten wir die Tour in Richtung des idyllischen Almweidegebietes Vermerola. Der Kopf ist noch etwas schwer, der Rotwein wohl noch nicht ganz verarbeitet. Zunächst geht es angenehm bis zum Lago Venere auf 2402 m. Steil geht es dann zum Passo di Vermolera (2732 m) hinauf. Der Steig ist teilweise heikel und fordert unsere ganze Aufmerksamkeit. So gut 200 Höhenmeter wirklich steil hoch über Geröll, Stein- und Schneefelder ohne klar erkennbaren Weg in über 2500m Höhe ist richtig ätzend. Der Abstieg nach Süden ist einfacher. An der Selbstversorgerhütte Bivacco Pian del Lago machen wir eine kurze Pause, dort wartete Dietmar wohl schon fast seit 2 Stunden auf uns. Zum Schluss wandern wir auf ausgetretenen Wegen zur Rifugio Malghera (1964 m) im Val Grosina. Dort kommen wir um 14.45h Uhr an. Alex trinkt heute nur Saftschorle.
Dietmar und Rudi vor unserer Unterkunft in Eita, gestärkt durch einen Espresso
Tag 63: 16.07.2019, Dienstag
Vom Lago di Cancano nach Eita. Strecke 25,4 km. Gehzeit 5.30 h. Aufstieg 640 m. Abstieg 820 m. Zunächst kühl am Morgen, dann sonnig und angenehm bei ca. 18 Grad.
Kühl war es in der Höhe (1900m) und besonders im Schatten, als wir uns um 8.00h auf den langen Weg nach Eita machten. Die Wege waren breit und angenehm und die Beschilderung sehr gut. Von der einen Bergseite konnten wir unseren Pfad auf der gegenüberliegenden Seite gut erkennen. Unten im Tal und schön in der Sonne liegt Valdidentro, ein Stück weiter dann Bormio. Voraus sehen wir die Lawinenverbauungen der Straße zum Passo Foscagno. Wir geniessen im Süden den Blick auf die schneebedeckte Dreitausender. Darunter die beeindruckende und noch beachtlich vergletscherte Cima de Piazzi mit 3439 m. Die kennt bei uns kaum jemand. Plötzlich taucht Dietmar auf. Ihn hatten wir schon längst 3-4km vor uns vermutet. Zu Dritt setzen wir unseren Weg fort. Dietmar geht vermutlich viel langsamer als normal und wir versuchen, dennoch mit ihm Schritt zu halten. Innerhalb der ersten drei Stunden auf dem breiten, leicht abschüssigen Weg schaffen wir fast 15 km. Am Ende des Tals geht es steil links und auf einem sehr langen Pfad fast 450m hoch auf den Sattel (2300m), wo es dann sehr steil und kniebelastend runter geht (an einem schönen kleinen Bergsee mit grünlichem Wasser vorbei) bis Eita (Ankunft um 14.30h), wo es neben der Kirche und dem Refugio daneben keinen Ortskern gibt. So 25-30 verstreut liegende Häuser sind in diesem Hochtal zu erkennen. Vor dem Sattel wurde das einsame Tal immer enger, keine Tiere, keine Menschen und keine Behausungen erkennbar. Links und rechts teilweise Schneefelder an den Abhängen, dazwischen Stein- und Geröllfelder an den steilen Abhängen. Erstmals haben wir nicht vorgebucht. Im Rifugio ist kein Platz mehr. Allerdings könnten wir Zimmer in einem Privathaus kriegen. Der Wirt fährt uns über den Bach und ca. 400m weiter auf die Hangseite, wo uns zwei ältere Damen sehr herzlich begrüssen (eine hat sogar in der Schule mal deutsch gelernt), und wir die Nacht verbringen können. Mit Holz wird das Wasser zum Duschen erhitzt. Dauert natürlich aber etwas. Sauber gehen wir dann, nachdem wir noch Aprikosen aus dem Garten (sehr süß und fruchtig) erhalten haben, rüber zum Refugio zum Bier (leider Heinecken). Wir geniessen die Sonne und den Blick auf die Berge. Dank Dietmar sind wir heute in 5,5 Stunden 25,4 km mit einigen Höhenmetern gegangen. Und weil wir nun über 1000 km seit Wien zurückgelegt haben, wollen wir diesen „Meilenstein“ auch etwas feiern. Der Wirt fährt uns – Gott sei Dank – heute Abend dann auch zu unserer Unterkunft zurück.
Gastfamilie in EitaCima de Piazzi (3439 m)
Tag 62: 15.07.2019, Montag
Vom Stilfser Joch zum Lago di Cancano. Strecke 18,8 km. Gehzeit 5.45 h. Aufstieg 440 m. Abstieg 1250 m. Zunächst kalt bei Null Grad und Neuschnee, dann bewölkt mit moderaten Temperaturen.
Wie vorhergesagt, hat es in der Nacht geschneit. Alles ist weiß angezuckert, die Sicht schlecht und es ist kalt. Null Grad, das verbindet man landläufig nicht mit Italien im Hitzemonat Juli. Wir ziehen alles an, was wir haben. Hardshell Jacke, Überhose und Handschuhe. Start ist um 08.15 Uhr. Schnell erreichen wir den etwas tiefer gelegenen Umbrailpass an der Schweizer Grenze. Wir bleiben aber auf der italienischen Seite im Veltlin. Mit der Region wechselt auch die Sprache. Siamo adesso in Italia. Der Ober gestern Abend am Stilfser Joch sprach und verstand kaum noch deutsch. Also haben wir versucht auf italienisch zu bestellen. Un litro vino rosso della casa, litro aqua Minerale natural und Rudi zum Essen eine Schweinshaxe. Das hat bei den Getränken ganz ordentlich geklappt. Die Haxe war aber leider medium, also noch nicht durchgegart. Als Ausgleich erhält er eine Extraportion Safrannudeln. Pasta können die Italiener halt besser als Haxe. Heute morgen tasten wir uns beim Beginn unseres Marsches langsam vor. Die Wege sind zwar gut zu gehen, dennoch befinden wir uns in hochalpinem Gelände ohne Unterstandsmöglichkeiten. Fast 8 Kilometer bewegen wir uns zwischen 2700 und 2500 Metern Seehöhe. Der Schnee taut schnell und wir gehen angenehm zur Bocchetta di Forcola auf 2760 m hoch. Dort sind noch ausgedehnte Befestigungsanlagen der Italiener sichtbar. Die hatten dort ab 1915 schwere Artillerie stationiert, die Ziele bis in 9 km Entfernung bekämpfen konnte. So konnten sie über das Stilfser Joch bis Trafoi schiessen. Heute profitieren wir von den damals angelegten Wegen und wandern nun angenehm in einem schönen, einsamen Hochtal mit vielen Murmeltieren zur Malga Forcola auf 2314 m und dann zum Lago di Cancano auf 1900m. Der Adda, viertlängste Fluß Italiens, wird hier gestaut . Er fließt von hier weiter durch den Comersee und erreicht 10 km westlich von Cremona den Po. Am See kehren wir in die Rifugio Monte Scale zum Essen ein. Zu unserer großen Überraschung und Freude empfängt uns Dietmar, der weitere Nizzaaspirant, mit dem wir seit Thörl-Maglern in regelmäßigen Austausch stehen. Er hat extra einen Ruhetag eingelegt, um auf uns zu warten. Die nächsten Tage werden wir gemeinsam einige Etappen gehen. Vom Rifugio Monte Scale sind es noch 10 Minuten Gehzeit zu unserer Unterkunft, der Villa Valania, am Lago delle Scale. Wir kommen um 16.00 Uhr bei der Unterkunft an. Dietmar wird heute Abend zu uns kommen zum gemeinsamen Essen. Da gibt es viel zu erzählen und auch sicher etwas ordentliches zu trinken.
Der gezuckerte Start am MorgenIn fast vollständiger SchlechtwetterausrüstungStellungen auf der Forcola 2768m hoch
Tag 61: 14.07.2019, Sonntag
Von Stilfs (Dorf) zum Stilfser Joch. Strecke 15,2 km. Gehzeit 5.15 h. Aufstieg 1580 m. Abstieg 120 m. Sonnig mit 12 Grad bis Mittag, dann bedeckt mit kaltem Wind (bis 5 Grad).
Bei strahlend blauem Himmel und gestärkt von einem guten Frühstück starten wir um 8.30 h auf einer Höhe von 1300 m. Heute geht’s kontinuierlich in die Höhe bis auf über 2800 m. Ein kalter Wind lässt uns die ca. 12 Grad noch kühler empfinden, nur in der Sonne ist es angenehm. Wir sind gut 5 Stunden bis zum Stilfser Joch unterwegs und bewältigen pro Stunde je 300 Höhenmeter. Der Weg ist ausgezeichnet ausgeschildert und er lässt sich gut gehen. Anfangs durch Wald und über Wiesen, ab 1800m sind wir über der Waldgrenze. In einer Höhe von 2050m liegt die Prader Alm mit einem fantastichen Blick auf den Ortler (3905 m) mit seinen Trabanten. Ein Bilderbuchblick! Eine halbe Stunde später sind wir auf der Furkelhütte in einer Höhe von 2150m. Dort machen wir in der Sonne eine Trinkpause und geniessen den Blick auf die Ortlergruppe. Am Sonntag kommen viele Radler und Wanderer. Die Hütte füllt sich schnell. Wir brechen auf um 11.45h für die restlichen 8,4 km und 750 Höhenmeter. Bald bewölkt sich der Himmel und ohne Sonne wird es deutlich kälter. Wir kommen den Schneefeldern näher, der Wind frischt auf. Über der Baumgrenze, somit ohne Windschutz, gehen wir konstant am Hang entlang und nach einer guten Stunde sind wir schon in einer Höhe von 2600m. Man spürt nun die Höhe beim Gehen. Die Wege über Sand, Geröll, Steine, Erde sind aber gut zu gehen. Dann Queren wir noch vier Altschneefelder (z.T. ganz schön breit) und erreichen eine Höhe von 2820m. Die Sonne ist weg und es könnte aus dunklen Wolken auch Regen fallen. Wir gehen daher konsequent ohne Pause weiter und nach 2,5 Stunden sind wir oberhalb des Stilfser Jochs beim Rifugio Garbaldi, einer kleinen Alpenvereinshütte. Von dort sieht man unter uns die sich vielfach windende Strasse mit Autos, Radlern und vielen Motorradfahrern hoch zum Joch. Sehr eindrucksvoll. Die Baumeister haben hier eine Meisterleistung vollbracht. Am Stilfser Joch, der Strasse und den Hotels ist der Teufel los, ein Motorenkakophonie und ein Gebrülle (heute ist auch noch Sonntag), und wir suchen gleich unsere Unterkunft auf, wo wir um 14.45h ankommen. Es ist kalt und überall liegt noch viel Schnee. Auch die Unterkunft ist kalt. Wir verziehen uns in voller Montur bis zum Abendessen in die Betten. Das wars jetzt auch mit Südtirol, wo wir uns problemlos deutsch unterhalten konnten. Jetzt sind wir tatsächlich in Italien – und zwar in der Lombardei – angekommen und ab jetzt müssen wir unser italienisch einsetzen. Eine Herausforderung für alle Seiten.
Auf dem Weg zum Stilfser Joch und hinter uns der Ortler (gut 3900m hoch) Der Ortler und seine Nachbarn Das Refugio Garibaldi oberhalb des Stilfser Jochs
Tag 60: 13.07.2019, Samstag
Von Laas nach Stilfs. Strecke 16,7 km. Gehzeit 4.00 h. Aufstieg 910 m. Abstieg 490 m. Bedeckter Himmel, trocken, für Juli eher kühl.
Wir starten in Laas um 09.15 Uhr. Wir mussten zum Frühstück in den Ort und dies benötigte seine Zeit. Der Ort ist bekannt für seine Marmorvorkommen. Der Abbau erfolgte vermutlich bereits in der Römerzeit, die systematische Gewinnung begann jedoch erst Mitte des 19. Jahrhunderts. Einige der Moscheen, die Sieglinde und Alex im letzten November auf der arabischen Halbinsel besichtigt haben, waren mit dem weissen Marmor aus Laas ausgestattet. Im Ort sind einige Bürgersteige und ein Strassenabschnitt mit weißem Marmor gepflastert. Unser Weg heute führt uns zunächst leicht ansteigend in den Ort Tschengels und dann absteigend nach Prad. An einem gammligen Gehöft wecken wir zwei schlafende Hunde. Die sind entsprechend übel gelaunt und führen sich dementsprechend auf. Spielen wollen die definitiv nicht. Rudi geht ein Schritt hinter Alex. Das Sprichwort sagt: „Den Letzten beissen die Hunde“, zumindest versuchen sie es. Rudi wehrt sich tapfer mit den Stöcken, Alex überlegt einen Augenblick, ob er das Szenario mit der Kamera festhalten soll, zur Bereicherung der Fotosammlung und zur Beweisaufnahme gegenüber der Polizei und dem Krankenhaus. Dafür müsste er aber anhalten und würde dadurch seine strategisch bessere Position gegenüber Rudi verlieren. Nach 50 m und mit viel Adrenalinausstoß kommt Rudi ohne Blessuren davon. Kurz nachdem sich die Situation bereinigt hat, wird unser Weg dann von beiden Seiten durch sich um 360 Grad drehende Wasserspeier eingenässt. Geduscht haben wir aber schon in der Unterkunft. Nach kurzer Lagebeurteilung warten wir bis sich der rechte Speier von uns wegdreht und der linke noch nicht da ist und spurten dann ein paar Meter bis wir ausser Reichweite des Wassers sind. Es wird Zeit, dass wir wieder über die Zweitausendmetermarke kommen. Dann müssen wir uns solchen Prüfungen nicht mehr stellen. In Prad machen wir eine ausgedehnte Pause in einem Kaffeehaus. Dann wandern wir angenehm und interessant auf einem luftigen Steig die restlich 400 Höhenmeter hinauf zu unserem Tagesziel Stilfs. Dort kommen wir um 14.45 Uhr an. Das Gemeindegebiet umfasst das Suldental und das Trafoital, zwei Seitentäler des Vinschgaus. Dort befinden sich mit einer bemerkenswerten Dichte einige der höchsten Berge der Ostalpen, insbesondere der Ortler, mit 3905 m der höchste Gipfel Südtirols. In Sulden verbringt unsere Kanzlerin gern ihren Sommerurlaub. Stilfs ist der Geburtsort von Gustav Thöni, einem der besten Allroundskifahrer aller Zeiten. Ab morgen wird es wieder alpiner und wir werden dann auf über 2700 Meter aufsteigen. Es ist Regen angesagt.
Blick auf Stilfser Tal und dem Dorf Stilfs (rechts oben)
Tag 59: 12.07.2019, Freitag
Von Goldrain nach Laas. Strecke 13,0 km. Gehzeit 3.00 h. Aufstieg 400 m. Abstieg 200 m. Bedeckter Himmel, nicht zu warm. Ideales Wanderwetter.
Wir hatten ein ausgezeichnetes Frühstück, von dem wir leider nach der Pizza und dem grossen Salat von gestern Abend trotz aller Anstrengungen nur so ein Viertel probieren konnten. Ab 8.45h führte unser Weg bei bewölktem Himmel und vielleicht 16 Grad talaufwärts überwiegend zwischen oder am Rand von Apfelplantagen. Das war angenehm und nach 45 Minuten hatten wir schon 4 km bewältigt. Oberhalb von Schlanders kamen wir in Göflan an zwei alten kleinen Kirchen mit Friedhof vorbei. Wir blieben dort gut 30 Minuten bei St. Walpurgis (Kirchen aus dem 13. Jahrhundert) und lasen die Inschriften der Gräber, wo für die Toten auch immer ein Bild auf dem Grabstein zu finden war. Auffällig war, dass erstaunlich viele bei Unfällen ums Leben gekommen waren und die Mehrzahl der Toten nicht älter als 65 Jahren alt wurden. Alle Gräber waren aber absolut gepflegt und mit frischen Blumen bepflanzt. Es ist ein schöner Ort mit einem guten Ausblick übers Tal. Weiter gings dann höher hinaus, um auf die Höhe des Schwemmkegels nördlich zu gelangen. Wir verpassten um wenige Meter unseren Weg und mussten nach ca. 400m in der Apfelplantage umkehren. Der Einstieg und dann auch der Weg auf dem „Suppenwaalweg“ war richtig schön und passte perfekt zum Begriff des „Alpenspazierganges“. Der Weg wurde dann enger, wir wechselten auf den Radweg entlang der Etsch und kamen gegen 13h in Laas an. Die Reste des alten Viaduktes, das das Wasser von einer Seite des Tales zur anderen Seite über die nicht niedrigen Häuser ehemals transportierte, sind sehr eindrucksvoll. Getrunken oder gegessen hatten wir nichts. So kehrten beim Cafe Moni ein. Gegen 14h kamen wir dann bei unserer Unterkunft an.
St. Walpurgis in GöflanReste des Aquäduktes in Laas
Tag 58: 11.07.2019, Donnerstag
Von Naturns nach Goldrain. Strecke 19,4 km. Gehzeit 4.45 h. Aufstieg 580 m. Abstieg 470 m. Bedeckter Himmel, nicht zu warm. Ideales Wanderwetter.
So eine Alpentraverse bedeutet mehr als nur Höhenmeter schrubben und Landschaft zu genießen. Gerne beobachten wir auch die Menschen, ihre Lebensweise und Kultur und genießen die regionale Küche. Dazu hatten wir gestern Abend ausreichend Gelegenheit. In Naturns war die Hauptstraße gesperrt und der ganze Ort, Einheimische wie Touristen, feierten das Lichterfest. Wir verbrachten einen herrlichen Sommerabend mit dem Genuss kulinarischer Spezialitäten aus dem Vinschgau, gutem Wein, frischem Bier und Livemusik. Eine willkommene Abwechslung zu den Steinwüsten des Hochgebirges und ein echter Zusatznutzen für unsere Unternehmung. Land und Leute, Körper, Geist und Seele waren im Einklang. Heute geht es in Naturns erst um 08.15 Uhr los. Es ist wieder das angesagt, was Rudi als wirklichen Alpenspaziergang versteht: gemütliches Gehen in schöner Natur. Die Morgenluft ist angenehm kühl. Wir steigen auf zur Burg Juval, dem Sommerwohnsitz von Reinhold Messner. Dann geht’s schattig auf Waalwegen weiter. Linker Hand schöne Blicke in das Etschtal, rechter Hand das muntere Plätschern des Wassers im Waal. Die Waale im Vinschgau sind ein uraltes, ausgeklügeltes Bewässerungssystem, das sich in dieser Form nur noch hier findet. Es besteht seit die Menschen hier die Gegend urbar gemacht haben. Gegen 13.00 Uhr sind wir schon in Latsch und machen ausgiebig Rast. Unter anderem stehen Schwarzwälder Kirschtorte und Erdbeerschnitte auf der Bestellliste. Um 14.45 Uhr kommen wir in Goldrain an. Das ist heute unsere zweite „Verbindungsetappe“ durch das untere Vinschgau, um etwas schneller die schon hinlänglich bekannte Region in Richtung Lombardei zu verlassen. Sowohl Rudi als auch Alex kennen die Region. Alex ist erst im letzten Oktober Teile des Meraner Höhenweges gegangen. Deshalb bleiben wir im Vinschgau in den mittleren und unteren Etagen und meiden die Höhen der Texelgruppe. Genau am Ende des Monats wollen wir schon in Airolo, am Südportal des Gotthards, sein. Da müssen wir nun etwas Gas geben, denn in den kommenden Tagen warten wieder anspruchsvolle Etappen mit vielen Höhenmeter im Veltlin, Puschlav und Graubünden auf uns.
Burg Juval
Unser heutiger verborgener Einstieg zum Wanderweg
Tag 57: 10.07.2019, Mittwoch
Von Meran nach Naturns. Strecke 21 km. Gehzeit 4.45 h. Aufstieg 500 m. Abstieg 350 m. Sonniges Sommerwetter.
On the road again … und zwar ab 8.00 h. Die Pause hat uns gut getan. Gut drei Wochen werden wir bis Airolo in der Schweiz brauchen, bevor wir wieder eine Pause haben werden. Rudi hat neue Stöcke und wieder die Schuhe vom Start, bei Beiden war alles in der Wäsche und wir haben nun Biwaksack, Luftmatraze und Schlafsack (nur Rudi) dabei, die wir wohl in der Schweiz brauchen werden. Unser Rucksack ist also um 1 bzw. 1,5 kg schwerer. Von unserer Unterkunft gehts bei angenehmen Temperaturen runter nach Meran und vor dem Dom kommen wir auf den Kastanienweg, der uns unterhalb der Burg Tirol (die namensgebend für die ganze Region war) leicht am Hang und bequem überleitet auf den Algunder Waalweg. Dem folgen wir so 6 km. Ein gepflegter Weg, gesäumt von Blumen, Wein- und Apfelplantagen, daneben läuft das Wasser im Waal, über uns häufig Weinranken mit noch nicht reifen Trauben, die uns Schatten spenden, Vögel und Zikaden sind zu hören, viele Leute in guter Laune sind unterwegs und der Blick aufs Meraner Tal und die Berghänge sind schön und entspannend, da – endlich – wird Rudi klar, warum Alex unseren Blog „Alpenspaziergang“ genannt hat. Das ist es heute definitiv. Rudi musste 880 km gehen, um dies zu verstehen. Auf einer Bank machen wir eine längere Trinkpause. Am Eingang zum Vinschgauer Tal mit der tosenden Etsch müssen wir auf den Radweg wechseln, zuerst an der Etsch entlang und dann durch Apfelplantagen. Immer wieder erwischen, erfrischen und kühlen uns die Wasserspeier/Sprinkler in den Apfel-/Weinplantagen. Doch wird es deutlich wärmer bzw. heiss. An der Nordseite des Tales auf einem etwas erhöhten Weg wollen wir eine Jausenstation beim Fallrohrhof für unsere Mittagspause nutzen, aber leider hat sie heute Ruhetag. So gehen wir ohne Essen durch bis Naturns, wo wir um 14 h ankommen und erst mal eine Gaststätte wegen der Getränke und etwas Essen aufsuchen. Es war heute eine schöne Etappe zum Einstieg nach den Pausentagen. Am heutigen Mittwoch im Juli wird Naturns wieder zur Bühne für ein Straßenfest der speziellen Art. Am heutigen Abend ab 18.00 Uhr wird die verkehrsfreie Hauptstraße zum Schauplatz für verschiedenste kulinarische Köstlichkeiten, Südtiroler Spezialitäten und ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm. Das werden wir beide uns nicht entgehen lassen.
Algunder Waalweg – auch so kann ein Wanderweg startenStrassenfest in Naturns
Pause … vom 06.07.19 (Samstag, Tag 53) bis zum 09.07.19 (Dienstag, Tag 56)
Von Astfeld (bei Sarnthein) nach Meran. Strecke 29,4 km. Gehzeit 8.00 h. Aufstieg 1290 m. Abstieg 2000 m. Sonniges Sommerwetter.
Heute starten wir schon um 04.30 Uhr. Wir wollen zeitig in Meran sein und haben viele Höhenmeter zu bewältigen. Wenn man uns abends in der Unterkunft die Treppen hinauf– oder hinuntersteigen sieht, könnte man den Eindruck bekommen, die beiden schaffen es mit Rollator vielleicht gerade noch ins nächste Altersheim. Nie und nimmer aber bis Nizza. Nach einer Nacht Erholung, einem ordentlichen Frühstück und etwas Magnesium als Nahrungsergänzung geht es nach dem Warmlaufen aber dann doch immer ganz gut. Mit nüchternem Magen geht es heute von Astfeld nach Sarnthein und dann 500 Höhenmeter hoch zur Sarntheiner Skihütte. Dort verzehren wir zum Frühstück unser Lunchpaket. Anschließend geht es anstrengend weiter bis auf das Kreuzjöchel auf 1994 m. Um 10.00 Uhr haben wir alle Höhenmeter im Aufstieg geschafft. Nach zunächst unspektakulärer Wanderung und einer Kaffeepause auf der Moschwaldalm kommen wir in schwieriges Gelände. Ab Falzeben wird der Steig steil, teilweise ist die Markierung kaum erkennbar. Gras und Felsstufen wechseln sich ab mit rutschigen Schrofengelände. Mehrmals stellt sich die Frage, gibt es noch einen Weg, und wenn ja, wo denn verdammt noch mal. Alles am Steilhang. Rudi zeigt, dass er auf dem Karnischen Höhenweg an Trittsicherheit gewonnen hat. Die kann er heute unter Beweis stellen. Kurz, 2 Meter, bevor wir nach konzentriertem Gehen eine Forststrasse erreichen, bricht ihm, im noch schwierigen Gelände, ein Stock. Es schmeißt ihn. Gott sei Dank bleibt er ganz heil. Nun geht es zügig weiter und gegen 15.00 Uhr kommen wir in Meran an. Nun steht die zweite größere Erholungspause an. Am Mittwoch, den 10.07.19 geht es mit unserer Tour und der Tagesberichterstattung wieder weiter. Bis dahin wünschen wir allen Lesern des Blogs schöne Sommertage.
Alex und die anhängliche BlondineBank am Kreuzjöchel (1994 m)
Tag 51: 04.07.2019, Donnerstag
Vom Latzfonser Kreuz nach Astfeld (bei Sarnthein). Strecke 17,8 km. Gehzeit 4.45 h. Aufstieg 310 m. Abstieg 1570 m. Bewölkt, dann wieder heiss, trocken.
Nach einem nicht begeisterndem Frühstück gehen wir bei angenehmten bewölkten Himmel so ca. 80 Hm hoch auf den Sattel und kommen weiter westlich in einer Höhe von 2.380m ins nächste Tal. Auf einem bequemen und breiten Wanderwegs gehts langsam abwärts. Dabei treffen wir auf 3 zutrauliche Bergziegen mit schönen Hörnern, viele Rindviecher und 5 schöne blonde Haflingern. Wir gehen gemütlich für eine gute Stunde und geniessen die tolle Sicht auf die südlichen Gebirgszüge. Ganz in der Ferne sind Adamello und Presanella zu erkennen. Direkt im Vordergrund erhebt sich der Villanderer Berg mit seinem weithin sichtbaren Funkmast. An der Getrum Alm ist ein schöner Erlebnisweg für Kinder eingerichtet. Bald kommen uns Wanderer entgegen, die mit der Kabelbahn auf 2.130m hochkommen und ebenfalls den Wanderweg oberhalb der Baumgrenze geniessen. Wir hingegen steigen an der Kabelbahnstation steil über die Wiese ab. Machen nach 2,5 Stunden unsere einzige Trinkpause, bevor wir dann am Hang und überwiegend im Wald weitere 2,5 Stunden weiter gehen. Eine lange, aber keine besonders harte Tour. Am Schluss gehts noch mal rd. 300 Hm runter nach Astfeld, wo wir erst mal duschen. Dieses Vergnügen haben wir uns auf der Hütte gespart. Rudi fährt mit dem Bus nach Sarnthein, um sich beim Friseur/Barbier für die Taufe der süßen Josefine, seiner ersten Enkelin, optisch verbessern zu lassen. Der Ötzi-Look ist halt nicht mehr zeitgemäss.
Getrum Alm
Tag 50: 03.07.2019, Mittwoch
Von Feldthurns zum Latzfonser Kreuz. Strecke 13 km. Gehzeit 4.00 h. Aufstieg 1450 m. Abstieg 70m. Bewölkt, gewittrig, Regen.
In Feldthurns starten wir nach einem reichhaltigen Frühstück spät um 09.00 Uhr. Unser heutiges Ziel liegt in den Sarntaler Alpen und ist bei Einheimischen wie bei Touristen bekannt und beliebt. Das Schutzhaus und die Wallfahrtskirche am Latzfonser Kreuz liegen immerhin auf rund 2300 m, sind aber über sehr gut begehbare Wege und Steige zu erreichen. Das Kirchlein am Latzfonser Kreuz ist die höchste Wallfahrtskirche in Südtirol und eine der höchsten Pilgerstätte Europas. Die Aussicht reicht bei klarem Wetter von den Dolomiten bis zum Ortler. Was die Höhenmeter im Aufstieg betrifft, ist die Tour durchaus ambitioniert. Alljährlich wird im Juni beim sogenannten „Gerichtsumgang“ der Schwarze Herrgott, ein schwarzes, geschnitztes gotisches Holzkreuz, von der Dorfkirche in Latzfons in die Wallfahrtskirche gebracht, wo es den Sommer über verbleibt. Die Hütte ist urig. Alex war zuletzt mit Sieglinde und Gräters im Oktober 2018 auf der Hütte. Seitdem haben die Pächter gewechselt. Beim Aufstieg gewinnen wir schnell an Höhe und blicken bald auf Kloster Säben im Eissacktal hinunter. Ab Mittag begleiten uns dunkle Wolken und Donner. Regen zwingt uns, Überhose und Überjacke anzuziehen. Wir marschieren unter Vollschutz etwa 90 Minuten, bis wir die Klausnerhütte auf rund 1900 m erreichen. Dort machen wir eine Stunde Pause. Die Fernsicht ist stark eingeschränkt. Im Wolkenmeer sind die Seiser-Alm mit dem Schlern ganz schwach zu erkennen. Als wir weiter marschieren, fängt es bald wieder zu regnen an. Mit strammem Schritt erreichen wir nach einer Stunde gegen 15.00 Uhr das Latzfonser Schutzhaus. Am Abend klärt es dann von Westen auf. Überdem Eissacktal sieht man von der Hütte aus im Osten im weiter Runde von Norden nach Süden die Plose, das Fanes Sennes Gebiet, Peitlerkofel, die Puez Gaislergruppe, das Langkofelmassiv, dahinter teilweise die schneebedeckten Aufschwünge der Marmorlata, die Seiser-Alm mit Schlern und den Rosengarten. Ein wahrlich beeindruckendes Panorama. Notiz am Rande: in einem Herrgottskreuz neben der Wallfahrtskirche nistet fast ebenerdig auf 2300 m ein Rotschwanzpärchen. Niemand weiß, was die Tierchen dazu bringt, sich so einen exponierten Platz für die Familiengründung auszusuchen.
Kirchlein am Latzfonser Kreuz
Tag 49: 02.07.2019, Dienstag
Von der Unterkunft unterhalb der Plose nach Feldthurns (bei Brixen). Strecke 23,0 km. Gehzeit 5.45 h. Aufstieg 860 m. Abstieg 1890 m. Bewölkt, dann extrem heiss und Gewitter zum Schluss.
Nachdem wir erst ab 8.00 frühstücken können, kommen wir erst um 9.00 h los. Es ist bewölkt und damit angenehm kühl, als wir den breiten Wanderweg von einer Gondelstation zur nächsten Endstation ab Brixen für gut eine Stunde gehen. Viele ältere Wanderer und auch Kinder sind unterwegs, die die phantasievollen Holzkonstruktionen am Wegesrand nutzen. Wir sind ja auf 2.000m Höhe und haben tolle Ausblicke. Aus dieser Höhe müssen wir dann runter um 1.500m nach Brixen im Eisacktal. Es geht steil abwährts im Wald, manchmal auf der Downhill-Radler-Route und am Ende gehen wir (verbotenerweise) direkt die Skipiste runter, um schnellstmöglich im Tal anzukommen. Entlang eines Hangweges sind wir um 13.00h im brütend heissen Brixen (gefühlt 40 Grad). Am Domplatz essen und trinken wir eine Kleinigkeit. Während Alex seinen Eisbecher (einer der Gründe für den Umweg von ca. 5 km), besichtigt Rudi für 20 Minuten Kreuzgang, Dom und Innenstadt von Brixen. Um 14.30h starten wir wieder und es fällt uns unglaublich schwer. Während normalerweise die letzten 6 km immer die Schwersten sind (egal, wie lang die Tagestouren sind), sind es jetzt die 9 km bis Feldthurns. Die extreme Hitze, Wege entlang der Strasse, dann gehts auf den Kastanienweg auch um gut 300m in die Höhe. Die Wege im Wald sind noch vergleichsweise angenehm, aber häufig geht unser Weg auf dem heissen Asphalt zwischen den Weinbergen, wo es eben keinen Schatten gibt. Ständig leicht abwärts oder – viel häufiger – aufwärts, weil wir noch gut 100 Hm Aufstieg hatten. Eine halbe Stunde vor der Ankunft machen wir ziemlich erschöpft Pause. Kaum ziehen wir wieder los, frischt der Wind auf (erst mal angenehm), dann fängt schnell ein leichter Regen, gefolgt von einem Gewitter mit Wolkenbruch, an. Da haben wir unsere Regenjacken und die Schutzhüllen für den Rucksack schon aufgezogen. Weitergehen ist nicht möglich. Bei einer Scheune stellen wir uns unter und warten auf das Ende des prasselnden Gewitters. Das dauert 15 Minuten. Anschliessend ist es abgekühlt und um 17h sind wir – nur etwas feucht – an der Unterkunft.
Blick aufs Eisacktal
Tag 48: 01.07.2019, Montag
Von Antermoia zur Plose. Strecke 12,2 km. Gehzeit 3.20 h. Aufstieg 850 m. Abstieg 490 m. Warm aber bewölkt.
Um 08.30 geht’s los. Auf guten Wegen erreichen wir in 90 Minuten die Passhöhe des Würzjoches (1987 m). Die Wegweiser, wie auch andere Hinweisschilder sind meist dreisprachig gestaltet. Ladinisch lebt wieder auf und ist neben Deutsch und Italienisch fester Bestandteil der Kommunikation. Beim Aufstieg sehen wir im Süden die massig Nordwand des 2875 m hohen Peitlerkofel. Im letzten Oktober hat Alex mit Veronika und Dietmar Gräter die Umrundung gemacht. Ab Mittag ziehen dunkle Wolken auf und von der Ferne hört man gelegentlich ein Donnern. Da sind wir froh, heute nur eine relativ kurze Etappe zu haben. Vom Würzjoch, auch Passo della Erbe genannt, bewegen wir uns auf dem Dolomiten Höhenweg 02 immer zwischen 1500 m und 2000 m in Richtung Plose. Im Süden liegt die Puez-Gaislergruppe und das Villnößtal, darüber erhebt sich die Furchetta und der Sass Rigais, die Hausberge des jungen Reinhold Messner. Seit Sexten ist die Region Alex gut bekannt. Zu Fuß, mit Fahrrad, Motorrad oder auf Alpin- sowie Tourenski war er hier schon oft unterwegs. Der Adolf Munkelweg aus dem Villnößtal heraus gilt ja als einer der schönsten Familienwanderwege der Alpen. An der Halsalm (1868m) und der Edelweiß Hütte vorbei erreichen wir unser Berghotel unterhalb der Plose schon um 12.30 Uhr. Im Westen erkennt man über dem Eissacktal die Sarntaler Alpen, unser Betätigungsgebiet in den kommenden Tagen.
Peitlerkofel mit seiner Nordwand
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Tag 47: 30.06.2019, Sonntag
Von St. Vigil/Enneberg nach Antermoia. Strecke 16,4 km. Gehzeit 4.15 h. Aufstieg 1010 m. Abstieg 680 m. Schöner Hochsommertag.
Um 8.15h starten wir bei schon relativ warmen Temperaturen. Für eine Stunde wandern wir entlang der Strasse und dem Bachlauf und suchen dann den Einstieg auf den Berg. Unser GPS gibt keine eindeutigen Infirmationen. Wir gehen immer wieder mal rechts, mal links und mal aufwärts. Viele Pkw und Motorräder unterwegs. Irgendwann finden wir einen schmalen Pfad. Wegen umgefallener Bäume müssen wir immer wieder quer durch den Wald am Steilhang durchbrechen. Nach einer halben Stunde gibt es doch noch einen klaren Weg hinauf auf den Berg. Nach gut 3 Stunden nach dem Start hören wir Blasmusik und singende Männerstimmen. Kirchfest in Welschellen mit Essen und Trinken. Auch wir nehmen ein isotonisches Kaltgetränk und ein Essen. Ein Sprachgemisch aus Deutsch, ladinisch und italienisch. Lederhosen und Dirndl. Die Musikkapelle spielt und singt auf deutsch. Gestärkt gehen noch fast 3 Stunden weiter den Berg hinaus. Machen so 20 Minuten Pause mit einem tollen Rundblick. Erst spät steigen wir lange abwärts in Richtung Antermoia, wo wir um 15.15h bei brütender Hitze ankommen. Unsere Unterkunft liegt direkt neben der Kirche, die wir ebenso wie den interessenten Friedhof besuchen.
Kirchfest in Welschellen
Tag 46: 29.06.2019, Samstag
Von der Fodara Vedla Hütte nach St. Vigil/Enneberg. Strecke 15,1 km. Gehzeit 3.15 h. Aufstieg 90 m. Abstieg 900 m. Schöner Hochsommertag.
Der Tag beginnt mit tiefblauen Himmel ohne eine einzige Wolke. Wir starten an der Hütte um 08.15 Uhr. Man merkt, dass es Wochenende ist. Viele Radler und Wanderer kommen vom Tal herauf. Auch einige Kühe werden auf die Sennes Alm aufgetrieben. Heute ist eine Erholungstour angesagt. Nachdem es die ersten 45 Minuten bis zum bekannten Gasthaus Pederü steil hinunter geht, folgen wir dann durch schattigen Wald einem munteren, oft türkisblauen Bachlauf bis nach St. Vigil. Dort kommen wir schon um 12.15 Uhr in unsere Unterkunft an. Wir haben damit den Naturpark Fans-Sennes-Prags verlassen. Heute gibt es im Ort eine große Feier mit Umzug und Volksmusik anlässlich der Verleihung des Prädikates für den Park als UNESCO Weltnaturerbe vor 10 Jahren.
Gasthaus Pederü – Eingang zum Sennesgebiet
Tag 45: 28.06.2019, Freitag
Von der Dürrensteinhütte zur Fodara Vedla Hütte. Strecke 19,1 km. Gehzeit 5.45 h. Aufstieg 820 m. Abstieg 870 m. Heißer Hochsommertag.
Die Frühsonne ließ die Spitzen der Dolomiten am Morgen rot leuchten. Um 8 h bei noch etwas kühlem Wind gingen wir über eine ausgedehnte Hochalm (die Plätzwiese), bogen nach 30 Minuten aber ab in Richtung Westen. Schnell stiegen wir hoch über die Baumgrenze und es wurde sehr warm. Die Sonne brannte in dieser Steinwüste auf uns nieder. Drei mal steile Anstiege auf 2.300 m, dazwischen Abstiege um 250 Höhenmeter. Kurze Pause auf der Rossalm. So 7-8 kleine und harmlose Schneefelder waren zu überqueren. Ansonsten viele Steine und Geröll, umrahmt von den steilen Dolomitenspitzen. An einer Stelle war ein riesiges Geröllfeld, bestehend aus leuchtend rotem Gestein von einem grossen Hang-/Bergsturz, wo immer noch vereinzelt rollende Steine zu hören waren. Meist waren die Wege breit und gut erkennbar, nur an wenigen Stellen waren Halteseile nötig. Weiterer Stopp an der windigen Seekofelhütte für ein Getränk. In der Sonne auf 2.300 m Höhe war es fast nicht auszuhalten. Eigentlich waren es gar nicht so viele Höhenmeter im Auf- und Abstieg. Die Sonne und die baumlose Steinwüste liess es uns aber deutlich mehr erscheinen. Über die baumlose Hochebene erreichten wir – an der Senneshütte vorbei – unsere Hütte auf 1.950 m Höhe um 15.45 h und genossen eine wohltuende Dusche.
Tag 44: 27.06.2019, Donnerstag
Von Sexten zur Dürrensteinhütte. Strecke 30,0 km. Gehzeit 6.30 h. Aufstieg 1120 m. Abstieg 430 m. Heißer Hochsommertag.
Wir starten in Sexten um 08.30 h in einen Hochsommertag ohne Gewitterneigung. Gemütlich und schattig geht es entlang dem Sextenbach bis Innichen. Auf den klassischen Weg über das Fischleintal zu den Dreizinnen verzichten wir. Uns entgeht dadurch zwar ein großartiges Panorama. Angesichts einer 30 Kilometeretappe an einem heißen Sommertag wollen wir uns die zusätzlichen Höhenmeter aber sparen. Alex erinnert sich allerdings gerne an seine luftige Kletterei mit Klaus Pfeiffer über die Dibonakante auf den Gipfel der Großen Zinne. Heute führt unser Altherrentour leicht wellig durch den Wald an der Drauquelle vorbei bis zum Toblachersee. Die Drau entspringt hier und fließt durch die fünf Länder, Italien, Österreich, Slowenien, Kroatien und Ungarn, bis sie nach 1400 km das Schwarze Meer erreicht. Nach der Mittagspause am Toblacher See folgen wir nun streng nach Süden der Rienz bis zum Dürrensteinsee. Wir überqueren die Grenze von Südtirol in die Provinz Belluno. Hier waren im 1. Weltkrieg starke Truppenaktivitäten. Dann geht es im Endspurt auf die schöne, renovierte Dürrensteinhütte auf 2040 m Höhe. Wir hatten für die 30 km und rd. 1.500 Hm im Auf- und Abstieg eine Durchschnittsgeschwindigkeits von 4,5 km/h. Nicht schlecht für zwei 66-Jährige bei Hochsommertemperaturen! Als wir uns anmelden bedankt sich die Wirtin für unsere nette Buchungsanfrage. Sie wäre sehr neugierig auf die beiden älteren Herren gewesen, die so schöne Mails schreiben. Prompt bekommen wir ein wunderschönes Doppelzimmer mit Dusche und WC für uns alleine. Hotelkomfort. In der untergehenden Abendsonne sitzen wir mit einem Glas Rotwein auf der Hüttenterasse und genießen einen traumhaften Blick auf die Cristallogruppe in den Ampezzaner Dolomiten.
Von der Obstanser Seehütte nach Sexten. Strecke 17,4 km. Gehzeit 5.00 h. Aufstieg 510 m. Abstieg 1510 m. Ende des karnischen Friedensweges.
Nach einer guten und ruhigen Nacht in unserem Schlafcontainer frühstücken wir gemütlich und wünschen Dietmar, dass er – wie geplant – vor uns in Nizza ankommt. Vielleicht kreuzen sich unsere Wege mal in der Schweiz. Die Obstanzer Seehütte in 2.300m Höhe kann übrigends nur per Hubschrauber versorgt werden. Warum es dann Paulaner Bier gibt, ist nicht so nachvollziehbar. Erst mal geht es relativ sanft zurück auf den Kammweg, wo es wie üblich auf gut 2.600m hoch geht. An der Hütte waren morgens im Schatten frische 3 Grad, in der Sonne wurde es schnell warm bzw. heiss. Entlang der Verteidigungsanlagen und einigen Schneefeldern gehts gut 3 Stunden weiter. Wir besteigen den Grossen Eisenreich mit 2665 m der höchste Punkt des Tages. Am Nachmittag entscheiden wir uns, in Richtung Tal über eine grosse Almwiesen mit vielen Murmeltierbauten abzusteigen. Wir halten uns immer noch relativ hoch im Tal. Es ist im Vergleich zu den letzten vier Tagen eine richtige Wohltat, Schritte von mehr als 25 cm zu machen und statt höchstens 2 km/h wieder locker mit 5 km/h gehen zu können. Trotzdem war es noch ein langer Weg runter ins Tal. Auf einer Alm mit vielen Touristen trinken und essen wir ab 13 h ein einfaches Mittagessen. Gestärkt gehts durch Wälder (ein schönes Gefühl) über 9 km runter nach Sexten, wo wir nach 16.00h wieder mal das Gefühl einer Dusche geniessen sowie die meiste Wäsche waschen. Und nachdem wir endlich wieder Telefon und Internet haben, versucht Alex die nächsten Touren und Unterkünfte zu buchen. Nach einer guten Pizzeria mit locker 5.000 Kalorien pro Person besuchen wir noch das Grab von Sepp Innerkofler auf dem höchst eindrucksvollen Friedhof neben der Sextener Kirche. Unsere Beine sind schwer, dürften morgen Abend aber noch deutlich schwerer sein. Den Kärtner Friedensweg schliessen wir hier ab. Er war eine gute, harte Erfahrung. Weniger für Alex mit seiner 45jährigen Bergführerausbildung und -erfahrung, sondern für Rudi. Vier Tage über 2.200m mit Felsen, Steinen, Geröll, Kiesel an schmalen Wegen permanent am steilen Hang, wo es locker 500m runter geht, dazu Schneefelder und Klettersteige, das erfordert Konzentration und Kondition sowie das Zurückdrängen von Gedanken wie „was wäre wenn…“. Dazu kommt die Höhe und die langsame Geschwindigkeit. Rudi kann auch sagen, dass er die langen Geröllhalden (egal welcher Körnung) am Steilhang nur hassen kann. Positiv zu vermerken ist, dass wir – wenn wir stehen geblieben sind – phantastische Ausblicke auf Berge in allen Richtungen hatten. Und wir können auch dankbar sein, dass wir zwar heisses, aber so doch optimales Wetter hatten. Bei Regen und starkem Wind wären die letzten Tage – nicht mal für Alex – machbar gewesen.
Unterstand am Grenzverlauf vor 100 Jahren
Tag 42: 25.06.2019, Dienstag
Von der Porzehütte zur Obstanser Seehütte. Strecke 12,1 km. Gehzeit 4.45 h. Aufstieg 1250 m. Abstieg 860 m.
Nach einer unruhigen Nacht im gut gefüllten und schwülwarmen Matrazenlager starten wir von der Hütte um 08.00 Uhr. Schnell gewinnen wir an Höhe und wandern auf über 2000 Meter hoch. Die letzten Etappen waren von der Länge und dem alpinistischem Anspruch durchaus fordernd. Trittsicherheit war gefragt. Schneefelder verlangten unsere I ganze Aufmerksamkeit. Einige Passagen waren nur mit Seilsicherungen zu bewältigen. Heute ist das zunächst ganz anders. Über Blumenwiesen geht es bei freundlichem Wetter aussichtsreich dahin, eigentlich so bequem wie auf dem Stachus. Um 11.00 Uhr erreichen wir schon die bewirtschafteten Standschützenhütte auf 2360 Metern Seehöhe. Dort machen wir mit Blick auf den imposanten Großen Kinigat, dem Matterhorn der Karnischen Alpen, eine zünftige Brotzeit. Dann geht es über ausgedehnte Schneefelder – jetzt durchaus anspruchsvoll – auf einen Sattel auf rund 2500 m. Im stetigen Auf und Ab in anspruchsvollem Gelände ereichen wir in einer hochalpinen Felskulisse den bisher höchsten Punkt unserer bisherigen Reise, die Pfannspitze mit 2678 m. Tief unter uns liegt nun gut sichtbar auf 2300 m die Obstanser Seehütte. Ein ausgedehntes, harmloses Schneefeld von ca. 500mLänge erlaubt uns durch Abrutschen einen Schnellabstieg. Schon um 15.00 Uhr sind wir an der Hütte. Dietmar, der sympathische Düsseldorfer Nizzaaspirant, erwartet uns schon auf der Sonnenterrasse. Gemeinsam trinken wir auf den schönen Tag jeweils ein Bier. Eine wunderschöne Hochgebirgstour geht zu Ende. Zu allem Überfluss bekommen wir ein exklusives Zweibettzimmer mit getrennten Betten. Heute alles bestens! Gegenüber den Vortagen war das heute fast eine Erholungstour. Wir freuen uns nun auf die Dolomiten und ein richtiges Hotelzimmer in Sexten. Dort steht morgen eine Handwäsche der verschwitzten Klamotten an.
Alex auf der Pfannspitze, 2678 m
Tag 41: 24.06.2019, Montag
Vom Hochweissensteinhaus zur Porzehütte. Strecke 18,6 km. Gehzeit 7.00 h. Aufstieg 1280 m. Abstieg 1110 m.
Nach einem wenig berauschenden Frühstück gehen wir um 7.45h raus in die Kälte. Den direkten Weg sollen wir wegen grösserer Schneefelder nicht nehmen. So steigen wir gut 100 Hm runter, um dann auf einem Umweg wieder den ursprünglichen Weg so 150m höher zu erreichen. Den Weg zur Porzehütte durchs Tal gibt es nicht mehr. So müssen wir auf dem Kamm entlang gehen. Die Grenze zwischen Italien und Österreich verläuft direkt auf dem Kamm. Wir sind also direkt auf der Grenze oder – falls der Pfad etwas unterhalb des Kammes ist – in einem der beiden Länder. Der Pfad ist meist nicht breiter als ein DINA4-Blatt, meist sehr steinig, fast ständig bergauf bzw. -ab führend und in der Regel fällt es an einer Seite steil viele hundert Meter ab. Man muss sich also permanent auf den Weg konzentrieren. Es wird heiss und die Sonne brennt runter. Mehrere Schneefelder sind zu durchqueren, eines davon ist wirklich kritisch und schwierig. Immer wieder auch kleinere Klettersteige. Die Höhe bis zu 2.500m macht sich beim Gehen bemerkbar. Wir machen nur einige Trinkpausen. Die Sicht ist sehr gut und wir haben massige Berge mit Schneeresten in allen Himmelrichtungen. Ein Bilderbuchpanorama für Bergfans. Das ständige Auf und Ab des Pfades, die Konzentration auf den schmalen Pfad, die Höhe und die gleisende Sonne machen den Weg sehr ermüdend und anstrengend. Wir sind froh, nach einem endlos erscheinenden Weg zur Hütte absteigen zu können, wo wir um 16.30h ankommen. Die Übernachtung erfolgt im Massenlager.
Rudi im Abstieg am SchneefeldKleiner Klettersteig
Tag 40: 23.06.2019, Sonntag
Von der Valentinalm zum Hochweissensteinhaus. Strecke 23,3 km. Gehzeit 8.20 h. Aufstieg 1830 m. Abstieg 1160 m.
Los geht es um 08. 00 Uhr. Die dritte harte Etappe hintereinander ist angesagt. Beide spüren wir die Knie und die Beinmuskeln. Wenn wir warmgelaufen sind, geht es aber ganz gut. Alex ist froh, dass er während der Ruhetage das Rucksackgewicht nochmals um stattliche 800 g reduzieren konnte. Alles, was bisher nicht gebraucht wurde, ist während der Ruhetage aus dem Rucksack rausgeflogen. Eine Ausnahme wird nur beim Inhalt der Rucksackapotheke gemacht. Bei schönem Wetter geht es tausend Meter hoch auf das Valentintörl. Hier haben wir eine schöne Aussicht auf die Kellerspitzen und die Höhe Warte. Jetzt wird deutlich, warum der Karnischen Höhenweg/Friedensweg als einer der schönsten Weitwanderweg Europas gilt. Über ausgedehnte Schneefelder geht es einfach und kraftsparend zum Wolayersee. In der gut renovierten gleichnamigen Hütte machen wir eine Mittagspause. Über den Giramondpass geht es am Lago di Pera vorbei. Der Weg, immer am Grenzkamm entlang, bietet schöne Fernblicke. So sehen wir im Norden die verschneiten, weissen Gipfel des Grossglockner, des Grossvenedigers und der Zillertalr Alpen. Das Luggauer Törl (2233 m) und der Luggauer Sattel ( 2403) sind Plätze, die zu einer Trinkpause einladen. Bei der ganzen heutigen Grenzkamm Überschreitung machen wir auch einen kurzen Abstecher auf die Steinkarspitze mit 2524. Nach dem dritten Anstieg an diesem Tag erreichen wir gegen 18.15 die Hütte.
Alex auf dem Schneefeld runter zum Wolayer SeeNach den steilen Anstiegen weit hinter dem Wolayer See
Tag 39: 22.06.2019, Samstag
Von der Zollnerseehütte zur Valentinalm. Strecke 19,5 km. Gehzeit 6.30 h. Aufstieg 920 m. Abstieg 1480 m.
Wir starten schon um 7.30h, weil es heute auch häufig regnen soll und wir eine lange Strecke bewältigen müssen. So 11 Personen haben auf der Hütte übernachtet und wir sind die Letzten, die sich auf den Weg machen. Schön ist der Start in der frischen und feuchten Luft, es ist etwas kühl und die Sicht ist klar. Nach einer halben Stunde suchen wir heute zum ersten Mal den Weg bzw. die Markierungen auf dem Fernwanderweg 403. Dann geht es für 2 Stunden steil hoch. Vom Gewitter des Vortages sind Wege und Bewuchs nass. An vielen Stellen steht oder läuft Wasser. Wir überqueren gefühlt 50 von der Seite kommende kleine Bäche. Einige Schneefelder sind zu queren, eines davon war schwierig. Wir gehen konstant weiter, um möglichst vor den Nachmittagsgewittern schon in der Unterkunft anzukommen. Viele Wege sind am Hang, sehr schmal, feucht und mit langen Gräsern. Man muss daher schon sehr konzentriert auf den Untergrund achten. Von der Landschaft kriegen wir gar nicht so viel mit. Um 12h fängt es kräftig an zu regnen. Es kühlt deutlich ab und wir finden Markierungen, aber nicht den vorgeschlagenen Weg. Einer der Franzosen aus der gestrigen Hütte (die waren schon vor 7h gestartet) kommt uns entgegen. Er sucht seinen Reisebegleiter und findet auch den GPS-Weg nicht. Es hat deutlich abgekühlt. Im strömenden Regen orientieren wir Drei uns an den Markierungen. Finden im Schnee die Spuren von Dietmar, ansonsten ist den ganzen Tag niemand zu sehen. Häuser oder Hütten gibt es auch keine. Man kann sich schon einsam fühlen. Drei Stunden lang gehts dann im Regen abwärts. Vielfach ohne gute Sicht, weil wir in über 2000m Höhe im Nebel oder in tiefhängenden Wolken unterwegs sind. Wir essen nichts, machen nur 3 kurze Trinkpausen. Um 14.30h sind wir am Plöckenpass und gehen dann – der Regen lässt nun nach – weiter zur Unterkunft. So nass und verdreckt wollen wir nicht in der Plöckenhütte einkehren. Wir sind froh, um 15.30h nach 8 Stunden dauergehen angekommen zu sein. Eine heisse Dusche ist etwas wundervolles und der Franzose (der hier seinen Kumpel wiederfindet) gibt uns ein Bier aus.
Tag 38: 21.06.2019, Freitag
Vom Nassfeld zur Zollnerseehütte. Strecke 27,8 km. Gehzeit 8.20 h. Aufstieg 1260 m. Abstieg 1010 m.
Wir starten um 08.30 Uhr. Nach kurzem Abstieg queren wir den Nassfeld Pass an der Grenzstation. Dann geht es zügig hinauf zur Bergstation der Kabinenbahn. Hier hat man für Kinder die Erlebniswelt „Madritsche“ geschaffen mit Trampolin, Wasserläufen, Rutschen etc. Gut gemacht für die Kleinen. Dietmar, den wir in Thörl Maglern kennengelernt haben, hat ja auch Nizza zum Ziel. Während der Zeit auf dem karnischen Höhenweg hat er die gleichen Unterkünfte wie wir, geht aber wesentlich schneller als wir. Wir treffen uns dann jeweils am Nachmittag oder Abend und essen dann gemeinsam. Auf dem Weg zum Rudniksattel verdunkelt sich der Himmel. Wir wollen wegen der Gewittergefahr nicht über den Grat. Der GPS Track zeigt einen Weg weiter unterhalb hart an der Biwakschachtel Ernesto Lomasti vorbei. Wir folgen dem Track – ein großer Fehler! Bald verlieren sich die letzten Wegspuren und wir stehen im steilen Geröll, das von undurchdringlichen Latschen begrenzt wird. Bis wir endlich herausfinden, vergehen rund zweieinhalb Stunden. Den Löwenanteil der Tour haben wir aber noch vor uns. Auf dem Weg 403 geht es dann in den kommenden Stunden, nun streng der Markierung folgend, aussichtsreich in Richtung Zollnerseehütte. Dunkle Wolken und Regen zwingen uns die Überhose und die Regenjacke anzuziehen. Wir bleiben dann zwar von außen trocken, fangen wegen der Anstrengung aber stark an zu Schwitzen. Mehrmals ziehen wir den Regenschutz an und wieder aus. Zeitlich kommen wir ins Hintettreffen. Die letzten 6 Kilometer bieten noch einen Anstieg über 400 hm und einen matschigen Steig zur Hütte. In Rinnen liegen noch dicke Schichten von Hagelkörnern vom Gewitter des Vortages. Um 18.30 Uhr sind wir nach einem langen und anstrengenden Tag endlich an der Hütte. Der Hüttenwirte empfängt uns freundlich. Die Zollnerseehütte ist sehr gemütlich, das Wirtsehepaar nett. Wir essen das, was uns die Wirtin hinstellt: Nudelsuppe, einen frischen Salat, Rouladen mit Reis und zum Nachtisch Eis mit Sahne und einem Espresso mit Keksen. Rudi nimmt anstelle des Eises zum Nachtisch eine kleine Käseplatte. Auf der Hütte erklärt uns ein österreichischer Beamter den Unterschied zwischen einem ordentlichen und einem geheimen Hofrat. Um 22.00 Uhr gehen wir ins Matrazenlager. Für den kommenden Tag ist Regen angesagt.
Tag 37: 20.06.2019, Donnerstag
Von der Feistritzer Hütte zum Nassfeld. Strecke 27,8 km. Gehzeit 7.45 h. Aufstieg 1300 m. Abstieg 1360 m.
Wir starteten schon um 8h. Vor der Hütte viele Kühe und Pferde, oft mit Fohlen. Alle aber sehr friedlich und entspannt. Wir haben heute eine lange Strecke (fast 28 km). Wetter ist gut. Wir gehen dennoch erst mal langsam. Dann gehts so 700m stetig hoch. Wir kommen dann gut voran, Aber es zieht sich. Gegen 13 h kehren wir ein. Die Gulaschsuppe war uns aber nicht genug uns essen, und so hatten wir noch ein Leberwurstbrot. Wir waren froh, als wir um 17h im Hotel waren. Der Tag war lang gewesen.
Der Morgen vor der Hütte
Tag 36: 19.06.2019, Mittwoch
Von Thörl-Maglern zur Feistritzer Hütte. Strecke 19,4 km. Gehzeit 6.30 h. Aufstieg 1790 m. Abstieg 710 m.
Ab 08.15 Uhr sind wir wieder in der Spur. Die Ruhetage haben gut getan. Es liegen nun 7 anspruchsvolle Tourentage entlang des karnischen Grenzkamms vor uns. Beim Frühstück treffen wir Dietmar. Schnell wird klar, dass er auch in Wien gestartet ist und sein Ziel auch Nizza ist. Zudem ist er auch frisch im Ruhestand. Die Welt ist klein. Wir treffen ihn wieder an unserem Tagesziel und werden ihn die nächsten Wochen sicher noch einige Male treffen. Fast bedauern wir, unser Alleinstellungsmerkmal verloren zu haben. Die Wegefindung ist heute einfach. Es geht zunächst etwa 1000 Höhenmeter hinauf und dann auf gut markierten Wegen immer an der Grenze entlang. Ein 92 jähriger Bauer sammelt Tannenzapfen und erklärt uns, dass ihm die italienische Seite weit besser gefällt als die österreichische. „Hat früher eh alles mal uns gehört“, bemerkt er. An der Göriacher Alm machen wir an der Friedensglocke eine Trinkpause. Dann geht es im Auf und Ab an der Grenze entlang. Wir sehen ausgedehnte Bunkeranlagen, Zeugen vom Frontverlauf im ersten Weltkrieg. Die letzte Stunde treiben uns Gewittergrollen und Regentropfen zur Eile. Wir schaffen es in einem Rutsch nicht mehr zur Hütte und suchen in einer kleinen Marienkapelle Schutz. Als das Gewitter vorüber ist, gehen wir noch 10 Minuten und erreichen die Hütte gegen 16.30 Uhr. Auf der Hütte ist wenig los, es geht aber zünftig zu. Die Wirtin schenkt Schnaps statt Wein ins Glas ein. Sie hat die Flaschen verwechselt. Rudi wird zudem auf der Hütte von Bekannten aus München (Falk und Heidi) überrascht, die von der anderen Seite mit dem Fahrrad heraufgefahren sind.
Von Podkoren nach Thörl-Maglern. Strecke 18 km. Gehzeit 5.00 h. Aufstieg 730 m. Abstieg 940 m. Sommerwetter.
Vom äußersten slowenischen Nordwesten, der Oberkrain im Savetal, geht es zunächst zum Wurzenpass hoch. Dann folgen wir dem klassischen Südalpenweg 03 am Kamm entlang. An der Berggaststätte Dreiländereck machen wir bei herrlicher Aussicht eine lange Pause. Dann geht’s hinunter nach Thörl Maglern im Gailtal. Wolfgang Ambros kommt uns ins Gedächtnis: „die Gailtalerin is wieder do“. Wir bewegen uns heute im Dreiländereck zwischen den Ländern Italien, Österreich und Slowenien. Hier verläuft auch die Grenze zwischen den Karawanken und den karnischen Alpen. Wie sonst nirgends berühren sich hier die drei großen europäischen Kulturkreise des slawischen, romanischen und germanischen Raumes. Südkärnten hat nach dem Zusammenbruch des habsburgischen Kaiserreich erst 1920 unter jugoslawischen Besatzung per Volksabstimmung mit rund 60 Prozent entschieden, bei Österreich zu bleiben. Mit dem Ende der heutigen Etappe haben wir etwa ein Viertel des Gesamtprojektes der Alpendurchquerung von Ost nach Südwest geschafft. Die Ausrüstung hat sich bewährt. Sowohl die Funktionswäsche als auch der Regenschutz, Schuhe, Karbonfaltstöcke und Rucksack erfüllen die Erwartungen. Dennoch werden wir in den kommenden Tagen bei der Ausrüstung noch etwas nachjustieren. Das Zusammenspiel in unserem Zweierteam klappt reibungslos. Wir machen nun eine längere Regenerationspause. Am Mittwoch, dem 19. Juni geht es dann weiter auf dem Grenzkamm der Karnischen Alpen. Dann gibt es auch den nächsten Tagesbericht.
Tag 29: 12.06.2019, Mittwoch
Vom Alpengasthof Baumgartner nach Podkoren/Slowenien. Strecke 19,7 km. Gehzeit 5.15 h. Aufstieg 950 m. Abstieg 1020 m. Sommerwetter 25 Grad.
Wir gehen um 8.45 h los. Im Tal und über den Bergen hängen immer noch Wolken vom gestrigen, heftigen Gewitter. Im Hotel war gegen 22 h der Strom für 10 Minuten ausgefallen. Direkt hinter dem Hotel geht es steil hoch. Nach 1,5 Std. sind wir 700 m höher und ganz schön verschwitzt. In 1639m machen wir eine längere Pause bei der unbewirtschafteten Mitzl-Moitzl-Hütte mit tollem Blick auf Villach, das Drau- und Gailtal. Auf einer Höhe von 1730m knapp unterhalb des Mallestiger Mittagskogel (1801 m) kommen wir nach Slowenien und finden eine wunderschöne blühende Almwiesen vor. Wir sehen keine Murmeltiere, aber viele ihrer Bauten. Dann geht es für 2,5 Std. stetig und konstant bergab. Weiter in Tal werden die Wege besser. Sie sind nicht nur sehr gut gepflegt, sondern auch ausgezeichnet beschildert – eben ganz anders als in Kärnten. Schöne Ausblicke auf die Berge bei Kranjska Gora. Aus einer Wolke kriegen wir noch etwas Sommerregen ab, während wir sehr schnell gehen. Um 14.30 h sind wir im sehr übersichtlichen Stadtzentrum von Kranjska Gora. Trinken nach dem langen Weg erst mal ein Bier und essen italienisch in einem anderen Lokal. Dann geht’s etwa 25 Minuten nach Podkoren. Um 17.15h sind wir dort.
Almwiese auf 1730 m in SlowenienBerge bei Kranjska Gora
Tag 28: 11.06.2019, Dienstag
Von Rosenbach zum Alpengasthof Baumgartner. Strecke 17,7 km. Gehzeit 4.40 h. Aufstieg 840 m. Abstieg 520 m. Sommerwetter mit nachmittäglicher Gewitterneigung.
Start ist um 09.00 Uhr. Das Wetter ist drückend warm und wir schwitzen stark. Wir gewinnen schnell an Höhe und schon wird es angenehmer und luftiger. Bald genießen wir einen schönen Ausblick über das weit unter uns liegende Drautal und den Faaker See, während wir – statt Mittagessen – ein Bier trinken. Wieder werden wir auf Verhaltensregeln mit Bären hingewiesen. Dabei sind es nicht die Bären oder Wölfe, die uns beunruhigen, sondern eher die Zecken und übelgelaunte Hofhunde. Eine halbe Stunde schlagen wir uns durch Unterholz und wegloses Gelände bis wir wieder auf den Südalpenweg 03 kommen, der hier teilweise mit dem Alpe Adriaweg parallel läuft. Zum Schluß laufen wir im Eiltempo dem drohenden Nachmittagsgewitter davon und erreichen um 15.15 Uhr die Unterkunft. Gerade noch rechtzeitig bevor es mit Donner und Hagel losgeht. Offensichtlich sind wir schon gut eingelaufen, denn wir unterbieten die üblichen Gehzeiten um etwa 20 Prozent. Gegenüber dem gestrigen Tag war die heutige Etappe schon fast ein Erholungstag.
Immer wieder sind wir im Bärengebiet
Tag 27: 10.06.2019, Montag
Von der Klagenfurter Hütte nach Rosenbach. Strecke 28,0 km. Gehzeit 7.30 h. Aufstieg 830 m. Abstieg 1900 m. Sommerwetter.
Heute war der bisher härteste Tag der Wanderung. Und das, nachdem Hütten sind nicht unbedingt die bequemste Unterkünfte sind, die man sich vorstellen kann. Wir starten um 8.45h, entweder Steige oder Versorgungsweg und anschließend den Weg zum grossen Parkplatz. Um 12h waren wir endlich dort. Es sind am heutigen Pfingstmontag unglaublich viele Wanderer/innen, die in Richtung Klagenfurter Hütte wandern oder mit dem Rad fahren. Am Parkplatz folgen wir dem Hinweisschild „Maria Elend 4 h“ und gehen unserem Weg mit „A“ etwa 1,25 Std steil bergauf. Dann stellen wir fest, dass wir nach ca. 250 hm auf der slowenischen Gradseite sein würden. Wir entscheiden uns, wieder abzusteigen. Zwei Stunden mit etwa 400 Hm hat uns dieser Weg gekostet. Dann gehen wir für ca. 40 Minuten den steilen/nervigen Fahrweg runter. Finden eine Forststrasse, weil das Internet endlich wieder funktioniert. Das bedeutet weitere 13 km vor allem durch Wälder bis zur Unterkunft. Es zog sich schon sehr. Keine Einkehrmöglichkeit unterwegs. Ein paar Trinkpausen, prüfen, ob wir noch richtig unterwegs sind, das war alles. Im Grunde gingen wir ohne Essen von 8.45h bis 17.30h durch. Es war gut, endlich angekommen zu sein.
Tag 26: 09.06.2019, Sonntag
Von Ferlach/Unterbergen zur Klagenfurter Hütte. Strecke 17,7 km. Gehzeit 5:40 h. Aufstieg 1350 m. Abstieg 160 m. Sommerwetter.
Wir starten um 07.50 Uhr am Fuß des Loibl-Passes. Es geht stetig bergauf entlang der Tscheppa bis zur Tscheppaschlucht. Nachdem wir dieses Naturjuwel durchwandert haben, steigen wir auf ins Bodental, wo wir beim Sereinig ein deftiges „Verhackerbrot“ verspeisen. Bequem geht es weiter bis zur Märchenwiese. Ein Schild mit Verhaltensregeln weist uns darauf hin, dass wir uns in einem Bärengebiet befinden. Die letzten 800 Höhenmeter werden auf einem Steig überwunden, der am Schluss noch richtig alpin wird und mit Eisenseilen abgesicherte ist. Nach einem schneebedeckten Sattel erreichen wir gegen 15.30 Uhr die sehr schön gelegene Hütte. Es gibt keinen Handy Empfang, somit erfolgt die Erstellung dieses Tagesbericht später als sonst.
Einer der Tscheppa-WasserfälleBlick von der Klagenfurter Hütte
Tag 25: 08.06.2019, Samstag
Von Waidisch nach Ferlach/Unterbergen. Strecke 7,7 km. Gehzeit 1:45 h. Aufstieg 120 m. Abstieg 240 m. Sonniges Wetter mit 25 Grad.
Gestern Abend saßen wir lange vor dem Gasthaus mit der riesigen 400jährigen Linde und unterhielten uns mit vielen Leuten. Es war ein Gemisch aus Kärtnerisch, slowenischen und deutsch. Um 21:00 h kamen dann noch 12 Feuerwehrleute von ihrem Einsatz vorbei (Waldbrand in der Nähe mit 400 Feuerwehrleuten und 4 Hubschraubern im Einsatz). Der Hahn hat uns heute dann schon früh geweckt. Der Weg bis Ferlach (17 km von Klagenfurt entfernt und unterhalb des Loibl-Passes) ist kurz. Um Mittag waren wir also ganz locker in Hotel angekommen. Der heutige Tag dient der Regeneration. Das ist für alte Herren wichtig, um das Projekt mit Freude fortzuführen. Waschen, ausruhen, am Pool rumhängen und Kräfte sammeln ist angesagt für die nächsten harten Tage. Und Alex will die Route und Unterkünfte bis zum nächsten Wochenende organisieren. Keine leichte Aufgabe. Wir werden uns voraussichtlich nach der Klagenfurter Hütte am slowenisch/österreichischen Grenzkamm orientieren.
Bei der grossen Linde in Waidisch
Tag 24: 07.06.2019, Freitag
Vom Koschutahaus nach Waidisch. Strecke 11 km. Gehzeit 3:00h. Aufstieg 290 m. Abstieg 1020 m. Sonniges Wetter mit 23 Grad.
Heute und vor allem Morgen haben wir eher gemütliche Tage, auch um uns ein wenig zu erholen. Wir starten um 09.15 Uhr. Es geht eine ganze Weile erst mal die Fahrstrassen hinab, dann steiler auf schmalen Pfaden runter ins Tal. Die wenigen Hütten sind über Pfingsten ausgebucht, deshalb müssen wir auf Unterkünfte im Tal ausweichen. Zwischendurch gehts aber auch kräftig in die Höhe. Schöne Ausblicke auf die Bergkette, meist in Slowenien gelegen und mit vielen Schneefeldern. Wanderer sehen wir nicht. Dann suchen wir den Abstieg nach Waidisch. Trotz Hinweisschild ist nichts zu sehen. Wir entscheiden uns für den „offiziellen“ Fernwanderweg, der schmal, überwuchert, steil und kaum zu erkennen ist. Kritisch sind Stellen, die schmal am Abhang voller Blätter und rutschig sind. Es war nicht einfach. Wir waren daher nicht unglücklich, um 13.00h in Waidisch, bestehend aus Kirche, Feuerwehr, Gasthaus und 5 Häusern im Tal angekommen zu sein. Wie üblich, sind wir die einzigen Gäste.
Das Wasser läuft den Berg runter
Tag 23: 06.06.2019, Donnerstag
Von Eisenkappler Hütte zum Koschutahaus. Strecke 17,6 km. Gehzeit 5:00h. Aufstieg 940 m. Abstieg 1030 m. Sonniges Wetter mit Gewitterneigung am Nachmittag.
Nach einem netten Hüttenabend, allein mit den Wirtsleuten, starten wir gegen 09.15 Uhr. Die Wirtin gibt uns zur Erinnerung und sicherem Geleit zwei Christopherus Plaketten mit. Bevor wir starten, suchen wir auf Empfehlung unserer Gastgeber direkt oberhalb der Hütte nach einem balzenden, aggressiven Auerhahn. Uns zeigt sich das Tier allerdings leider nicht. Der Weg heute ist abwechslungsreich. Ab dem Schaidasattel nehmen wir den „unteren Weg“ um die Schneefelder am Kamm zu umgehen. Das klappt auch ganz gut. Gegen 15.30 erreichen wir das Koschutahaus. Bleibt noch zu ergänzen: natürlich sind wir wieder einmal die einzigen Übernachtungsgäste. Der Hüttenwirt erzählt abends von einem Bären, der einmal im Jahr vorbeischaut, zwei Schafe reist und zur „Nachspeise“ dann noch einen Bienenkorb ausräumt. Dann holt es sich noch ein paar Fische aus dem Teich. Wir sind halt in einer ursprünglichen Gegend. Kein Internet auf der Hütte.
Tag 22: 05.06.2019, Mittwoch
Von Sittersdorf zur Eisenkappler Hütte. Strecke 19,5 km. Gehzeit 5:30 h. Aufstieg 1.260 m. Abstieg 210 m. Sonniges Wetter bei über 25 Grad.
Schon beim Start um 9.15 h ist es heiß und sonnig. Die ersten 10 km gehen am Rand des Tales entlang. Für jeden Schatten und Wald sind wir froh. Dann wird das Tal eng und um 11.30h biegen wir ab. Die nächsten gut 3 Stunden gehts dann konstant und stetig hoch mit etwa 1.200 Höhenmeter und knapp 10 Kilometern überwiegend auf einem etwas kiesigen Versorgungsweg. Das zieht sich! Schatten gibt es nur kurzzeitig und nicht nur die Träger unserer Rucksäcke werden feucht. Alex empfiehlt ein langsames, aber konsequentes Tempo, um einen „Altherren-Flow“ zu erreichen. Haben wir aber irgendwie nicht geschafft. War einfach ein langer Weg in der Hitze ohne besondere Ausblicke den Berg hinauf. Die Höhepunkte waren schon die Rufe eines Kuckucks, eine halb verweste Gemse am Wegrand und eine etwa 60 cm lange Schlange, die vor uns den Weg kreuzte. Im letzten Teil stiegen wir steiler aufwärts auf schmalen Wanderwegen. Kurz vor 15h folgten wir der Forststrasse, die uns aber zu weit hoch führte. Quer durchs Gebüsch herunter kamen wir endlich im 15.30h an der Eisenkappler Hütte (1553 m) an, wo wir mit Blick auf die slowenischen Steiner/Sulzbacher Alpen (völlig verschneit) erst mal aßen und tranken. Keine Wanderer unterwegs und auch auf der Hütte sind wir die einzigen Gäste.
Unser Blick auf die Steiner Alpen/Slowenien
Tag 21: 04.06.2019, Dienstag
Von Bleiburg nach Sittersdorf. Strecke 24,4 km. Gehzeit 4:35 h. Aufstieg 410 m. Abstieg 380 m. Sonniges Wetter bei über 25 Grad.
Um 9.15 h starten wir bei wolkenlosem Himmel. Es geht über Felder und Waldwege. Die Sonne brennt und Schutzfaktor 50 bei der Sonnecreme ist angesagt. Vor uns die Silhouette der verschneiten Karawanken. Unterwegs klingelt das Telefon, die Koschutahütte ist dran und warnt uns beim Weg vor Schneefeldern. Das ist das tückischste Problem bei Frühsommertouren im Gebirge. Im Ort Sittersdorf kehren wir in einer Gaststätte ein, kaufen Getränke und Verpflegung und wandern damit noch ca. 2 km über heiße Asphaltstrassen bis zu unserer Unterkunft. Dort kommen wir gegen 16.45 Uhr an. Wir haben bei sehr freundlichen Leuten eine über eine ganze Etage reichende Ferienwohnung ganz für uns allein. Sie liegt an einem See. Jeder hat ein separates Schlafzimmer. Leider können wir nur eine Nacht bleiben. Übrigens: wir sind mal wieder die ersten Gäste der Saison und die einzigen im Haus.